"Physik ist Realität, keine Ansichtssache": ARD-Wettermann Sven Plöger spricht im Interview Klartext
Auch wenn ARD-Wetterexperte Sven Plöger natürlich mit ganz anderen Augen morgens aus dem Fenster blickt, eint ihn doch mit der besorgten Republik die bange Frage, ob angesichts der vielen Krisen und Katastrophen morgens die Welt "draußen" überhaupt noch steht. Doch von Faktenverdrehern, die absichtsvoll gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über die gefährlichen Folgen des Klimawandels leugnen, lässt sich der Diplom-Meteorologe und TV-Moderator nicht kirre machen. Der 58-jährige Rheinländer, der so viel Zeit wie möglich in der freien Natur, beim Bergwandern, Gleitschirmfliegen oder Tauchen verbringt (und darüber auch regelmäßig starke Dokumentationen, meist für die ARD, dreht), hat eine überzeugende Taktik perfektioniert, wie man Menschen erreicht und bestenfalls für die Wissenschaft zurückgewinnt: Plöger versteht sich auf die hohe Kunst des Humors – auch und gerade dann, wenn es ihm um die ernsten Angelegenheiten geht. Kein Wunder, dass er als Auftrittsredner sehr gefragt ist.
prisma: Herr Plöger, viele kennen Sie aus den Wetternachrichten im Fernsehen. Doch Sie treten Sie regelmäßig auch als Redner auf – meist zu Programmen rund um den Klimawandel. Am Mittwoch, 11. März, kommen Sie mit dem Bühnenprogramm "Alles Klima, oder was?" in den Münchner Schlachthof. Was reizt Sie daran, live vor Publikum aufzutreten?
Sven Plöger: Ich bin eigentlich hauptsächlich Vortragsreisender. Die Wetterberichte im Fernsehen sind heute eher mein Hobby, das ich aber sehr ernsthaft und mit großer Freude betreibe. Das öffentliche Auftreten und der direkte Kontakt mit den Menschen – Wissenschaftlern wie Laien – sind mir sehr wichtig. Ich habe 2002 mit Vorträgen angefangen, also vor über 20 Jahren, und inzwischen rund 900 bis 1.000 Vorträge vor 500 bis 1.500 Menschen gehalten. Für mich ist ein Abend in einem Veranstaltungssaal also nichts so Ungewöhnliches (lacht).
"Fake News verbreiten sich schnell, weil sie einfach sind. Physik zu erklären ist schwer."
prisma: Der Münchner Schlachthof beispielsweise ist jedoch ein Ort, den man eher mit Kabarett, Kleinkunst und Konzerten verbindet.
Sven Plöger: Genau das macht es spannend. Ich mache jedes Jahr zwei- bis dreimal bewusst ein Bühnenprogramm. Mir ist wichtig, dass Unterhaltung stattfindet, dass es humorvoll ist. Ich bin weit davon entfernt, dystopisch oder apokalyptisch aufzutreten, auch wenn das Thema natürlich ernst ist.
prisma: Also wird es kein Abend, nach dem man mit hochrotem Kopf nach Hause geht und auf dem Weg vor Scham kurzentschlossen den Autoschlüssel in den Gulli wirft?
Sven Plöger: (lacht) Nein, das würde ich nicht empfehlen. Niemand sollte einfach so seine Autoschlüssel in den Gully werfen. Mir geht es um diesen schmalen Grat: Unterhaltung auf der einen Seite, Ernsthaftigkeit auf der anderen. Der Klimawandel ist Physik – und der ist es völlig egal, ob wir ihn ignorieren oder nicht. Aber man kann diese Inhalte in Geschichten verpacken, verständlich und zugänglich.
prisma: Humor als Türöffner?
Sven Plöger: Absolut. Humor ist eines der wichtigsten Bindeglieder von Gesellschaften. Auch bei ernsten Themen. Wenn ich sage: Zur Physik braucht man keine Meinung, man muss sie verstehen – und dann frage, ob jemand schon mal versucht hat, die Schwerkraft abzulehnen, dann ist das lustig. Aber es macht auch klar: Physik ist Realität, keine Ansichtssache.
prisma: Man muss nicht nur an Donald Trump und sein Umfeld denken, wenn es um das Ausblenden von Wissenschaft oder Stimmungsmache gegen gesicherte Fakten geht. Wie weh tut es Ihnen als Wissenschaftler, dass mithin Tatsachen als reine Ansichtssache angesehen werden?
Sven Plöger: Ja, das dreht einem den Magen um. Aber sich aufzuregen hilft nicht. Fake News verbreiten sich schnell, weil sie einfach sind. Physik zu erklären ist schwer. Und wenn Fake News auch noch Verhaltensänderungen vermeiden helfen, werden sie besonders gern geteilt.
"Wissenschaft darf nicht den Populisten hinterherrennen"
prisma: Wie geht man dagegen an?
Sven Plöger: Nicht, indem man sich rechtfertigt. Das ist der größte Fehler. Wissenschaft darf nicht den Populisten hinterherrennen. Wir müssen die Themen setzen, erklären, veranschaulichen. Gute Geschichten erzählen, Aha-Erlebnisse schaffen – mit richtigen Inhalten.
prisma: Geschichten, auch Anekdoten aus Ihrem Privatleben, spielen auch auf der Bühne eine große Rolle.
