Tatort
10.02.2026 • 20:15 - 21:45 Uhr
Serie, Krimireihe
Lesermeinung
Silke Weinzierl (Nina Proll) und Ivo Batic (Miroslav Nemec, rechts) reden, Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Hintergrund.
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Von links: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) entfernen sich vom Polizeipräsidium.
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Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) zeigt Irmi (Johanna Bittenbinder) ein Bild. Hinten: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).
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Von links: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) befragen den Mann mit Hut bei Irmi.
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Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Altersfreigabe
12+
Serie, Krimireihe

Wie man sich den Fasching – grandios – verdirbt

Von Eric Leimann

"Kehraus" – Ein "Tatort", der ebenso heißt wie Gerhard Polts bösartiger Humor-Klassiker von 1983, lässt Böses erahnen. Auch wenn die Faschingskultur im sehr münchnerischen Fall von 2020 nicht aktiv "gedisst" wird – dieses brillante, tieftraurige Frauenporträt sorgt sicher nicht für Partystimmung.

Auch wenn der echte Kehraus-Dienstag – letzter Tag der Faschings-Saison vorm Aschermittwoch – erst eine Woche später stattfindet, dieser Krimi von 2020 ist immer das Anschauen wert: Im "Tatort: Kehraus" befindet sich München im Feiertaumel. Sogar Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) ist als "Pilot" unterwegs und hat ein paar "Bienen" kennengelernt – als er mit dem eher faschingsmuffeligen Langzeitkollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu einem Toten gerufen wird. Die 70-jährige Leiche am Fuß einer Treppe hat gemäß ihrem Stempel auf der Hand eben noch in "Irmis Stüberl" direkt um die Ecke gefeiert. In der Kneipe hat man den Mann noch mit einem anderen streiten sehen, der in Begleitung eines "Rotkäppchens" war. Die Frau im Kostüm hört bürgerlich auf den Namen Silke Weinzierl (Nina Proll). Doch sie ist an diesem Abend eindeutig nicht mehr vernehmungsfähig. Batic und Leitmayr bringen ihre volltrunkene Märchenfigur in die Ausnüchterungszelle – und setzen die Arbeit am nächsten Morgen fort.

Doch auch ohne Alkohol ist die Zeugin nicht wirklich eine Hilfe, denn sie bestreitet, den Toten zu kennen. Als endlich ihre Bekanntschaft des Abends ausfindig gemacht wurde, gibt der Mann an, das "Rotkäppchen" und nicht er hätte mit dem später Verblichenen gestritten. Der Verdacht liegt nahe, dass Batic' und Leitmayrs Zeugin erstens nicht die Wahrheit sagt und zweitens auch ihr eigenes Leben zu einer Art Märchen gemacht hat. Je tiefer die Kommissare in den Fall einsteigen, desto schillernder wird ihre Zeugin – oder auch Verdächtige?

Wer Karneval ohne Masken sehen will, schaut "Tatort"

Selbst wenn sich Batic und Leitmayr in diesem vielleicht melancholischsten deutschen Faschingsfilm aller Zeiten zu Beginn in einem klassischen "Whodunit"-Fall zu bewegen scheinen – mit der Zeit wird klar: Eigentlich verfolgt man hier das fein geschriebene und superb gespielte Porträt einer Frau, deren Leben ein großer (Selbst)betrug zu sein scheint.

Silke hat arge Geldnöte. Immer träumt sie vom nächsten großen Geschäft, das ihr aber stets im letzten Moment zu entgleiten scheint, oder das Schicksal spielt ihr einen anderen üblen Streich. Zu ihrem halbwüchsigen Sohn hat sie wenig Kontakt. Der Junge entschied sich für die Stabilität eines bürgerlichen Lebens beim Vater und dessen neuer Familie. Dass Silke vom Luxus träumt und ihn genussvoll lebt, wenn sich auch nur für kurze Zeit die Chance dazu bietet, macht sie natürlich verdächtig. Könnte der Tote ihr "Opfer" für ein besseres Leben gewesen sein?

Das Drehbuch von Stefan Betz, der einige Eberhofer-Krimis zum Drehbuch umformte, und Stefan Holtz ("Die Ibiza-Affäre", "Blood Red Sky") könnte das Porträt einer Mörderin sein. Oder auch das einer Spielerin, die ihr Leben abseits bürgerlicher Sicherheitsnormen lebt und dafür einen Preis bezahlt. Wunderbar auch die Wendung, die Prolls Figur im letzten Drittel des Films erfährt. Dann, wenn wohl der letzte aktive Faschingsfan sich von diesem "Tatort" (Regie: Christine Hartmann) verabschiedet hat. Die Handlung, so viel sei verraten, endet am Morgen des Aschermittwochs.

Heimatloses Rotkäppchen

"Kehraus", der Titel des "Tatorts", spielt nicht nur auf Gerhard Polts ebenso benannte, genial traurige Faschingskomödie von 1983 an. Kehraus steht als Begriff auch für ein Großreinemachen im Leben. Ein Akt, dem der Film ein balladenhaftes Denkmal setzt. Übrigens eines, das prall gefüllt mit Münchener Dialekt, melancholisch-bissigen Menschen und abgründig-bayerischem Humor ist. Dass beide Drehbuchautoren sowie die Regisseurin aus dem Großraum München stammen, half wohl dabei.

Die größte Leistung des Films bietet jedoch die Österreicherin Nina Proll in der Hauptrolle. Sie lebt im Auto und will sich im Leben nicht mehr binden. Silke Weinzierl transportiert ihr gesamtes Hab und Gut im abgewetzten Kombi. Doch solange der Fasching tobt, hat das Rotkäppchen seine Heimatlosigkeit wohl kurz vergessen. Man muss auch mal abschalten können.

Tatort: Kehraus – Di. 10.02. – BR: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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