Kommissar der neuen RTL-Thrillerreihe

"Der Lehrer"-Star Hendrik Duryn im Interview: "Es ist also nichts anderes als Voyeurismus"

24.01.2023, 15.30 Uhr
von Elisa Eberle

Hendrik Duryn wechselt das Fach. Große Bekanntheit erlangte er durch seine Rolle in der Serie "Der Lehrer". In der RTL-Thrillerreihe "Dünentod – Ein Nordsee-Krimi" bekommt es der Schauspieler nun mit ganz anderen Fällen, als mit Schüler-Problemen, zu tun. Ab dem 31. Januar schlüpft Hendrik Duryn in die Rolle des Kommissars. Im Interview spricht der Ex-TV-Pauker über seine Kindheitsträume und wie viel Realität in einem Fernsehkrimi steckt.

Er zählt zu den bekanntesten Paukern des deutschen Fernsehens: Als "Der Lehrer" Stefan Vollmer war der Schauspieler Hendrik Duryn von 2009 bis 2021 in neun Staffeln der gleichnamigen RTL-Comedy-Serie zu sehen. Die Rolle verfolgt den inzwischen 55-jährigen Leipziger: Zum Start des Einstellungsverfahrens für das neue Schuljahr 2019/2020 warb Duryn, der selbst aus einem Lehrer-Haushalt stammt, für den Lehrerberuf in Sachsen. Sein erstes eigenes Buch mit zwölf autobiografischen Episoden trägt den Titel "Sie sind doch DER LEHRER, oder?" (ab 18. April im Handel erhältlich). Auch im Interview zur neuen Thrillerreihe "Dünentod – Ein Nordsee-Krimi" (am Dienstag, 31. Januar, und Dienstag, 7. Februar, jeweils um 20.15 Uhr, bei RTL) kommt Duryn immer wieder auf seine alte Paraderolle zu sprechen.

Mehrere Schauspieltalente in der Familie

In der Filmreihe, die auf der Dünen-Romanreihe von Autor Sven Koch basiert, spielt Duryn einen unkonventionellen Ermittler der Kripo Wilhelmshaven. Inwiefern sich die Filmreihe von anderen TV-Krimis unterscheidet und wie er die deutsche Fernsehkrimilandschaft verändern möchte, erklärt Duryn im Interview. Außerdem verrät der Lebensgefährte der Schauspielerin, Theaterregisseurin und Professorin für Schauspiel Anne-Kathrin Gummich, welche Bühnenrolle ihn bis in sein Privatleben verfolgte. Zum Schluss schwärmt er stolz vom Schauspieltalent seiner Adoptivtochter Nina Gummich die zuletzt als Alice Schwarzer in dem Spielfilm-Zweiteiler "Alice" (in der ARD Mediathek) zu sehen war.

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prisma: Viele kleine Jungen träumen davon, später einmal Polizist zu werden. Ging es Ihnen auch so?

Hendrik Duryn: Nein, mein Kindheitstraum war nicht, Polizist zu werden oder Kriminalist. Ich kann mich gar nicht entsinnen, dass ich überhaupt irgendwas werden wollte. Ich war immer einfach da. (lacht) Ich war im Leben drin, und es war toll. Ich hatte nie das Bedürfnis, erwachsen zu werden, und es ist mir auch nicht gelungen – Gott sei Dank – bis jetzt.

prisma: Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Kommissar aus?

Duryn: Die faszinierendste Eigenschaft eines Ermittlers ist, dass du nicht merkst, dass er ermittelt. Also dieses "Wo waren Sie am 31.03. zwischen 11.33 Uhr und 12.05 Uhr?" gibt es nicht! (lacht) Mein Produzent machte einmal einen Test: Er machte die ehemaligen Berliner "Tatort"-Kommissare Dominic Raacke und Boris Aljinovic mit einem Kollegen bekannt, der 30 Jahre lang Kriminalist war. Sie merkten nicht, dass sie verhört wurden, und sie merkten nicht, dass sie gestanden hatten.

"Mehr Details über die Arbeit der Ermittler"

prisma: TV-Krimi entsprechen also nicht der Realität?

