Zwei Herren im Anzug - Festivalfassung
24.11.2021 • 22:35 - 00:35 Uhr
Spielfilm, Drama
Lesermeinung
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Originaltitel
Zwei Herren im Anzug
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2018
Altersfreigabe
12+
Spielfilm, Drama

Tragikomische Erinnerung beim Leichenschmaus

Von Wilfried Geldner

Josef Bierbichlers Verfilmung nach Motiven seines Familienromans "Mittelreich": Ein Vater kann seinen Sohn nicht lieben, die Mutter verteidigt ihn mit fürsorglicher Zärtlichkeit. Spät kommt das Kriegstrauma des Vaters zur Sprache – die Erinnerungsarbeit hat sich doch gelohnt.

Ganz langsam nähert sich zu Beginn von "Zwei Herren im Anzug", Josef Bierbichlers Verfilmung seines Familienromans "Mittelerde" (jetzt im BR-Fernsehen), die Kamera einem Wirtshaus am See. Auf dem Wasser schwimmen zwei schwarze Hüte. Erst ganz am Ende des Zweistundenfilms löst sich auf, was die Hüte bedeuten. Zwei alte Herren, engelhafte Beobachter des Menschenlebens sind ins Wasser gegangen. Ihre letzten Worte: "Sind wir froh, dass wir keine Menschen sind!" – Der Rest ist Schweigen. Schweigen über die sehr harte Geschichte vom Seewirt, der sich nicht mehr erinnern kann, an das was war in Russland und in Polen, damals 1944.

40 Jahre danach sitzen sie im Saal des Wirtshauses, der Wirt und Bauer Pankraz (Josef Bierbichler) und sein Sohn, der Semi (Simon Donatz). Die Mutter ist gerade beerdigt worden, der Leichenschmaus ist vorbei. Alte Freunde und Bekannte sind gekommen, die fast vergessen sind, die Nachbarin, die damals der Mutter die Heirat mit Pankraz empfohlen hat. Zurückgeblendet wird weit über die Zeit des letzten Weltkriegs hinaus in die Vorkriegszeit und auf die Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg. In Doppelrollen verkörpern Bierbichler und Donatz auch die frühere Generation.

Doch es ist kein Geschichtsbuch, das hier aufgeschlagen wird. Sehr subjektiv, auch mithilfe von aufbewahrten Familienfotos, kommen die Erinnerungen ans Licht. Scheinbar unverfängliche zunächst, dann immer schlimmere. Zwei zerstörte Seelen: Nie haben Sohn und Vater miteinander reden können, immer hat der Vater geschwiegen. Er hat den Sohn nicht haben wollen, so stellt sich heraus, ihn immer abgelehnt, aus spät zum Vorschein kommenden traumatischen Gründen.

Lange glaubt man beim Betrachten des dialogischen Gedankenstroms, alles gehe seinen familienüblichen Gang. Nichts Ungewöhnliches, der harte Handel eben, das schwere Bauernleben. Doch sitzt der ältere Sohn viele Jahre nach dem Krieg plötzlich wieder in der Küche. Er hat, so stellt sich heraus, den Verstand verloren nach seiner Kriegsverletzung. Im Wirtshaus hält er antisemitische Reden, schließlich wird sein Zustand für unheilbar erklärt.

Kurioser Höhepunkt am Faschingsfest

Bierbichlers Lebensbeichte, die wohlgemerkt nicht deckungsgleich ist mit der eigenen Biografie, hat zum Glück für den Zuschauer neben all der Schwermut auch ihre komischen und durchaus banalen Momente. Grandios werden beispielsweise die Nachkriegszeit und die Kehrseiten des Wirtschaftswunders geschildert. Ein Faschingsfest mit Maskenprämierung gipfelt in der Überlegung, ob nun eine Stripperin mit Hitlerbärtchen Chancen habe auf einen Preis. "Die Frau ist schön", gibt ein Mitglied der Jury zu bedenken, nicht ohne anzumerken, man könne der Prämierten zum Ausgleich ja einen Mann "mit hebräischem Aussehen" an die Seite stellen. Irgendwann aber sagt dann Pankraz zur Hitler-Maske den denkwürdigen epochalen Satz: "Ich war nie ein Nazi, doch kein Nazi war ich nie."

Angesichts des 1944 auf dem Rückzug in Polen Erlebten, als Pankraz und sein Kriegskamerad von SS-Leuten zu einem letzten schrecklichen Sondereinsatz gezwungen werden, ist das ein Satz, der erstaunlich ist. Zwischen all der bombastischen Wagner-Symbolik und den Bildern vom Untergang im See, die Bierbichler für seinen armen bindungslosen Helden findet, wirkt diese Nebenbei-Erkenntnis wie ein hoffnungsvoller Funke der Vernunft. Eine wahrhaft komische Erkenntnis.

Der BR zeigt "Zwei Herren im Anzug" nun in der "Festivalfassung". Im Anschluss um 0.30 Uhr blickt die Dokumentation "kinokino Extra: Seeuferblues" von Andreas Lechner hinter die Kulissen und blickt auf die Entstehungsgeschichte des Films.

Zwei Herren im Anzug – Mi. 24.11. – BR: 22.30 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Maret Hoffmann ist Apothekerin und lacht in die Kamera.
Gesundheit

Mit Heilpflanzen gegen Rheuma

Rheuma bringt schmerzende Gelenke mit sich. Doch welche Heilpflanzen helfen wirklich? Von Teufelskralle bis Rosmarin: Eine Apothekerin klärt auf und gibt Tipps.
Corinna Elling-Audersch, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Rheuma-Liga lacht.
Gesundheit

Rheuma selbst managen

Die Deutsche Rheuma-Liga bietet Selbstmanagement-Kurse an, um Betroffenen den Alltag mit Rheuma zu erleichtern. Teilnehmer lernen, mit Schmerzen umzugehen und ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Ernährungstipps und Entspannungsübungen sind Teil des Programms.
DJ Ötzi lacht.
HALLO!

DJ Ötzi im Interview: "DJ Ötzi ist extrovertiert, Gerry dagegen sehr introvertiert"

Gerry Friedle alias DJ Ötzi spricht über die anstehende Mountain Mania in Köln, seine Heimatverbundenheit und den Unterschied zwischen seiner Person und seinem Bühnenalter Ego.
Eine Kastanie im Herbstlaub
Gesundheit

Gesund durch den Herbst

Der Herbst bringt oft Erkältungen mit sich. Doch mit einfachen Maßnahmen wie guter Handhygiene, ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung kann man Infektionen vorbeugen. Impfungen und Entspannung helfen zusätzlich, gesund durch die kalte Jahreszeit zu kommen.
Martin Reinl und die Figuren der Sesamstraße.
HALLO!

Martin Reinl: „Die Sesamstraße ist für jede Generation etwas anderes“

Martin Reinl, bekannt als Stimme von Elmo und Grobi, gibt Einblicke in seine Arbeit als Puppenspieler und sein neues Buch über die Geschichte der Sesamstraße. Zusammen mit Julian Schlichting beleuchtet er die facettenreiche Welt der Puppen und die Herausforderungen der Produktion.
Professor Dr. med. Burkhard Sievers
Gesundheit

Luftnot bei Frauen: oft verkannt und falsch eingeschätzt  

Eine 54-jährige Patientin litt unter Luftnot und erhielt nach gründlicher Untersuchung die Diagnose Asthma bronchiale. Ein kortisonhaltiges Spray soll nun Linderung verschaffen.