Ali Ungár (Jirí Menzel, links) und Georg Graubner (Peter Simonischek) verbindet ein grausames Verbrechen.
"Der Dolmetscher" ist ein Roadmovie über zwei alte Männer, die durch die Geschichte verbunden sind.

Der Dolmetscher

KINOSTART: 22.11.2018 • Drama • CZ / A / SK (2018) • 113 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Interpreter
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
CZ / A / SK
Filmstudio
Coop99 Filmproduktion, Titanic, In Film Praha, RTVS, Česká televize
Laufzeit
113 Minuten
Regie
Martin Šulík
Music
Vladimír Godár
Kamera
Martin Štrba

Filmkritik

Gut gemeinte Aufarbeitung
von Christopher Diekhaus

Holprig erzähltes Roadmovie über zwei alte Männer, die den Spuren des Nazi-Schreckens in der Slowakei folgen.

Das vielerorts zu beobachtende Erstarken rechter Kräfte ist erschreckend und eine ernstzunehmende Gefahr für die Erinnerung an das Nazi-Grauen. Gerade weil heutzutage immer mehr Zeitzeugen des Holocaust versterben und mit ihrem Tod konkrete Erlebnisse und Geschichten verloren gehen, braucht es eine nachhaltige Bewahrungskultur, die ein Vergessen unmöglich macht. Aufarbeitung betreibt auch der slowakische Regisseur und Drehbuchautor Martin Sulík ("Cigán") in seinem neuen, auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführten Werk "Der Dolmetscher", das sich mit dem Schicksal der Juden in seiner Heimat auseinandersetzt.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen der in Bratislava lebende Ali Ungár (verkörpert von der tschechischen Schauspiel- und Regielegende Jiri Menzel) und der Österreicher Georg Graubner (Peter Simonischek), die ein grausames Verbrechen verbindet. Während des Zweiten Weltkriegs war Georgs Vater als SS-Offizier an der Ermordung von Alis Eltern beteiligt. Da Letzterer den Mörder unbedingt zur Rede stellen und sich möglicherweise an ihm rächen will, macht sich der Übersetzer auf den Weg nach Wien, wo ihm der abweisende Georg allerdings eröffnet, dass der frühere Nazi-Scherge bereits gestorben sei.

Unter Beleidigungen gehen die beiden Männer auseinander. Doch kurz darauf sucht plötzlich Georg den Kontakt und unterbreitet seinem Gegenüber ein ungewöhnliches Angebot: Gemeinsam mit Ali möchte er durch die Slowakei reisen, um mehr über das Wirken seines Vaters herauszufinden. Auf ihrer Fahrt zurück in die Vergangenheit kommt es rasch zu Meinungsverschiedenheiten, die den Erfolg der Unternehmung bedrohen.

Die Konstellation des Films ist altbekannt und wird von Sulík und seinem Koautor Marek Lescák schon im ersten Drittel überdeutlich etabliert: Der verkniffene, auf Anstandsregeln pochende Ali und der zu Scherzen aufgelegte Lebemann Georg sind grundverschieden, was einiges an Reibung mit sich bringt. Ausgerechnet diese so gegensätzlichen Menschen begeben sich zusammen auf einen Roadtrip, auf dem sie – das dürfte keine große Überraschung sein – trotz aller Differenzen langsam zueinanderfinden.

Das tragikomische Drama hat zweifelsohne ehrenwerte Ansätze und trägt diskussionswürdige Gedanken vor. Etwa dann, wenn die Frage aufkommt, ob der Sohn eines Mörders nicht auch eine Art Opfer sei. Um wirklich unter die Haut zu gehen, fehlt es Sulíks neuer Arbeit aber an einem starken dramaturgischen Aufbau. Viele Entwicklungen und Konflikte entspringen dem Prinzip "Zufall". Die meisten Stationen der Reise fliegen am Zuschauer vorbei, ohne großen Eindruck zu hinterlassen. Und unverständlicherweise flirtet "Der Dolmetscher" immer wieder mit platter, schlüpfriger Altherrenkomik, die das ernsthafte Anliegen torpediert. Szenen, in denen Georg deutlich jüngere Frauen zu bezirzen versucht, hätte es in wiederkehrender Form nicht gebraucht.

Während der Film stets ein wenig unentschlossen zwischen lustig-frivolen Passagen und Momenten des Innehaltens changiert, liefern die Hauptdarsteller ungeachtet der von Jirí Menzel manchmal etwas gestelzt vorgetragenen deutschen Dialogzeilen engagierte Leistungen ab. Weder die Spielfreude der arrivierten Mimen noch der kleine, aufwühlende Twist auf der Zielgeraden können allerdings über die Baustellen des ebenso unausgereiften wie schematischen Drehbuchs hinwegtäuschen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Jiri Menzel war ein international renommierter Regisseur.
Jiri Menzel
Peter Simonischek: Wir stellen Ihnen das Leben und die Karriere des renommierten Theaterschauspielers und "Toni Erdmann"-Star im Porträt vor.
Peter Simonischek
Weitere Darsteller
Zuzana Mauréry Attila Mokos Anna Jakab Rakovská Eva Kramerová Karol Šimon Igor Hrabinský Réka Derzsi Anita Szvrcsek

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