ZDF-Doku „Amerika unter Trump“: Wendet sich die Stimmung gegen Donald Trump?
"auslandsjournal – die doku: Amerika unter Trump – Wendet sich die Stimmung?" (Mittwoch, 24. Juni, 22.15 Uhr) ist die vierte Doku der USA-Experten Elmar Theveßen und Annette Brieger, die sich mit Donald Trump und "seinem" Land beschäftigt. Derzeit hängt der Präsident im Umfrage-Tief. Sind vielleicht sogar seine Tage gezählt? Im Interview zum Film erklärt Elmar Theveßen, wie sich der Widerstand gegen Trump in den USA formiert, ob er eine Chance hat und welche demokratischen Hoffnungsträger in zwei Jahren um die Präsidentschaft kämpfen könnten.
Warum viele Amerikaner die Gefahr für die Demokratie unterschätzten
prisma: Wenn Sie auf Trumps zweite Amtszeit blicken: Ist bisher alles so gekommen, wie sie es erwartet hatten, oder hat Sie der Mann überrascht?
Elmar Theveßen: Inhaltlich habe ich seine Politik so erwartet, wie wir sie erleben. Was mich überrascht hat, ist die Geschwindigkeit, mit der er das politische System umbaut. Donald Trump geht es vor allem um die Vergrößerung seiner Macht. Es befriedigt ihn, diese Macht zu spüren. Dies ist sein Antrieb. Ich war über die anderthalb Jahren seit seinem Amtsantritt schon verblüfft, auf wie wenig Gegenwehr sein Unterfangen stößt. Gerade vom Kongress, aber auch von den Gerichten hätte ich etwas anderes erwartet. Momentan wird die Gegenwehr etwas stärker, aber sie regt sich für mich überraschend spät.
prisma: Warum haben sich die demokratischen Kräfte in den USA nicht stärker gewehrt?
Theveßen: Viele in den USA haben unterschätzt, wie schnell man die Demokratie aushöhlen kann. Vor allem die Gewaltenteilung und die Verfassung. Man war auf diesen Sturmangriff Trumps nicht vorbereitet. Natürlich gab es die Bundesstaaten, die mit ihren Justizministern teils schon vorbereitete Klagen eingereicht haben. Es gab demokratische Abgeordnete, die sich sehr deutlich und scharf geäußert haben. Auch demokratische Gouverneure wie Gavin Newsom in Kalifornien oder JB Pritzker in Illinois stellen sich Trump entgegen. Man muss aber auch sehen: Es gab in der Bevölkerung den Wunsch, dass sich in den USA etwas verändern soll. Vor allem in Sachen Zuwanderung und Wirtschaft. Deshalb waren viele neugierig und hoffnungsvoll, ob Trump mit seinem Weg Erfolg haben würde. Gleichzeitig haben sich diese Abwartenden gedacht: Wir haben ja ein System mit Checks & Balances. Unserer Demokratie kann nichts passieren.
Republikaner zwischen Loyalität, Angst und Karriereinteressen
prisma: Wie hat Trump es geschafft, das System zu überlisten?
Theveßen: Er trickst das System aus, bricht Gesetze, arbeitet komplett schamlos mit falschen Narrativen und nutzt sie, um gegen bestehende Gesetze zu handeln. Es ist eine Art Schock-Strategie, die Trump anwendet – und sie hat anfangs recht gut funktioniert. Die gute Nachricht lautet jedoch: Es tut sich was bei der Opposition gegen Trump. Und das auf verschiedenen Ebenen ...
prisma: Lassen sie uns mit der republikanischen Partei beginnen, unter deren Banner Trump ja segelt. Warum wehren sich die Republikaner nicht gegen Trumps autokratische Bestrebungen?
Theveßen: In der republikanischen Partei gibt es nach wie vor recht wenig Widerstand gegen Trump. Die, die sich trauen, lassen sich nicht mehr einschüchtern, weil sie ihren Ausstieg aus der Politik bereits geplant haben. Wer die politische Karriere nicht fortsetzen möchte, traut sich, Trump zu kritisieren. Alle anderen scheinen einen Pakt mit ihm geschlossen zu haben. Auch was Trumps Zustimmungswerte unter republikanischen Wählern betrifft, liegen die noch erstaunlich hoch. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit lag die Zustimmung bei über 80 Prozent. Mittlerweile ist dieser Wert auf deutlich unter 80 Prozent gefallen, aber Trump hat immer noch eine klare Mehrheit für seinen Kurs. Es gibt eine "Leaving MAGA"-Bewegung in den USA, da haben wir für den Film auch mit einer Vertreterin gesprochen. Zahlenmäßig ist diese Gruppe noch nicht besonders groß, aber sie wächst. Diese Leute haben meinen höchsten Respekt, denn sie tun etwas doppelt Schmerzhaftes. Einerseits machen sie sich zu Verrätern der eigenen Bewegung und laufen Gefahr, ihr soziales Umfeld gegen sich aufzubringen. Außerdem müssen sie zugeben: Ich lag falsch mit meinen Überzeugungen. Letzteres ist ein unfassbar schmerzhafter Prozess.