Duryn: Nein, und das finde ich auch so schade: Beim "Lehrer" haben wir die Basis genommen: Wie funktioniert Schule wirklich? Als wir dann wussten, welche Strukturen es gibt, haben wir das Ganze überhöht und Widersprüche erschaffen. Genau das wollte ich schon immer mal im Krimi machen. Dass man sagt: "Lasst uns mal an die Grundlagen der Polizeiarbeit gehen, und lasst uns dann dramaturgisch gucken, was wir überspitzen, was aber immer noch realistisch bleibt, weil es authentisch ist, weil es menschlich ist: Es kann passieren, dass ein Ermittler oder eine gesamte SEK-Truppe an einer Stelle versagen. Bei größeren Fällen marschiert auch nicht der eine Ermittler los, sondern die SOKO. In diesen SOKOs arbeiten zig Leute, und genau das würde ich gerne im Film klarmachen: Dieser Ermittler oder diese Ermittlerin ist parallel mit drei, vier, fünf verschiedenen Dingen beschäftigt. Eines davon ist dieser Fall, aber die andere Arbeit muss trotzdem erledigt werden. Mit anderen Worten möchte ich mehr Details über die Arbeit der Ermittler in die Handlung reinbringen.

prisma: Kann so viel Detail im Film funktionieren?

Duryn: Absolut! Schauen Sie sich amerikanische Produktionen an: Die funktionieren! Komplexität bedeutet ja nicht eine Überforderung des Zuschauers. Es bedeutet unfassbar anstrengende Arbeit im Vorfeld, während du die Bücher schreibst. Der Film "Wir waren Könige" war so großartig, weil der Regisseur und Autor Philipp Leinemann jahrelang das SEK studiert hatte, und dann einen authentischen Fall über Bestechlichkeit der Polizei erzählen konnte.

prisma: Sie schwärmen ja richtig! Sind Sie ein großer Krimi-Fan?

Duryn: Nee, mich interessieren Krimis auch nur dann, wenn sie darunter eine Botschaft haben und nicht einfach nur einen Fall lösen oder auch nicht lösen, sondern wenn es um mehr geht als: "Jetzt schwimmt hier eine Leiche am Ufer, und wir müssen herausfinden, wer es war." Bei "Sherlock" mit Benedict Cumberbatch zum Beispiel ging es immer um mehr. Das ist das Spannende, neben den großartigen Schauspielern natürlich. Einfach nur Krimi finde ich langweilig.

prisma: Dennoch waren Sie in letzter Zeit häufig in Krimis zu sehen.

Duryn: Naja, das heißt ja nicht, dass ich Krimis pauschal schlecht finde. Als ich im "Bozen-Krimi" mitgespielt habe, hatte der Film eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als sonst. Das fand ich total super! Da dachte ich mir: "Wie geil! Ich will da noch mal mitspielen. Ach nein, meine Figur ist ja tot! Schade!" (lacht) Im Vorfeld hatte ich mehrere lange Telefonate mit dem Regisseur und Autor Thorsten Näter geführt. Das Buch hatte am Ende eine Botschaft, und du konntest dich in der Figur spiegeln. Das ist mir immer wichtig bei Kunst. Außerdem darf man nicht vergessen, dass unsere Fernsehwelt zu 90 Prozent aus Krimi-Formaten besteht.

Gute Geschichten finden, die in keine Schublade passen

prisma: Wie erklären Sie sich diese Faszination?

Duryn: Das klingt jetzt vielleicht doof, aber es ist auch das einfachste Genre. Du hast eine ganz klare Dramaturgie: Du hast eine Tat, du hast Ermittlungen, du hast zwei Blindspuren und eine Zielspur. Du weißt, dass das immer funktioniert, weil der Mensch immer wissen will, wer's war und wie der Täter überführt wird. Es ist also nichts anderes als Voyeurismus. Wie schwer ist es, gute Geschichten zu erfinden, die in keine Schublade passen? Wir haben das Genre der Sonntagsfilme, das Genre der Krankenhausserien und das Genre der Krimis. Deswegen war "Der Lehrer" auch so toll: Hinterher sagte die Presse: "Ist ja klar, dass das funktionieren musste, Schule kennt ja jeder!" Nur gab es 20 Jahre vor dem "Lehrer" die Reihe "Unser Lehrer Doktor Specht" und dazwischen nichts. Erst als es den "Lehrer" gab, kamen dann Filme wie "Fack Ju Göhte". Allerdings bleibt das Genre besonders teuer, denn du brauchst eine Schule, massenhaft Statisten als Lehrer und Schüler und jede Menge komplexer Konflikte.

prisma: Die ersten beiden Filme von "Dünentod – Ein Nordsee-Krimi" sind sehr düster. Ist dies ein Versuch, sich vom klassischen Krimi abzusetzen?

