Emotionale Familiengeschichten sind genau ihr Ding. Insofern hätte Hape Kerkeling für die Verfilmung seiner Lebensgeschichte kaum eine bessere Regisseurin als Caroline Link finden können.

Caroline Link, Jahrgang 1964, gehört zu den spannendsten und empathischsten Filmemacherinnen hierzulande. Unbeirrt macht die gebürtige Hessin, die ihr Handwerk an der Münchner Filmhochschule gelernt hat, Filme von großer Ernsthaftigkeit und Emotionalität. Ihr Kino-Erstling "Jenseits der Stille" war für den Oscar nominiert, den sie 2002 für "Nirgendwo in Afrika" gewann. Nun hat Link berührend und unterhaltsam zugleich die Geschichte der Kindheit von Hape Kerkeling, einem der größten deutschen Entertainer, verfilmt. "Der Junge muss an die frische Luft" läuft ab 25. Dezember im Kino. Beim Interview in einem Münchner Café sitzt einem eine gestandene Frau gegenüber, die sich nicht mit Eitelkeiten aufhält, sondern ihren Visionen folgt.

prisma: "Der Junge muss an die frische Luft" ist die Geschichte von Hape Kerkelings Kindheit. Ein Buch darüber, wie er wurde, was er ist. Was hat Sie daran gereizt?

Caroline Link: Ich suche im Kino nach einer starken Emotion. Das heißt, ich will entweder berührt werden oder viel lachen. Ich bin keine Komödien- und auch keine Suspense-Regisseurin. Ich erzähle am liebsten von Gefühlen, die aber nicht so konstruiert sind wie in den Hollywoodfilmen, sondern die tatsächlich aus einer gewissen Tiefe entstehen. Und so war es bei diesem Drehbuch, bei dem – was selten passiert – großer Schmerz und Leichtigkeit ganz nah nebeneinander liegen. Man kann sich solche Geschichten kaum selbst ausdenken. Diese hier ist die Kindheit von Hape Kerkeling! Ich habe davor nicht gewusst, dass hinter diesem großen deutschen Entertainer diese Tragödie steckt.

prisma: Das Buch hat sich über eine Million Mal verkauft. Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Link: Nein, das Einzige, was mich angespornt hat, war meine Sorge, ob Hape mit diesem Film zufrieden sein würde, weil wir ja über sein Leben erzählen. Ich kann mir vorstellen, dass das eine heikle Thematik ist, dieser Freitod seiner Mutter. Deshalb habe ich im Vorfeld mit ihm über seine Erlebnisse geredet.

prisma: Was war Ihnen bei der Verfilmung wichtig?

Link: Dass wir die richtige Tonlage für diese Geschichte finden. Dass das Traurige nicht verharmlost wird. Der Tod einer jungen Mutter ist nun mal schlimm. Hape war zuerst zögerlich, weil er Angst hatte, dass das Publikum dann abspringen könnte. Aber ich glaube, bei so einer Geschichte darf man nicht so streng nach dramaturgischen Regeln gehen. Im Leben liegen Schmerz und Lachen ja auch oft direkt beisammen. Das Gelingen eines Films hängt immer zu 90 Prozent von interessanten Figuren ab. Nah geht es einem immer nur, wenn die Figuren glaubwürdig sind. Und darum war mir wichtig, dass dieser kleine Junge im Zentrum ein lebendiger, liebenswerter kleiner Held wird, in dessen Seele und Herz man gucken kann.

prisma: Der Film ist mehr als eine Autobiografie, er ist auch eine Familiengeschichte. Und dafür scheinen Sie ja ein Faible zu haben.

Link: Ja, Familie ist in meinen Filmen immer wieder ein Thema. Ich denke, wenn man etwas über die Gesellschaft erzählen will, kann man das gut über eine Familie tun. Die Familienbande sind der Ursprung aller unserer Fähigkeiten, uns zu binden, zu lieben, zu hassen. Sozusagen rühren unsere ganzen Komplexe und Traumata aus Kindheitstagen und von Familienkonstellationen her. Als Kern einer Geschichte finde ich das sehr spannend. Und diese Familie von Hape war mir sofort sehr vertraut. Wie er komme ich aus der Provinz.

prisma: Der Film spielt im Ruhrpott 1972. Zur selben Zeit haben Sie ein paar 100 Kilometer weiter Ihre Kindheit verbracht. Gab es da Parallelen?

Link: Auch in meiner Familie waren die Großeltern gezeichnet vom Krieg, bei mir saß noch der schwerverwundete Großvater im Hinterzimmer der Küche mit einem Verband auf dem Auge. In dieser Zeit hing über allem noch der Schatten des Krieges, der sich vielleicht auch in der Depression von Hapes Mutter gezeigt hat. Ich war in meiner Familie abgesehen von einem Cousin die Erste, die Abitur gemacht hat. Die ganze Familie waren Kaufleute, meine Oma hat in einem Feinkostgeschäft gearbeitet. Meine Eltern hatten ein Restaurant. Im Grunde waren alle so redliche, herzliche, sehr fleißige Menschen und das ist, glaube ich, ähnlich wie bei Hape. Das waren keine Denker, sondern Macher.

prisma: Die Gabe von Hape Kerkeling war es schon immer, andere zum Lachen zu bringen. Fanden Sie ihn selbst auch lustig?