Protest in den USA: Warum Widerstand viele Formen annimmt
prisma: Schauen wir auf die Demokraten. Wie ist die Situation der Partei im Sommer 2026?
Theveßen: Ich glaube, die Demokraten lecken immer noch ihre Wunden. Die Einsicht, was sie falsch gemacht haben, weshalb sie die Menschen nicht mehr überzeugen konnten – sie ist da. In verschiedenen Bundesstaaten kann man demokratische Politiker beobachten, die neue Wege gehen und damit Gehör bei den Leuten finden. Beto O'Rourke in Texas ist ein solcher moderner Politiker, den wir uns für den Film näher angeschaut haben. Dann gibt es die Opposition der Anwälte, die nicht zu unterschätzen ist. Eine ganze Reihe von Anwälten hat ihre alten Elite-Kanzleien und sehr gut bezahlte Jobs verlassen, um sich Gruppen wie der Washington Litigation Group anzuschließen. Bisher wurden schon über 40 Klagen gegen das Handeln der Trump-Regierung von solchen Organisationen eingereicht. Das geht von großen Klagen wie dem rechtswidrigen Einfrieren von Geldern für bestimmte Institutionen und Aufgaben bis hin zur Rechtshilfe für Wahlleiter irgendwo im Land, die unter Druck geraten. Die Menschen werden von denen pro bono unterstützt, also kostenlos. Die erfolgreiche Klage gegen die Umbenennung des Kennedy Center geht auf eine solche Initiative zurück.
prisma: Wie sieht es mit Demonstrationen und Bürgerprotesten aus?
Theveßen: Demonstrieren zu gehen hat in den USA nicht so eine große Tradition wie in Europa. Die großen Demonstrationen, wo Hunderttausende oder sogar Millionen auf die Straße gehen, hatten in den USA meist mit Protesten gegen Rassismus zu tun. Etwa während der Bürgerrechtsbewegung in den 60-ern oder der "Black Lives Matter"-Bewegung vor einigen Jahren. Nichtsdestotrotz sind die USA ein Land, in dem sich viele Menschen für Bürgerrechte engagieren. Diese Widerstände sind auf jeden Fall eine weitere Säule im Kampf gegen Trump. Menschen helfen Migranten, die sich wegen ihrer Angst vor Abschiebung nicht mehr aus dem Haus trauen. Oder sie schreiben Protestsongs – da haben wir ein junges Duo in Chicago besucht. Wir waren auch bei einer Ballettgruppe, die vor dem Lincoln Memorial in Washington Auszüge aus den Epstein Files tanzt – zur Musik von Madonna "Live To Tell". Diese Menschen gehen alle ein erhebliches Risiko ein. Der Choreograf der Truppe hat mir erzählt, dass er seinen Pass immer bei sich trägt, um im Verhaftungsfall nachzuweisen, dass er Amerikaner ist. Die Formen des Widerstands in den USA sind vielfältig.
Was passiert, wenn Donald Trump eine Wahl für ungültig erklärt?
prisma: Nun blicken viele gespannt auf die Midterms-Wahlen im kommenden Herbst. Da droht Trump laut Umfragen eine deutliche Niederlage. Glauben Sie, dass die Wahlen regulär ablaufen werden?
Theveßen: Noch ist es etwas zu früh für eine Prognose, doch nach jetzigem Stand haben die Demokraten eine Chance, die Mehrheit in beiden Häusern zu erobern. Sie werden auf keinen Fall eine Zweidrittel-Mehrheit in einem der Häuser erhalten, was nötig wäre, um Trump richtig auszubremsen. Aber sie könnten ihm das Leben mit einfachen Mehrheiten deutlich unangenehmer machen. Donald Trump ist es allerdings zuzutrauen, dass er die Wahlen beeinflussen wird. Indem er beispielsweise ICE-Agenten an den Wahllokalen postiert und damit Wähler abschreckt, die dann lieber einen großen Bogen ums Gebäude machen. Er hat auch schon alle Wählerlisten aus den Bundesstaaten angefordert, auch wenn er sie noch längst nicht alle bekommen hat.
prisma: Man traut Trump und der MAGA-Bewegung nicht wirklich zu, dass sie die Macht freiwillig abgeben. Worauf muss man sich einstellen?
Theveßen: Auf allerlei Manöver, die Macht mit allen Mitteln zu erhalten. Trump will ja die Briefwahl abschaffen, was ihm demoskopisch nutzen würde. Er will generell die Regeln zur Wahl selbst machen – was allerdings verfassungswidrig ist. Es sei denn, er würde den Notstand erklären. Dann könnte er die Regeln neu schreiben und auch die Wahlen aussetzen. Der Oberste Gerichtshof müsste am Ende entscheiden. Es ist absolut vorstellbar, dass die Angst vor dem Machtverlust im Weißen Haus dazu führt, dass Trump gedenkt, Wahlen zu beeinflussen oder sie gar für ungültig zu erklären.
prisma: Was, glauben Sie, würde in den USA passieren, wenn Trump die Wahl für ungültig erklärt?