Duryn: Nein, weil es gar kein Krimi ist! Es ist ein Thriller! Das war von vorneherein das Bestreben der Produktionsfirma. Es war ihnen extrem wichtig, dass es vielleicht zwei Szenen gibt, in denen das Ermittler-Duo fragt: "Wo waren Sie?" Aber das ist nicht das, was wir erzählen wollen, denn das ist uninteressant. Wir erzählen, was mit den Menschen in dem Milieu passiert.

Den SS-Obergruppenführer "mit nach Hause genommen"

prisma: Im ersten Film finden die Ermittler mehrere verscharrte Frauenleichen in den Dünen. Nehmen Sie solche Geschichten auch nach Drehschluss ins Privatleben mit?

Duryn: Gar nicht! Ich kann das schon trennen. Dass es solche Geschichten auf der Welt gibt, ist leider klar, aber es verfolgt mich nicht. Für den Moment am Set ist es krass, gleichzeitig stellst du dir aber auch technische Fragen zum Drehablauf. Insofern ist es ein ganz anderer Realismus als der gezeigte Realismus im Film.

prisma: Gab es trotzdem mal eine Rolle, die Sie noch längere Zeit beschäftigt hat?

Duryn: Ich habe einmal den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, den Organisator der "Endlösung der Judenfrage", gespielt. Das war in einem Theaterstück namens "Die Wannseekonferenz", basierend auf den echten Protokollen. Der Typ war ein Familienvater, ein kaltes A****\loch, der dann in Prag erschossen wurde. Schon einen Tag vor der jeweiligen Aufführung war ich zu Hause nicht mehr zu ertragen, habe es aber selber nicht bemerkt: Ich hatte einen schneidenden Ton, ich habe ganz klare Ansagen gemacht: "Das musst du so und so machen!" Meine Tochter Nina Gummich war damals noch sehr klein. Meine Partnerin sagte dann: "Sag mal, was ist denn mit dir los?" Abends nach der Vorstellung musste ich immer noch mal durch die Stadt laufen, um den Charakterdreck der Rolle wieder loszuwerden.

"Er hat die gleichen Probleme wie ich oder wie wir"

prisma: Ihren Ausstieg bei "Der Lehrer" begründeten Sie unter anderem damit, dass Sie nicht mehr so sehr an der Entwicklung der Drehbücher beteiligt waren, Wie viel Hendrik Duryn steckt nun in Kommissar Wolf?

Duryn: Fakt ist, dass ich eine Einladung zur Mitarbeit an der Bearbeitung der Drehbücher erhielt, weil sie an meinem Input interessiert waren. Am Ende sollte es für die Produktion und für den Sender passen. Ob es mir gefällt, war nicht wichtig. Aber ja, es steckt ein Teil meiner Ideen drin. Der Typ Tjark Wolf ist allerdings komplett anders als ich. Das ist eine schöne Figur, in die ich wirklich gerne eintauche: Er hat die gleichen Probleme wie ich oder wie wir. Jeder von uns hat gewisse Traumata, Verletzungen oder Wunden, die er weggesteckt und mit anderen Erlebnissen überlagert hat. Aber das Ding rumort.

prisma: Inwiefern?

Duryn: Wenn du ein Leben lang eine schwere Verletzung versteckst, entstehen daraus ganz komische Verhaltensweisen, von denen du glaubst, sie seien normal. Dass Weihnachten immer die Streittage sind, liegt daran, dass jeder mit seinen Traumata nicht umgeht, weil es jetzt ja richtig schön sein soll. Aber gerade das macht die Situation so schwierig, und irgendwann knallt alles raus. Der Film "Das Fest" erzählt genau das. Das möchte ich auch in "Dünentod – Ein Nordsee-Krimi" erzählen. Dafür braucht es aber Minimum sechs Filme, damit der Zuschauer oder die Zuschauerin das auch wahrnehmen kann.

prisma: Wird es denn weitere Filme der Reihe geben?

Duryn: Das hoffe ich doch! Das liegt an Ihnen wie gut Sie die Werbetrommel für den Film rühren! (lacht)

Hendrik Duryn über seine Zeit als "Der Lehrer"

prisma: Würden Sie die Rolle ebenso lange spielen wie den "Lehrer"?

