Julien Duvivier

Seine beste Zeit hatte Julien Duvivier im französischen Vorkriegsfilm Vergrößern
Seine beste Zeit hatte Julien Duvivier im französischen Vorkriegsfilm
Julien Henri Nicolas Duvivier
Geboren: 03.10.1896 in Lille, Frankreich
Sternzeichen: Waage
Gestorben: 29.10.1967

Eine alte Frau geht den Aufzeichnungen in ihrem Ballheft der Jugend nach und sucht herauszubekommen, was aus den Tänzern von damals geworden ist. Sie findet sie alle, doch das Ergebnis ihrer Reise in die Vergangenheit ist deprimierend: Die Ideale und Vorbilder ihrer Jungmädchenschwärmerei sind Gescheiterte, Versager; bei keinem von ihnen hat sich auch nur ein Rest der Strahlkraft von einst bewahrt. "Spiel der Erinnerungen" (1937) ist eine der schönsten und reichsten Erinnerungen an Julien Duvivier. Er war einer der typischen Vertreter des Poetischen Realismus, und man verbindet seinen Namen heute am ehesten mit Regiekollegen wie Jean Gremillon, Marcel Carné und Jean Renoir. Gemeinsam haben sie - wie der Schweizer Filmpublizist Martin Schlappner ausführt - den Ruhm des französischen Films in den 30er Jahren geschaffen. In der pessimistischen Grundhaltung wollten sie ein Sozialgemälde der Dritten Republik geben.

Bei Duvivier denkt man zunächst an "Die Kompanie der Verlorenen" (1935) und "Pépé le Moko - Im Dunkel von Algier" (1937) mit Jean Gabin, die beiden düsteren Abenteuer- und Gangsterfime aus dem nordafrikanischen Milieu, sowie "Die zünftige Bande" (1936) über die optimistischen Strömungen der Volksfrontzeit und die Ideale kollektiver Zusammenarbeit. Der Kaufmannssohn Julien Duvivier studiert an der Universität von Lille. Nach einer kurzen Episode als Schauspieler am Théatre Antoine und am Odeon in Paris, wo er bald in die Regie überwechselt, schreibt er Drehbücher für Louis Feuillade und Marcel L'Herbier. 1919 kommt er zu Leon-Ernst Gaumont, wo er Assistent und Drehbuchautor wird und unter großen Schwierigkeiten seinen ersten Film "Le prix du sang" inszeniert.

In den nächsten Jahren ist er wieder Regieassistent und Kameramann, Bühnenbildner, Regisseur und Drehbuchautor. Eine Zeitlang handelt er sogar mit Rohfilm. In den Zwazigerjahren dreht er 45 Stummfilme, darunter auch "Rotfuchs" nach Jules Renards Roman "Poll de carotte". Das wird ein einzigartiger Skandal, weil Duvivier den französischen Klassiker psychologisch und naturalistisch auflöst. 1937 geht Duvivier für kurze Zeit nach Hollywood, ab 1938 ist er wieder in Frankreich. 1940 geht er erneut nach Hollywood, als die Deutschen in Frankreich Fuß fassen. Von seinen amerikanischen Filmen ist heute allenfalls noch "Tales of Manhattan" (1942) bekannt. "Das zweite Gesicht" (1943) ging zu Unrecht unter. Dabei sind Arbeiten wie "Der schwarze Jack" (1950) mit George Sanders durchaus spannendes Abenteuerkino.

Doch Duvivier verstand es nicht wie Jean Renoir oder René Clair, sich das US-System zu eigen zu machen und gleichermaßen die künstlerische Freiheit zu bewahren. Seine amerikanischen Filme bleiben mit wenigen Ausnahmen unpersönlich.

Duvivier dreht in seiner Laufbahn gute und schlechte Filme, kommerzielle Auftragsarbeiten und sehr persönliche, stille Meisterwerke. War das "Kreuz von Golgatha" (1935) eine arge Bibel-Schnulze und "Der große Walzer" ein schreckliches Johann-Strauß-Epos, so hat er mit "Lebensabend" (1939) sich selbst ein Denkmal gesetzt. Als er nach dem Krieg nach Frankreich zurückkehrt, haben sich die Dinge verändert. Duvivier arbeitet wieder, hat Erfolg, doch nur einige Male lässt er etwas von seinem früheren poetischen Empfinden aufleuchten. Er hat sich die Routine und handwerkliche Perfektion bewahrt, doch ein Film wie "Panik" (1946) bleibt Ausnahme. Es geht hier um Massenhysterie, die sich gegen einen Mann richtet, der unschuldig des Mordes verdächtigt wird.

Auch in dem atmosphärisch beschwingten Großstadtporträt "Unter dem Himmel von Paris" (1951) steckt Leben, und es kehrt hier etwas von dem Poetischen Realismus der 30er Jahre zurück: Eine alte Dame sucht Geld, um ihre vielen, vielen Katzen ernähren zu können, ein Medizinstudent fällt durchs Examen, ein geistesgestörter Künstler begeht einen Mord, zwei Kinder nehmen ein Boot und fahren die Seine hinunter. Und die Schicksale dieser Menschen treffen aufeinander, einzelne Stories verschmelzen zu einer großen Geschichte. Doch es liegen nicht nur Jahrzehnte zwischen den Filmen, sondern auch Welten, Stimmungen, Stile: Das ist zwar noch Poesie, ist Alltag, aber das Ganze wirkt doch gestellt und gemacht.

Großen Erfolg erzielt Duvivier 1952 mit den Filmen nach Giovanni Guareschi: "Don Camillo und Peppone", der Pfarrer und der Bürgermeister, die Streithähne leben in einer kleinen Gemeinde in Italien, irgendwo zwischen Fluss und Gebirge. Die Landarbeiter und Bauern dieser Gegend haben politisch gleich auf zwei Pferde gesetzt - auf den streitlustigen Pfarrer Don Camillo und den kommunistischen Bürgermeister Peppone. So verschieden beider Wege sind, den Menschen das Heil zu bringen, seltsam einig sind sie sich trotz allem.

Julien Duvivier hat die skurrilen Figuren und Geschichten des Giovanni Guareschi mit viel Liebe und Einfühlsamkeit und zwei hervorragenden Schauspielern, Fernandel und Gino Cervi, auf die Leinwand gebracht. Die beiden Don-Camillo-Filme von Duvivier ("Don Camillos Rückkehr" von 1953 ist der zweite) sind Riesenerfolge. Andere Regisseure drehen Fortsetzungen mit dem beliebten Darsteller-Tandem, doch sie haben nicht den Witz der Vorgänger. Für sein späteres Werk ist "Rasthaus der Teufels" von 1964 mit Robert Hossein, Jean Sorel, Catherine Rouvel und George Wilson typisch: Es ist nicht mehr als eine routinierte Krimiverfilmung nach dem Roman von James Hadley Chase. Er zeigt eine einsame Tankstelle mit Restaurant am Meer, ein netter Wirt und seine Frau, die er aus Marseilles geholt hat. Sie aber lauert nur auf sein Geld. Kurz nachdem Duvivier seinen letzten Film, "Mit teuflischen Grüßen", beendet hatte, starb er bei einem Autounfall.

Weitere Filme von Julien Duvivier: "Hallo! Hallo! Hier spricht Berlin!" (1931/32), "Karottenkopf" (1932), "Der Mann des Tages"(1936), "Marie Antoinette" (1938), "Ein Frauenherz vergisst nie" (1941), "Anna Karenina" (1947), "Eine Heilige unter Sünderinnen" (1949), "Auf den Straßen von Paris" (1952), "Der Fall Maurizius" (1953), "Marianne" (1954), "Der Mann im Regenmantel", "Der Engel, der ein Teufel war" (beide 1956), "Immer wenn das Licht ausgeht" (1957), "Marie Octobre" (1958), "Ein Weib wie der Satan" (1958), "Das kunstseidende Mädchen" (1959), "Lichter von Paris" (1960), "Das brennende Gericht" (1961) und "Der Teufel und die Zehn Gebote" (1962).


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