Amazon-Serie

"Carnival Row": grausam, düster und hochaktuell

von Annekatrin Liebisch

Die Fantasywelt, in der Orlando Bloom und Cara Delevingne im Amazon-Original "Carnival Row" leben, könnte grausamer kaum sein. Ein Killer treibt sein Unwesen, Rassismus und Ausgrenzung sind an der Tagesordnung.

Ihre Gesichter sind dicht beieinander, sie schauen sich tief in die Augen: Obwohl Cara Delevingne in ihrer linken Hand ein Messer gefährlich nah an Orlando Blooms Brust hält, lässt das Plakatmotiv zu "Carnival Row" kaum einen Zweifel daran, dass es sich bei Amazons jüngstem Original (Start: 30. August) um eine Romanze handeln muss. Noch dazu eine mit Fabelwesen, wie die Feenflügel auf Delevingnes Rücken unschwer erkennen lassen. Verkehrt ist diese Annahme nicht, dennoch könnte das Bild, mit dem der Streaming-Anbieter den Achtteiler bewirbt, kaum mehr in die Irre führen. Denn die Fantasy-Geschichte, die die Showrunner Travis Beacham und René Echevarria in einer fiktiven viktorianischen Welt angesiedelt haben, ist vor allem eins: düster und blutig.

So sollten sich die Zuschauer eher auf ein Seherlebnis à la "Die Einkreisung" ("The Alienist") statt Peter Pan einstellen. Denn auch hier steht eine grausame Mordserie im Zentrum des Geschehens, deren Schrecken nicht nur angedeutet werden. Doch furchtbare Bilder bekommt man schon zu sehen, bevor der Mörder sein erstes Opfer brutal ausgeweidet hat. Mit dem Anblick einer übel zugerichteten Leiche im Stacheldraht wird das Publikum in dieser seltsamen Welt willkommen geheißen. Einer Welt, in der Krieg herrscht. Rivalisierende Armeen der Menschen sind in den Reichen der Feen und Pucks eingefallen, um sich zu bereichern. Abertausende wurden getötet, wer konnte, trat die Flucht in die Menschen-Republik The Burgue an, die im Krieg aufseiten der Fabelwesen stand.

Doch willkommen sind die Flüchtlinge hier nicht. Von den Einheimischen werden sie im besten Fall ignoriert, im Normalfall beleidigt, im schlimmsten Fall attackiert. Selbst von der Polizei werden sie drangsaliert, egal ob sie einem ehrenhaften Beruf nachgehen oder – wie so viele von ihnen – sich auf andere Weise durchschlagen müssen. Lediglich Inspektor Rycroft "Philo" Philostrate (Orlando Bloom) ist einer von den Guten, einer, dem es egal ist, ob sein Gegenüber Hörner, Hufe oder Flügel hat. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass er sich während des Krieges in eine Fee namens Vignette Stonemoss (Cara Delevingne) verliebte, die nun, sieben Jahre nachdem er sie im Feenland Tir na Nog zurückließ, wieder in sein Leben tritt.

Trotz der Nähe, die das Plakatmotiv andeutet, gehen die beiden Figuren weitestgehend getrennte Wege, die sich erst zum Ende hin öfter kreuzen. Zumeist folgt die Handlung Philo und seinen Bemühungen, einen Killer zu stellen, der es gleichermaßen auf Menschen und Fabelwesen abgesehen zu haben scheint. Doch auch Vignettes neuem, schwierigen Leben in der berüchtigten Carnival Row wird genug Zeit eingeräumt, ebenso anderen Figuren, deren Facettenreichtum sich erst nach und nach zeigt.

"Carnival Row" ist Fantasy, Krimi, Kostümdrama und reine Fiktion, aber dabei doch oft erschreckend nah an der heutigen Lebenswelt vieler Menschen. Es finden sich darin unzählige Beispiele für Rassismus und Ausgrenzung, für Radikalisierung und Stigmatisierung. Man muss die Augen schon sehr fest verschließen, um keine Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen zu erkennen. Ob die Showrunner auch Lösungen anbieten können, die sich ebenso leicht übertragen ließen, bleibt abzuwarten: Bereits vor der Ausstrahlung der ersten Staffel kündigte Amazon eine zweite an.


Quelle: teleschau – der Mediendienst
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