Jiri Menzel

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Jiri Menzel ist ein international renommierter Regisseur
Fotoquelle: cinemafestival/shutterstock.com
Jiri Menzel
Geboren: 23.02.1938 in Prag, Tschechoslowakei

Jiri Menzel ist ein brillanter Geschichtenerzähler mit Sinn für poesievolle Phantasien und grotesken, manchmal auch bösen Humor. Meist sind es Dorfepisoden, Erzählungen aus dem Alltagsleben der kleinen Leute, Ernstes und Heiteres, Liebenswertes und Boshaftes. Dabei ist Solidarität oberstes Gebot: die kleinen Leute stehen immer zusammen gegen die Mächtigen. Das hat Menzel manches Mal Schelte im eigenen Land eingebracht.

Als sein Film "Launischer Sommer" 1968 beim Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary ausgezeichnet wurde, sprach man zwar viel vom "tschechischen Jean Renoir" und verglich den Film - nicht zu Unrecht - mit dessen "Landpartie". Doch Menzels Filme zeigen neben der Idylle immer auch die Abgründe, und das gefiel vielen in seinem Land nicht.

In den 60er Jahren, als Vera Chytilova, Milos Forman, Jan Nemec mit ihren ersten Filmen auffielen, als man allerorts vom tschechischen Filmwunder sprach, war der Schauspieler und Regisseur Jiri Menzel eine der großen Hoffnungen.

Der verträumte Bahnpraktikant in "Liebe nach Fahrplan" (1966) bekommt die politischen Wirren des Jahres 1944 nicht mit. Die Erwachsenen um ihn herum leisten den Deutschen Widerstand, Milos hat genug zu tun, erwachsen zu werden. Er leidet darunter, daß seine Beziehung zu Masa, der kleinen Zugbegleiterin, so harmlos ist. Das wird so tragisch, daß er sich das Leben nehmen will, aber das gelingt glücklicherweise nicht. Eine federleichte Geschichte zwischen Humor und bitterem Ernst. Bahngleise werden gesprengt, Partisanen gejagt, Tote säumen den Weg im dörflichen, gar nicht idyllischen Böhmen. Am Ende wird Milos selbst vom Feuer einer jungen Partisanin angesteckt, wirft die Zeitbombe auf den Munitionszug und kommt dabei ums Leben. In einer Zeit wie jener wird selbst der harmlose Narr zur tragischen Figur. Menzels Debütfilm, 1967 mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet, zeigt die böse Ironie des Krieges.

Eine ländliche Dorfidylle prägt "Launischer Sommer" von 1968: Ein kleiner böhmischer Flecken mit Badeanstalt und Juxplatz. Drei alte Herren, ein Geistlicher, ein Major und ein Bademeister, erleben einen Altherrensommer. Dissonanzen entstehen, als ein Miniaturzirkus auftaucht: Der Seiltänzer und Clown (Jiri Menzel spielt ihn), der mit allerlei Tricks und Kunststückchen ein Programm bestreitet, hat eine bildhübsche Begleiterin, die den Senioren den Kopf verdreht. Es kommt zu burlesken Szenen mit der Frau des Bademeisters und zur Auseinandersetzung zwischen den Freunden. In der wiederhergestellten "Ordnung" bleibt am Ende ein Sprung. Beherrscht wird der kleine poesievolle Film von Atmosphäre, Stimmung und Farbkompositionen.

1986 erhält Menzel noch einmal eine Oscarnominierung: "Heimat, süße Heimat" heißt der Film. Nach zwanzig Jahren und sieben weniger bedeutsamen Filmen kehrt der Prager Künstler zum liebenswerten Charme, zur Lebensfreude und zum stillen Optimismus seiner frühen Werke zurück.

Der LKW-Fahrer Pavek und sein Beifahrer Otek sind ein seltsames, unzertrennliches Paar: der kleine Dicke und der dürre Lange, der Realist und der Träumer, sie haben etwas von Laurel & Hardy, den beiden brillanten Komikern des frühen amerikanischen Grotesk-Kinos. Geduldig läßt Pavek alles über sich ergehen, was ihm der ahnungslose Narr Otek an Ungemach, Ärger und Schwierigkeiten einbrockt. Doch eines Tages ist es auch ihm zuviel, er will das alles nicht länger auf sich nehmen, der andere soll sich jetzt einen neuen Partner suchen. Dennoch kippt am Ende die leicht schwebende Komödie nicht ins Drama ab.

1969 dreht Menzel die subversive Farce "Lerchen am Faden": Intellektuelle und Juristen, Handwerker und Ladenbesitzer sollen auf einem riesigen Schrottplatz durch Zwangsarbeit umerzogen werden. Der Film wird noch vor der Uraufführung verboten. 1990 erhält er bei er verspäteten Uraufführung in Berlin den Goldenen Bären.

1991 entsteht "Prager Bettleroper" nach einem Stück von Vaclav Havel: Captain Macheath ist ein Mann, der die Frauen liebt, Schönling, Casanova, Gangster. Sein Gegenspieler Peachum ist nur äußerlich der König der Unterwelt, in Wirklichkeit ein Handlanger der Mächtigen. Daneben betreibt er seine kleinen Geschäfte und wirtschaftet ein bißchen in die eigene Tasche. Diese Konstellation findet man weder in John Gays "Bettleroper", vor 250 Jahren entstanden, noch in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" (1928), sondern sie entstammt Vaclav Havels moderner Version, die 1975 eine einmalige Aufführung in der damaligen CSSR erfuhr: Das Verbot ließ nicht auf sich warten, Schauspieler und Publikum wurden von den Behörden verfolgt.