Duryn: "Der Lehrer" war vor allem deshalb so lang, weil er eine irrsinnige Biografie hat: 2006 wurde der Pilotfilm gedreht, doch erst 2009 wurde die erste Staffel ausgestrahlt. Bei der zweiten Staffel war es ähnlich. Und dann hintereinanderweg die beste Quote ever. Das ist wie eine verzögerte Geburt. Man könnte eigentlich sagen: "Der Lehrer" ab Staffel zwei war die Nachgeburt von "Der Lehrer". (lacht) Aber ja, Tjark Wolf würde ich schon gerne fünf, sechs Jahre lang spielen. Zwei, drei Filme pro Jahr – das wäre mega!

prisma: Vermissen Sie den "Lehrer" noch?

Duryn: Ja, total! Das war die tollste und intensivste künstlerische Arbeitszeit! Das war so faszinierend und großartig! Kürzlich habe ich das Projekt "Schlösserland Sachsen" veröffentlicht: In den Videos setze ich mich mit der Frage auseinander, was an Historie so geil ist. Da habe ich über 750 Sendeminuten gedreht, die wir in virtuelle Rundgänge durch die Burgen integrieren. Bei diesem Projekt kommt "Der Lehrer" wieder. Da arbeite ich teilweise mit einer Tafel und erkläre, was Architektur mit Macht zu tun hat, woher der römische Stil kommt und was er bedeutet und so weiter. Da nutzt mir "Der Lehrer", und sobald ich dort unterwegs bin und auf Schulklassen oder Familien treffe, höre ich ständig: "Oh, können wir ein Selfie machen?" Oder: "Ich habe die Serie geliebt! Ich bin damit groß geworden!" Das Ding hat wirklich eine Generation geprägt. Das glaubt man gar nicht!

prisma: Ist eine Ausweitung dieses Projekts auf andere Bundesländer geplant?

Duryn: Wir sind gerade dabei zu fragen. Das hängt ja immer davon ab, ob die anderen Bundesländer so organisiert sind, dass sie das wollen. Ich wollte das damals auch mit der Lehrerkampagne: Ich habe die damals für Sachsen gemacht, und wir hatten einen durchschlagenden Erfolg. Im darauffolgenden Jahr wollten doppelt so viele Menschen Lehramt in Sachsen studieren. Damals war das auch ein Angebot an die anderen Bundesländer. Am 18. April kommt nun erst mal mein Buch raus: Es heißt "Sie sind doch DER LEHRER, oder?", weil das einfach die Frage ist, die mir immer mal wieder gestellt wird. Vor zwei Jahren habe ich angefangen, darüber ein Buch zu schreiben, woraufhin eine Lektorin zu mir kam und sagte: "Alter! Das musst du unbedingt weitermachen!"

Zusammenarbeit mit Tochter Nina Gummich 

prisma: Würden Sie auch gerne mal mit Ihrer Tochter Nina Gummich zusammenspielen?

Duryn: Seit Jahrhunderten wäre das mega! Wir haben einmal zusammengespielt bei "Blueprint". Das war ihr erster großer Kinofilm, und sie war mega gut! Ich hingegen habe nur einen Rettungsassistenten mit zwei Sätzen gespielt. (lacht) Aber der erste Aufschlag war "Ein Vater zu Weihnachten". Da war ich zum Casting eingeladen, und mein damaliger Agent sagte: "Bring mal deine Tochter mit! Die brauchen eine Zehnjährige, und Nina ist doch frech, die ist doch gut!" Dann habe ich sie mitgenommen, und es war ein tolles Casting. Sie bekam die Rolle, ich nicht. Ich war dann begleitender Papa. Ihren Vater spielte Hannes Jaenicke.

prisma: Schlimm?

Duryn: Ich habe mich so geärgert! Aber Nina war einfach großartig: Bei ihrer zweiten Produktion hat sie mir das Drehbuch auf den Tisch geknallt und sagte: "Ich will das so machen, wie du das machst!" Ich habe sie gefragt: "Bist du dir sicher? Es gibt dann keinen Weg zurück mehr." – "Doch, doch, das will ich!" Dann hat sie angefangen, Rollen auseinanderzunehmen und zu gucken, wie die funktionieren. Im Nachhinein meinte sie nun zu mir: "Jetzt weiß ich, was du meintest: Es gibt keinen Weg zurück!" Denn du nimmst jedes Wort, jede Szene auseinander, und nur wenn Bücher gut sind, stellst du wenige Fragen. Das habe ich ihr beigebracht. Im Grunde fing es mit dem "Lehrer" also schon im Jahr 2000 an. (lacht)


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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