Jacques Rivette

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Regie-Rebell aus Frankreich: Jacques Rivette
Pierre Louis Rivette
Geboren: 01.03.1928 in Rouen, Frankreich

"Die einzige wahre Kritik an einem Film kann nur ein anderer Film sein" schreibt Jacques Rivette in den "Cahiers du Cinéma" als Redakteur (1963-1965). Zu dieser Zeit hat er schon den Halbstundenfilm "Le coup du berger" gedreht, er entstand 1956 (nach vorherigen Frühversuchen) gemeinsam mit Claude Chabrol und dem Kameramann Charles Bitsch. Seine Karriere beginnt Rivette als Assistent von Jean Renoir, später wird er Kameramann für François Truffaut und Eric Rohmer.

Sein Werk "Paris gehört uns" (1961) ist ein sehr typischer Film der Nouvelle vague. Gemeinsam mit Chabrol, Godard, Rohmer und Truffaut zieht er gegen das konservative französische Kino der Väter und Großväter zu Feld. Radikal sind sie, die jungen Individualisten mit einem Reichtum an cinematographischer Individualität, Phantasie und Vielfalt, die ihresgleichen sucht. In Stimmung und Hintergrund spürt man die Nähe zu Eric Rohmers "Im Zeichen des Löwen", doch der Stil ist ganz anders. Auch Rivette öffnet den Blick auf ein unbekanntes, fast dämonisches Paris, auf die kalte, gefühllose Steinwüste. "Nur von dem berichten, was man kennt" ist eine der wichtigen Forderungen der französischen Rebellen.

Da glauben in "Paris gehört uns" eine Gruppe von Studenten und Künstlern an einen Geheimbund, dem ein junger Exilspanier zum Opfer fällt. Doch das Ganze stellt sich als Schwindel heraus. Das Ende ist nicht komisch, sondern tragisch: Drei Menschen starben für eine Idee, die es nicht gab. Wie in "L'amour fou" (1969) und "Out 1" (1971) spielt das Theater eine wichtige Rolle. In "Out 1" werden zwei Schauspielgruppen bei Proben beobachtet, beide arbeiten an einem Stück von Aischylos, sie orientieren sich an Peter Brook und am Living Theatre. Der Protagonist ist ein junger Mann, gespielt von Jean-Pierre Léaud, der glaubt, eine Botschaft bekommen zu haben. Er sucht danach und stößt auf die magische Zahl 13.

Rivette liebt das Kino und beherrscht dessen Ausdrucksformen, deshalb gerät ihm auch "Die Nonne" (1966), die Verfilmung von Denis Diderots Skandalroman "La religieuse", nicht zum düster schweren Drama. Die Geschichte von Suzanne (Anna Karina), der unehelichen Tochter eines verarmten Adligen, die - zwangsweise ins Kloster gesteckt - ständigen Peinigungen ausgesetzt ist und dann zu fliehen wagt, ist ein eindringlicher Film, locker und phantasievoll - trotz der düsteren Thematik.

Zeit ist in Rivettes Filmen eine relative Sache: Dauert "Out 1" elf Stunden, "Die schöne Querulantin" (1991, mit Michel Piccoli, Jane Birkin und Emmanuelle Béart) fast 5 Stunden, so spürt man bei "Celine und Julie fahren Boot" (1974) kaum, dass die sommerlich leichte Romanze auch schon drei Stunden lang ist. Celine entdeckt Julie, läuft ihr nach, lernt sie kennen; wie verträumte Kinder spielen sie miteinander Traumsequenzen aus Geschichten von Henry James. Von gleicher Leichtigkeit ist auch "Unsterbliches Duell" (1976, mit Juliet Berto und Bulle Ogier), die Geschichte von den beiden Göttinen des Mondes und der Sonne, die nur 40 Tage auf Erden leben können, wenn sie nicht einen geheimnisvollen Diamanten finden.

Einen ganz eigenwilligen Stil zwischen Fiktion und Realität erreicht Rivette in seinem ungewöhnlichen fünfstündigen Film "Johanna, die Jungfrau" (1993, "Johanna, die Jungfrau - Der Kampf", "Johanna, die Jungfrau - Der Verrat") mit Sandrine Bonnaire in der Titelrolle. Triumphe und Niederlagen der Heiligen Johanna, vom Erscheinen der Maria bis zum Feuertod.

Weitere Werke von Jacques Rivette: zwei Serienfolgen zu "Cinéastes de notre temps" (1966/67), "Naissance et mont de Prométhée" (Kurzfilm), "Essai sur l'agression" (beide 1974), "Nordwestwind" (1976), "Paris s'en va", "An der Nordbrücke", "Merry-Go-Round" (alle 1981), "Theater der Liebe" (1984), "Sturmhöhe" (1985), "Die Viererbande" (1988), "Lumière et compagnie" (eine Episode), "Vorsicht: Zerbrechlich" (beide 1995), "Geheimsache" (1998), "Va Savoir" (2001), "Die Geschichte von Marie und Julien" (2003), "Die Herzogin von Langeais" (2007).


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