Jiri Menzel, der nach dem Ende des alten Regimes Vaclav Havels Stück endlich am Theater herausbringen konnte, drehte mit der Original-Bühnenbesetzung einen Film, der in tschechisch-deutscher Co-Produktion entstand. Menzel hatte mit Havel das Drehbuch geschrieben und konnte nach dem politischen Umschwung mit breitem Interesse rechnen.

Und in der Tat: Auch heute ist in Jiri Menzels Heimat das nationale Kino nicht abgewirtschaftet, der Film findet großen Zuspruch bei der Bevölkerung. Vor 20 Jahren verboten, hat die "Prager Bettleroper" kaum etwas von ihrer Aktualität verloren. Daß die Unterwelt mit der Polizei und diese mit "denen ganz oben" gemeinsame Sache macht, wollte man 1975 in Prag nicht auf der Bühne dulden, aber es trifft auch heute noch ins Schwarze. Noch immer bestimmen zwielichtige Wirtschaftsinteressen die Politik, immer noch bilden die kleinen Leute die Schlußlichter in der Gesellschaft und die Macht des Kapitals hängt mittelbar und unmittelbar mit dem Verbrechen zusammen.

Über Havel, Brecht und andere - Jiri Menzel im Gespräch mit Heiko R. Blum (Herbst 1992)

Frage: Bei uns ist Brechts "Dreigroschenoper" bekannter als John Gays "Beggar's Opera", das Original. Was ist bei Vaclav Havel anders?
Menzel: Wir wollten Ende der 60er Jahre in unserem Prager Theater eine "Dreigroschenoper" herausbringen, jedoch nicht die Brecht-Version. Vaclav Havel sollte und wollte das schreiben, doch nach Ende des Prager Frühlings konnte er das nicht mehr, er war zur unliebsamen Person geworden. Dennoch schrieb Vaclav sein Theaterstück in den frühen 70er Jahren. Wir brachten es auf der "Schauspieler Bühne" heraus, doch nach der Premiere war alles vorbei: Theatermacher und Publikum wurden verfolgt. Jahre später, als die Verhältnisse sich geändert hatten, fand die erste wirkliche Uraufführung statt - übrigens in der gleichen Besetzung wie im Film. Leider hatte Havel dann beim Film keine Zeit zur Mitarbeit, das bleibt ein unübersehbares Defizit, zumal es in dieser Form eine sehr wortlastige Sache ist. Gemeinsam mit Havel hätte man da schon einiges anders machen können.

Frage: Dennoch haben Sie es ja gerne gemacht und halten es nicht für mißlungen?
Menzel: Nein, ganz und gar nicht. Ich liebe das Stück, Havel hat es mit großer Freude geschrieben, zumal John Gay hier Havels ewiges Thema abhandelt: wie kann man mit Worten mißhandeln, die Welt beherrschen, andere manipulieren. Dies und die Philosophie, die dahintersteckt, macht den Reiz aus, es war alles in allem eine schöne Arbeit.

Frage: Ketzerisch gesagt, die Geschichte könnte ganz so auf der Bühne spielen?
Menzel: Gut, es sind die gleichen Schauspieler wie bei meiner Bühneninszenierung, doch wir haben schon sehr gekürzt und für den Film alles schneller, lebendiger und stilisierter angelegt. Für die Schauspieler ist das ein wenig schwieriger, die müssen anders spielen. Auf der Bühne ist es eher Oper, da hat mehr Schwung.

Frage: Eine traumhafte Besetzung...
Menzel: Ich habe das Glück, daß ich mit einer Art Schauspielerfamilie zusammenarbeite, wir haben alle eine gute, lange Beziehung.

Frage: Worauf legen Sie bei der Besetzung und Schauspielerfahrung besonderen Wert?
Menzel: Wichtig ist für mich, daß die Negativfiguren, die Bösen auch Charme haben. Es gibt in der Welt so viel Böses, da möchte ich, daß auch die Bösewichter im Spiel Sympathie ausstrahlen, Menschlichkeit. Natürlich darf man - gerade heute - Gewalt nicht verniedlichen.

Frage: Was hat die politische Parabel des Stückes mit dem Heute zu tun?
Menzel: Das Stück ist sehr aktuell, weil gerade in unserer Zeit viele Skandale aufgedeckt werden und viele Dissidenten waren früher auch Mitarbeiter der Geheimpolizei. Die Polizei war so tief in die ganze Struktur verwickelt, jeder von uns war mindestens einmal um Mitarbeit gefragt worden, nicht jeder hatte den Mut, nein zu sagen. Vaclav Havel sagte zu dem Premierenpublikum: Ich schwöre, ich habe das Stück vor 17 Jahren geschrieben. Heute wird täglich ein neuer Skandal entdeckt, aber im Grunde geht nichts weiter, nichts verändert sich.

Frage: Unschuldiger Zynismus bei Gay, das Böse bei Brecht?
Menzel: Brecht hat das politisch mißbraucht, er hat seinen Haß gegen die Menschheit ausgedrückt. Er dachte, der Mensch ist böse. Brecht liebte die Menschen nicht. Er war krank, neidisch, böse; literarisch sicher blendend, aber als Mensch nicht positiv. Ich habe das Gefühl, daß Brecht auch ein bißchen zufrieden war, daß die Verhältnisse so waren, und das hat in sein Konzept gepaßt. Er hat keine gute menschliche Beziehung zu den kleinen Leuten gehabt. Brecht war Kommunist mit Konto bei der Schweizer Bank, Havel ist ganz anders, ist intelligent, tief menschlich und hat sehr viel Humor.

 


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