Wie man aus zweieinhalb Fällen keinen Krimi macht und einen Spitzenschauspieler links liegen lässt.

Auch Schädel können zum Wahn werden. Der Doktorand Philip (Nils Strunk) schlägt sich die Nächte im medizinischen Institut der Uni Würzburg um die Ohren, weil er einem Rätsel auf die Lösung kommen möchte: Wieso passen Kopf und Körper einer bestens etikettierten und somit gleichsam zu den Akten gelegten Leiche nicht zusammen?

Die Frage gibt er an die Leiterin des Instituts weiter, Prof. Magdalena Mittlich (Sibylle Canonica), die den übereifrigen jungen Mann erst mal ins Bett schickt. Doch gehört es zum Wesen dieses absolut überraschungsfreien Tatorts aus dem Frankenland, dass der Zuschauer gleich mal ein bisschen angeschubst wird: Frau Professor ahnt was ... Und ist zutiefst beunruhigt ...

Die paar Szenen in der Uni werden natürlich nicht an einem Stück erzählt, da muss einiges hineingeschnitten werden, damit es nach was aussieht. Das ist a) gang und gäbe, b) oft dramaturgisch sinnvoll und geschieht mitunter c) aus schierer Einfallslosigkeit. So wie hier.

Der Vater als Mörder?

Wir erleben in nachtschwarzem Wald ein Gehöft, das sich später als "Landgasthof alter Wirt" erweisen soll, dazu der obligate Käuzchen-Ruf aus dem Off, dann wieder ein paar Schnipsel aus dem Nürnberger Polizeipräsidium, bis es endlich zurückgeht in den Wald mit dem Gehöft, das ein Gasthaus ist, und wo sich Steffi gerade sehr missmutig erhebt. Es ist helllichter Morgen, und ihre Mutter hat vergessen, sie zu wecken.

Dürfen wir wenigstens Steffi Suche nach der Mutter an einem Stück erleben? Egal, die Mutter liegt tot in ihrem Blut, ermordet. Für Steffi, das stellt sich bald heraus, scheint es nicht den geringsten Zweifel zu geben, dass der Vater zum Mörder wurde.

Er ist im offenbar weitläufigen Wald verschwunden, aber natürlich, das passt zu diesem Film, darf er für den Zuschauer nicht unsichtbar bleiben, sondern muss wie ein alter Schiller-Räuber durchs Unterholz brechen und einen Faktor Unheimlichkeit in den Film bringen, nur dass es den Zuschauer nicht gruselt. Weder bei ihm, dem Mörder, noch bei der Schädel-Skelett-Ungleichheit, hinter der vermutlich ebenfalls ein Mord steckt. In diesem Tatort ist nichts unheimlich, es geht alles seinen Gang.

Wir haben also einen selbst für Polizeihunde unauffindbaren Gastwirt, der mutmaßlich der Mörder seiner Frau ist, wir haben eine Institutsleiterin am Rande ihrer Contenance, wir haben einen Präparator namens Lando (Jan Krauter), der sich mit Blicken hinreichend verdächtig macht, wir haben eine Wirtshaustochter, Steffi (Barbara Prakopenka), die nicht angemessen trauern will, und, wen haben wir noch ... Ach ja, da ist auch noch Frau Eichbaum (Tessie Tellmann), die vor dem Polizeipräsidium auf dem Jakobsplatz in Nürnberg ihr höchstpersönliches Protestlager aufschlägt, weil die Polizei sich weigert, ihren seit Jahren verschwundenen erwachsenen Sohn zu suchen.

Nur ein Farbtupfer

Hat auch das was mit den anderen beiden Toten zu tun, der Frauenleiche und dem männlichen Schädel mit dem unpassenden Rumpf? Wenn es Drehbuchautorin Beate Langmaack gelungen wäre, diesen dritten bzw. Zweieinhalbten Fall in Verbindung mit den anderen beiden zu bringen, dann hätten wir den Hut gezogen. Aber es handelt sich nur um einen Farbtupfer, bestenfalls geeignet, Dagmar Manzel in ihrer Rolle als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn noch besser als ohnehin schon aussehen zu lassen. Ringelhahn darf sich um Eichbaum kümmern, darf ihr gut zureden und beiläufig einen Vorwand für den Titel dieses Tatorts liefern: "Ein jeder hat das Recht, sich zu sorgen."

Nach dem ersten Franken-Tatort, den sensationell 12,1 Millionen Menschen sahen, hatte sich Dagmar Manzel über zu viel Stress und zu viel frische Popularität beklagt, doch hier darf zumindest sie putzmunter bei der Sache sein.

Ihre Kollegen weniger.

Kommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) erlebt immerhin eine – dramaturgisch unbedeutende – Romanze, der Rest der Truppe tritt kaum in Erscheinung. Einem Schauspieler wie Fabian Hinrichs, der Ringelhahns Kollegen Felix Voss spielt, nur ein paar belanglose Sätze und Handreichungen ins Drehbuch zu schreiben, ist entweder ungeschickt oder ein feministischer Affront.

Trott der Mittelmäßigkeit

Drei Fälle plätschern geruhsam zwischen Nürnberg und Würzburg einher, man denkt, da kommt noch was, und weil aber doch nichts kommt, denkt man: Vielleicht ist sie ja so, die Polizeiarbeit in Franken, viele Morde werden die nicht haben, da geht halt alles den Trott der Mittelmäßigkeit.

Da auch Regisseur Andreas Senn dem Drehbuch nur wenig Spannung hinzufügt und es lieber in kleinen optischen Idyllen bewenden lässt, sei die Prognose gewagt: Dieser allzu gemütliche Tatort mit dem absurden Titel Das Recht, sich zu sorgen wird keine zwölf Millionen Zuschauer vor den Bildschirm bannen, und dem 2017 folgenden dritten Franken-Tatort hat er einen Bärendienst erwiesen.

Am Ende haben wir zwei Beziehungstaten, eine Mutter, die sich wie nach einer Wunderheilung in ihr Schicksal fügt, und wir erleben eine Überwachungskamera, die am unwahrscheinlichsten Ort der Welt angebracht ist. Aber dank dieser Kamera wird zumindest einer der Fälle gelöst.

Nein, so blöd, wie es das Drehbuch will, ist man in Franken gewiss nicht.

Der "Tatort: Das Recht, sich zu sorgen" in Bildern.

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