Sven Plöger: Ja, ich erzähle auch viel Persönliches. Ich bin Gleitschirmflieger, Segelflieger, Taucher. Ich erlebe viel draußen – und ziehe offenbar auch Missgeschicke an. Slapstick passiert mir einfach. Das gehört dazu und lockert den Abend.
prisma: Trotzdem bleibt der Kern ernst. Wie wichtig ist es, dass ein Appell zwar gut verpackt wird, aber nicht untergeht?
Sven Plöger: Natürlich darf das nicht passieren. Mir liegen der Klimawandel und seine Auswirkungen tief am Herzen. Wenn ich sehe, wie sich extremes Wetter häuft, welche Schäden entstehen, welches Leid das verursacht, dann macht mich das traurig. Ich möchte Haltung vermitteln. Eltern sagen ihren Kindern ja nicht: Euch soll es später schlechter gehen als mir. Wenn man das ernst meint, muss man sein eigenes Verhalten hinterfragen.
prisma: Sie sprechen viel über Haltung im Kopf.
Sven Plöger: Ohne Haltung geht nichts. Wenn man sagt, das Problem ist zu groß, wir können sowieso nichts tun, dann wird das zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Das erkläre ich oft mit einem Sportvergleich: Wer beim Start eines Rennens sagt, ich kann eh nicht gewinnen, wird es auch nicht schaffen.
prisma: Also mehr Psychologie bei Ihren Vortragsabenden als moralischer Zeigefinger?
Sven Plöger: Genau. Ich bin kein Ratgeber, der sagt: "Fahr Fahrrad statt Auto!" Das wissen die Leute. Mich interessiert, wie unser Kopf funktioniert, warum wir einen negativen Bias haben, warum wir Gefahren anders wahrnehmen. Viele Menschen gehen immer vom Schlechtesten aus. Die Folge ist: Sie resignieren und klinken sich aus. Diese Spirale müssen wir verlassen.
"Ich freue mich über Wolken"
prisma: In Ihren TV-Dokus setzen Sie auf starke Bilder, etwa aus der Arktis oder aus den Alpen. Wie sehr nervt es Sie, dass von Grönland zuletzt nur im Umfeld der militärischen und wirtschaftlichen Pläne von Trump zu hören war? Eigentlich ist Grönland doch Ihr Thema ...
Sven Plöger: Stimmt natürlich. Die Diskussion verzerrt komplett die eigentliche Dringlichkeit. Das Eis dort schmilzt fünfmal so schnell wie in den 1980er-Jahren, zwei- bis dreimal schneller als selbst pessimistische Prognosen vor 20 Jahren vorhersagten. Wir verlieren 29 Millionen Tonnen Eis – pro Stunde. Das sind Zahlen, um die man sich kümmern sollte.
prisma: Trotzdem bekommen oft andere Themen mehr Aufmerksamkeit.
Sven Plöger: Trumps Unsinn erzeugt leider enorme Aufmerksamkeit. Aber ich kann das nicht ändern. Ich kann nur versuchen, über das Wesentliche zu sprechen – über das Eis, den Ozean, die Menschen vor Ort. Und das möglichst gut erzählt.
prisma: Natur erleben scheint für Sie zentral zu sein.
Sven Plöger: Absolut. Draußen sein, in der Luft, in den Bergen. Wandern, Gleitschirm fliegen, Skifahren. Natur spüren, heißt auch, ihre Größe zu erkennen – und die eigene Kleinheit. Das schafft Respekt.
prisma: Und vielleicht auch Entschleunigung?
Sven Plöger: Genau. Ein viel schöneres Wort als Verzicht. Wenn man beim Klimathema mit Verzicht kommt, gibt es pubertären Widerstand.
prisma: Wie meinen Sie das?
Sven Plöger: Die Leute versteifen sich und machen einfach zu. In den Bergen weitet sich der Blick. Wer die Schönheit und die Bedrohtheit der Natur sieht, öffnet sich leichter. So ist es auch mit der Entschleunigung. Sie kann ein ganz persönlicher Gewinn sein. Man verzichtet dann manchmal ganz nebenbei – und merkt es kaum.
prisma: Letzte Frage: Es müsste ja viel Spaß machen, gemeinsam mit Ihnen in die Berge zu gehen. Ist man dann auch davor geschützt, sich wieder arg zu ärgern, wenn man beim Wandern doch mal wieder vom Regen überrascht wird?
Sven Plöger: Das stört mich überhaupt nicht. Ich freue mich über Wolken, erkläre sie gern – manchmal auch ungefragt. Aber Natur ist kein Streichelzoo. Gewitter sind gefährlich, egal wie man darüber denkt. Mit Respekt kann man viel erleben. Ohne ihn wird es riskant.
Du willst keine News mehr verpassen? Auf unserem WhatsApp-Kanal informieren wir dich über die Top-News aus der TV- und Streamingwelt!
Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH