Marie Trintignant

Marie Trintignant
Geboren: 21.01.1962 in Paris, Frankreich
Gestorben: 01.08.2003 in Paris, Frankreich

Als Tochter eines der sensibelsten und vielseitigsten französischen Filmschauspieler, Jean-Louis Trintignant, hatte Marie Trintignant es nicht unbedingt schwer, ins Filmgeschäft einzusteigen. Schon im Kindesalter stand sie für ihre Mutter, die Regisseurin Nadine Trintignant, vor der Kamera. "Das passiert immer nur den anderen" (1971) handelt von einem jungen Paar, das sich durch den Tod ihres gemeinsamen Kindes eine Zeit lang vom Leben abkapselt. Mit diesem Film verarbeitete die Regisseurin einen eigenen Schicksalsschlag - der sich Jahrzehnte später wiederholen sollte, als Marie das Opfer einer Gewalttat wurde. Doch dazu später.

Weitere Kinderrollen hatte die junge Marie 1973 in Etienne Périers "Die Junggesellin" und in dem Polit-Thriller "Mord passt nicht in sein Konzept/Angst vor der Wahrheit" (1974) von Nadine Trintignant mit Jean-Louis Trintignant, Bernadette Lafont, Michel Bouquet und Juliet Berto. 1979 spielte sie in dem französischen Krimi "Série Noire" mit Patrick Dewaere. 1984 sah man sie in einem weiteren Familienprojekt der Familie Trintignant, "Nächsten Sommer vielleicht". Wieder führte Nadine Regie, Jean-Louis spielte neben Claudia Cardinale, Philippe Noiret und Fanny Ardant eine der Hauptrollen. Für die Filmzeitschrift "Zoom" war das Ergebnis allerdings nur eine "zähflüssige und unausgereifte Großfamiliensaga, die zwar nicht mit hochkarätigen Schauspielern und stimmungsvollen Bildern geizt, aber weitgehend auf überzeugende Charakterisierung der Personen und auf Plausibilität von Handlungen und ihren Motivationen verzichtet."

Unter Pierre Granier-Deferre spielte Marie Trintignant 1987 wieder an der Seite von Philippe Noiret. In dem unterkühlten Thriller "Ertrinken verboten" geht es um mysteriöse Todesfälle in einem französischen Badeort. Besonderes Glück hatte Marie Trintignant mit ihrer Nebenrolle in Claude Chabrols "Eine Frauensache" (1988). Hauptdarstellerin Isabelle Huppert spielt darin eine sogenannte "Engelmacherin", eine Frau, die sich während des Zweiten Weltkriegs mit Abtreibungen ihre Brötchen verdient. Schließlich wird sie denunziert und hingerichtet. Dem Katholischen Medieninstitut fehlt im Lexikon des Internationalen Films (Ergänzungsband 1989/90) für die Problematik dieses Films jegliches Verständnis: Ein "zutiefst enttäuschendes Dokument" sei das, es beschreibe "den bedeutenden ethisch-moralischen Konflikt mit insgesamt einseitig zynischer Indifferenz und missverstandener, mitleidiger Liberalität." Na, na!

"Morgen der Rache" (1989) von Jean-Jacques Aublanc beschreibt indirekt ebenfalls eine Episode aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Bürgermeister lädt seine ehemaligen Jugendfreunde zu einem Fest ein. Der Grund: Einige der Männer wollen ihren alten Schwur brechen, von Kollaboration und Verrat zu schweigen. Geschwiegen wird in dem redseligen Film allerdings zu wenig. Die Hauptrollen spielen Claude Rich, Michel Duchaussoy und Jacques Fabri. Danach bekam Marie Trintignant eine Rolle in dem niederländischen Film "Hotel zur Unsterblichkeit" (1989) von Otokar Votocek. In diesem surrealistischen Streifen findet sich ein alternder Filmstar in einer bizarren Welt zwischen Leben und Tod wieder, nachdem er von einem jungen Schriftsteller erschossen wurde.

Spielte Marie Trintignant in frühen Filmen noch die zweite bis dritte Geige, so hatte sie in Michel Devilles erotisch angehauchtem Dialogfilm "Eine Sommernacht in der Stadt" (1990) eine markante Hauptrolle. Der Film setzt nach dem ersten Sex eines Pärchens (neben Marie Trintignant spielt Jean-Hugues Anglade) ein und ergeht sich in endlosem Gequassel. Im Berliner "tip" fand Chris Terhechte: "Die sterile Studioatmosphäre lässt dabei so wenig Gefühl aufkommen wie die Geräuschkulisse vom Tonband. Von Sommer, Nacht und Stadt keine Spur."

In der französisch-kanadischen Komödie "Alberto und die Tradition/Her mit dem Zaster" (1990) von Arthur Joffé sah man Marie Trintignant neben Nino Manfredi: Ein 30-jähriger Mann muss vor der Geburt seines ersten Kindes seinem Vater einen Haufen geborgter Kohle zurückzahlen, doch natürlich ist er pleite, denn sonst wäre der Film zu schnell zu Ende. Ein teilweise surreales Werk mit einigen Längen. Nach einem kurzen Auftritt in "Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) von Leos Carax stand Marie Trintignant in der Komödie "Der Killer und das Mädchen" (1993) von Pierre Salvadori neben Jean Rochefort und Guillaume Depardieu vor der Kamera: Profi-Killer Victor blickt in seiner Familie auf eine lange Tradition des professionellen Tötens zurück. Er lernt den naiven Fahrradkurier Antoine an und gibt ihm den Auftrag, die hübsche Kleptomanin Renée (Marie Trintignant) zu töten. Natürlich verliebt sich der junge Mann in sein potentielles Opfer. Dem jungen Regisseur Salvadori (Jahrgang 1964) gelang damit eine sehr unterhaltsame schwarze Komödie mit blendend aufgelegten Darstellern.

Eine kleine, aber wichtige Rolle hat Marie in der weithin zu Unrecht missachteten Komödie "Die Anfänger" (1995), wieder von Pierre Salvadori inszeniert. Darin versuchen sich zwei Chaoten ohne jede Lebenskompetenz (Guillaume Depardieu und François Cluzet) als Amateurgauner. Erst Marie Trintignant gibt am Ende dem Älteren der beiden wieder etwas Lebensmut. Das Ergebnis ist ein wechselhafter, vielleicht nicht ganz einheitlicher Film, der jedoch mit guter Beobachtungsgabe und Sinn für trockenen Humor gut zu unterhalten weiß. In Martine Dugowsons "Sex, Lügen und Intrigen" (1996), einem Film um restlos angesagte Leute aus der Mode- und Filmbranche (alle in persönlichen Krisen, versteht sich) sah man Marie Trintignant an der Seite von Helena Bonham Carter und Jean-Claude Brialy. "Der Schrei der Seide" (1996) von Yvon Marciano zeigt sie als Pariser Schneiderin, die in der Nähe von Seidenstoffbahnen in Warenhäusern immer in sexuelle Erregung gerät. Ein Psychiater verliebt sich bei dem Versuch, der Verirrung auf den Grund zu gehen, in seine Patientin, was tragisch endet. Der Film leidet sehr unter seinem "kopflastigen, nüchtern unemotionalen Erzählstil, der die Perversion und ihre Bedeutung im Kontext des Zeitgeistes von 1914 nur bedingt spiegelt." (Zoom, 9/96)

"Nachrichten vom lieben Gott" (1996) von Didier Le Pécheur zeigt Marie Trintignant neben "Pulp Fiction"-Heldin Maria de Medeiros und Jean Yanne. In diesem Film reisen zwei Romanfiguren auf der Suche nach ihrem Schöpfer, dem Autor/Gott, über das Land, doch alle Experimente mit Priestern, Geisterbeschwörern und sogar Sex bringen sie dem "Allmächtigen" nicht näher. Die interessante Idee wird zu Gunsten von Albernheiten verschenkt. In "Ponette" (1996) von Jacques Doillon spielte Marie Trintignant die Mutter eines vierjährigen Mädchens. Sie kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Film geht der Frage nach, wie ein Kleinkind einen solchen Schock verarbeiten kann. Die kleine Hauptdarstellern Victoire Thivisol wurde für ihre Titelrolle von der Kritik sehr gelobt. "Wie der französische Regisseur Jacques Doillon in diesem Seelendrama die grenzenlose Trauer eines Kindes auf die Leinwand bannt, ist schlicht erschütternd." (Reinhard Kleber, Katalog Filmfest München 1998).

Von Marie Trintignants späteren Filmen, wie "Les démons de Jésus" (1997) war in Deutschland bislang nichts zu sehen. Dagegen konnte Marie Trintignant an der Seite von Guillaume Depardieu] in der Komödie "Lügen wie gedruckt" (1998, Regie: Pierre Salvadori) und in dem Thriller "Jenseits aller Regeln" (1998) von Alain Corneau als Anwältin erneut überzeugen. Gut war auch ihre Rolle einer Prostituierten in dem Drama "Verlorene Seelen" (2001).

Am 28. Juli 2003 wurde die französische Schauspielerin Opfer einer Gewalttat. Ihr Freund Bertrand Cantat, Sänger der französischen Erfolgsband Noir Désir, verprügelte sie in einem Hotelzimmer in Litauen derart, dass sie nach zwei Notoperationen am 1. August in Paris an ihren schweren Kopfverletzungen starb. Marie Trintignant drehte seinerzeit in Litauen den TV-Film "Colette". Cantat wurde in einem spektakulären Gerichtsverfahren im März 2004 in Vilnius wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Okotober 2007 wurde er aufgrund günstiger Prognosen von Gefängnispsychologen und guter Führung unter Auflagen vorzeitig entlassen.

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