Alice Schwarzer - Sie kam und blieb
04.12.2022 • 22:10 - 23:05 Uhr
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Originaltitel
Alice Schwarzer - Ikone des Feminismus
Produktionsland
D, F
Produktionsdatum
2022
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Nicht nur "männermordende Amazone": Dokumentarfilm zeigt die vielen Facetten der Alice Schwarzer

Von Elisa Eberle

Am 3. Dezember feiert Alice Schwarzer ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass erschien nicht nur ein ARD-Spielfilm, sondern auch eine Kinodokumentation, deren gekürzte Fersehfassung nun bei ARTE zu sehen sie. Sie zeigt die spannende Karriere einer zerrissenen Frau.

Die einen lieben sie, die anderen hassen sie, dazwischen gibt es nur wenig: Alice Schwarzer ist spätestens seit ihrem öffentlichen Streitgespräch mit der Schriftstellerin Esther Vilar im Jahr 1975 eine der polarisierendsten Persönlichkeiten unserer Zeit. Die einen bezeichnen sie leicht verächtlich als "die Feministin Nummer eins", die anderen sprechen ängstlich von der "männermordenden Amazone", wie es Blacky Fuchsberger einst in einer Talkshow gesagt hatte. Dabei ist die am 3. Dezember 1942 in Wuppertal geborene Schwarzer so viel mehr als nur das. Einen Rückblick auf ihr privates und berufliches Leben gibt der Kinodokumentarfilm "Alice Schwarzer – Sie kam und blieb" von Sabine Derflinger, der wenige Monate nach seiner Premiere nun in einer gekürzten Fernsehfassung bei ARTE zu sehen ist.

Das Besondere an dem Film ist, dass Alice Schwarzer persönlich die wichtigsten Meilensteine ihrer mehr als 50 Jahre andauernden Karriere als Journalistin und Publizistin kommentiert. So erinnert sie sich etwa an die Anfänge der Frauenzeitschrift "Emma" im Jahr 1977: "Ich war 35 Jahre alt und war noch nie Chefredakteurin, geschweige denn Verlegerin gewesen." Dennoch oder gerade deshalb stürzte sich Schwarzer mit allem, was sie hatte, in die Arbeit: "Es war nicht immer einfach für mich", erinnert sie sich. Gerade in den Anfangsjahren arbeitete sie oft alleine, Tag und Nacht: "Das ist die einzige Zeit in meinem Leben, zwei, drei Jahre lang, dass ich sehr einsam war", sagt sie heute.

Der Großvater als "soziale Mutter"

Als Kind wuchs sie bei ihren Großeltern auf, weil ihre Mutter "nicht die ideale Mutter" war, wie sie kürzlich in einem Interview verriet. "Im Nachhinein ist es ja vielleicht bewundernswert, dass ich Feministin geworden bin", sagt sie im Film, "wo meine soziale Mutter dieser liebe Großvater war und die zweite Person diese anstrengende, aber interessante Frau, hoch politisiert, Gerechtigkeitsfanatikerin, frühe Ökologin." Es sind Sätze wie diese, die erahnen lassen, was Nina Gummich, die Alice Schwarzer in dem ARD-Zweiteiler "Alice" (seit 23. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar) meint, wenn sie im Interview von der sehr melancholischen Seite der Alice Schwarzer spricht: "Diese Tiefe ist dafür verantwortlich, dass sich so viele Frauen ihr anvertrauen", sagt sie.

Doch Alice Schwarzer kann auch pointiert erzählen. Ihren Humor beweist sie in dem Dokumentarfilm, wenn sie von ihrer Beziehung zu dem Franzosen Bruno Pietszch erzählt, wie sie ihn langsam zur Hausarbeit erzog, beim Waschsalon aber einlenken musste, weil dort außer Bruno nur Frauen waren: "Man kann diese Kämpfe auch nicht bis zur Demütigung führen", sagt Schwarzer. Sie selbst würde zum Beispiel niemals einen Autoreifen wechseln: "Weil ich es nicht kann und keinen Bock habe. Und weil ich mir sage: Als Frau habe ich in diesem Jahrhundert so viele Nachteile noch, dass ich ein paar Vorteile der Galanterie absolut genieße: Tür aufhalten, höflich sein, Autoreifen wechseln."

Die erste Sexismusklage der Bundesrepublik

"Alice Schwarzer – Sie kam und blieb" ist ein spannender, mithin auch schockierender Einblick in eine längst vergangene Zeit: Zahlreiche Archivaufnahmen zeigen Momente, wie etwa den Fernsehbeitrag, in dem der damalige Herausgeber und Chefredakteur vom "Stern", Henri Nannen, das Titelbild einer nackten, an den Füßen gefesselten Grace Jones verteidigte: "Frauen behängen sich ja gelegentlich mit Ketten. Ich finde das zum Teil ganz schön." Gegen dieses und weitere Titelbilder des "Stern" hatte Alice Schwarzer zusammen anderen Frauen 1978 geklagt. "Es war die erste Sexismusklage in der Bundesrepublik", kommentiert sie stolz. Gewonnen hat sie nicht. Ein Gesetz gegen Sexismus gibt es in Deutschland bis heute nicht.

So schafft es der Film auch in der kurzen 52-Minuten-Fassung, Missstände unserer Gesellschaft aufzuzeigen. Dass es bei Themen wie der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen oder den Protesten gegen die Vollverschleierung der Frauen, die es bereits in den 1970-ern im Iran gab, höchst aktuell wird, liegt auf der Hand. Abgerundet wird der Film mit einigen persönlichen Einblicken, etwa in die Freundschaft zwischen Alice Schwarzer, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir und in die Beziehung, die Alice Schwarzer seit über 30 Jahren mit der Fotografin Bettina Flitner führt.

Alice Schwarzer – Sie kam und blieb – So. 04.12. – ARTE: 22.10 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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