Link: Ich finde ihn immer dann besonders lustig, wenn er in verschiedenen Sprachen spielt, diese Durchsagen auf dem Petersplatz in Rom in zehn Sprachen, von denen er die meisten gar nicht spricht, da könnte ich mich wegschmeißen. Ich war kürzlich im Schloss Bellevue und habe zu den Sicherheitskräften an der Tür gesagt, hier ist doch der Hape einfach mal als Königin Beatrix durchgefahren, oder? Das ist denen ganz peinlich, die sagen dann, so etwas könnte heute nicht mehr passieren. Dass der da einfach so winkend durchgefahren ist, das muss man sich erstmal trauen!

prisma: Wie war Ihre erste Begegnung mit Hape Kerkeling?

Link: So eine riesengroße Sehnsucht danach, Promis zu treffen, hatte ich noch nie, auch nicht als Teenager. Ich hatte auch als Mädchen immer nur Tierbilder über dem Bett, nie Stars. Ich war dann in seiner Wohnung in Berlin, und er hatte Kuchen gekauft. Das ist ja das Verrückte, wenn man einen Film zusammen macht, dass man so schnell über relativ private Angelegenheiten redet. Hape war sehr offen, konstruktiv und professionell. Er weiß natürlich, ein Film ist etwas anderes als ein Buch. Er hat mir Fotos von seiner Familie gezeigt und mir sehr viele wichtige, für mich sehr aufschlussreiche Dinge erzählt. Abgesehen davon ist er auch privat wirklich lustig, man kann viel mit ihm lachen.

prisma: Julius Weckauf, der Hape grandios spielt, hatte zuvor keinerlei Filmerfahrung – ist das nicht eine Herausforderung für eine Regisseurin?

Link: Gott sei Dank, das ist mir ja immer das Liebste. Ich finde es viel besser, mit Kindern zu drehen, die noch nichts gedreht haben, weil die noch nicht wissen, wie sie wirken, und nicht versuchen, sich irgendwie darzustellen. Die haben noch diese Unschuld, die ich sehr schätze. Kinder, die viel gedreht haben, haben so eine Routine, die nicht mehr so frisch ist.

prisma: Wie hat Hape Kerkeling reagiert, als er den fertigen Film gesehen hat?

Link: Da kamen viele gemischte Gefühle zusammen. Auf der einen Seite Rührung, auf der anderen Seite Fragen: Was sagen die Zuschauer dazu, was sagt meine Familie dazu? Ist es zu traurig, ist es lustig genug? Ich glaube, dass er am Anfang gar nicht wusste, wie er das jetzt alles finden soll. Nicht zuletzt ist Hape Entertainer. Er möchte die Leute zum Lachen bringen. Aber jetzt hat er in einem Interview gesagt, dass er den Film als Meisterwerk empfindet. Das freut mich natürlich riesig.

prisma: Ein anerkanntes Meisterwerk ist auch Ihr Film "Nirgendwo in Afrika", für den Sie den Auslands-Oscar bekommen haben. Wollen Sie irgendwann noch einen Hollywood-Film drehen?

Link: Nein, Hollywood ist mir sehr fremd. Ich will mich nicht mit Leuten auseinandersetzen, die etwas anderes wollen als ich. Ich will noch ein paar schöne Kinofilme drehen, aber mein anderes Leben jenseits des Filmemachens ist für mich genauso wichtig. Ich sehe gerne Freunde, bin gern mit meinem Kind zusammen, mit meiner Familie. Im Ausland will ich schon Filme drehen, aber nicht unbedingt in Amerika. Ich mache die Filme nicht, um möglichst berühmt zu werden, sondern um mich in meinem Leben mit Dingen zu beschäftigen, die ich spannend finde. Die Zeit, als ich den Oscar gewonnen habe und ich auf so wahnsinnig viele Angebote reagieren musste, das war mir im Nachhinein fast zu viel. Da konnte ich gar nicht mehr klar denken.

prisma: Sie haben kürzlich das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Was ist für Sie die größte Wertschätzung Ihrer Arbeit?

Link: Es ist schon schön, wenn man für etwas gelobt wird, bei dem man selbst das Gefühl hat, da ist einem etwas gelungen. Man freut sich als kreativer Mensch, wenn man wirklich gesehen wird, und ein Lob gilt dann besonders viel, wenn es den Kern der eigenen Arbeit trifft.


Quelle: teleschau – der Mediendienst