Theveßen: Es würde das Land politisch ins Chaos stürzen. Unwahrscheinlich ist, dass Trump freiwillig die Präsidentschaft abgibt. Weder ein Amtsenthebungsverfahren noch Zusatzartikel 25 zur Amtsunfähigkeit des US-Präsidenten werden bei ihm zum Tragen kommen. Die einzige Frage, die sich stellt, ist, ob er aus gesundheitlichen Gründen das Feld räumen muss. Ansonsten wird er mit Dekreten weiter regieren. Es ist ihm jetzt schon relativ egal, was der Kongress macht. Wenn der Kongress es ihm schwer macht, kann er versuchen, Fakten zu schaffen. Dann muss man schauen, ob diese vor Gericht Bestand haben.
Elmar Theveßen nennt mögliche Demokraten-Kandidaten für 2028
prisma: Schauen wir auf demokratische Bewerber fürs Präsidentenamt in zwei Jahren. Sehen Sie am Horizont eine charismatische Führungspersönlichkeit, die viele Menschen begeistern könnte? Sozusagen einen neuen Obama?
Theveßen: Es ist noch zu früh für diese Frage. Damit ein Massenhype um einen Demokraten oder eine Demokratin entsteht, müssten sich alle in der Partei hinter dieser Figur versammeln. Gegenwärtig liegt der Fokus jedoch auf den Zwischenwahlen – und damit sehr unterschiedliche Leute. In manchen Gegenden, zum Beispiel den großen Städten, funktionieren durchaus linke Politiker für die Demokraten. In konservativeren Gegenden muss man hingegen andere Köpfe anbieten, wenn man eine Chance haben will.
prisma: Wenn Sie ein paar Namen in den Ring werfen müssten, die 2028 fürs Präsidentenamt antreten könnten – wen halten Sie für möglich?
Theveßen: Gouverneure wie Gretchen Whitmer aus Michigan oder Andy Beshear aus Kentucky, der als demokratischer Gouverneur in einem eigentlich republikanischen Bundesstaat wiedergewählt wurde – das sind Leute, die man im Blick haben sollte. Dann gibt es die schon erwähnten JB Pritzker und Gavin Newsom. Wobei ich darauf tippe, dass es keiner der beiden am Ende wird, weil sie auch polarisieren. Josh Shapiro, Gouverneur von Pennsylvania, würde ich noch nennen oder auch Wes Moore in Maryland. Interessant finde ich sehr junge Kandidaten, die eventuell infrage kommen: James Talarico, der erst 37 ist und ein Mitglied des Repräsentantenhauses aus Texas. Das ist ein Typ, den könnte man zum Kandidaten aufbauen. Sehr charismatisch und interessant ist auch Jon Ossoff, ein Senator aus Georgia, der gerade ein Momentum hat. Wenn man sich anschaut, wie seine Veranstaltungen laufen und wie charismatisch er rüberkommt – ebenso wie James Talarico -, da hätte man als Demokraten schon interessante Newcomer zu bieten.
Warum die Demokraten eine neue Obama-Figur brauchen
prisma: Worauf wird es für die Demokraten ankommen, wenn sie erfolgreich sein wollen?
Theveßen: Auf zwei Dinge. In Bezug aufs Präsidentenamt brauchen sie eine Figur, die eine Magie entfachen kann wie damals Barack Obama. Er war seinerzeit ja auch noch recht jung, was sicher in seiner Wahrnehmung eine Rolle spielte. Für die anstehenden Midterms kommt es erst mal darauf an, die eigenen Wähler zu mobilisieren. Wir sehen durch die Vorwahlen der letzten Wochen, durch Nachwahlen und Gouverneurs-Wahlen, dass die Mobilisierung zu gelingen scheint. Viele Demokraten haben kapiert, dass es jetzt darauf ankommt. Sie gewinnen aber nicht nur aus eigener Kraft, sondern auch deshalb, weil die Republikaner Probleme haben, ihre Leute zu mobilisieren. Einige Wähler gehen nicht mehr zur Urne, weil sie mit Trump und seinem Weg alles andere als einverstanden sind.
prisma: Wenden sich republikanische Stammwähler von Trump ab, weil sie die Abschaffung der Demokratie fürchten?
Theveßen: Ich glaube, wenn man fragt, womit die Menschen nicht einverstanden sind, geht es vorwiegend um hohe Preise für Lebensmittel und Benzin oder auch den Iran-Krieg. Da fühlen sich viele Leute verschaukelt, weil es ein Versprechen Trumps gab, sich aus fremden Kriegen rauszuhalten. Dennoch weiß er immer noch viele treue Wähler an seiner Seite. Sie sagen: "Na, das ist jetzt so eine Phase, aber in den nächsten zwei Jahren wird Trump all das reparieren und uns in eine goldene Zukunft führen." Es sind eben Fans – und von diesen Leuten gibt es nicht wenige in den USA.
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH