Eine unsichtbare Macht stürzt die Menschheit in "Bird Box" in den Wahnsinn. Kann Susanne Biers neuester Film mit Sandra Bullock in der Hauptrolle den Mystery-Thriller um neue Facetten bereichern?

Die Apokalypse nahm schon mannigfaltige filmische Formen an: oftmals waren Zombies, manchmal Aliens oder Atomkriege schuld am Untergang der Welt. In "Bird Box – Schließe deine Augen" wird die Menschheit nun mit einem formlosen Schrecken konfrontiert. Und zwar mit einer für den Zuschauer unsichtbaren Entität, die bei jeder Filmfigur, die sie betrachtet, eine andere Form annimmt – und damit jeden in unfassbare Traurigkeit versetzt und somit in den anschließenden Selbstmord stürzt. Eine der wenigen Überlebenden dieses unorthodoxen Jüngsten Gerichts ist Malorie (Oscargewinnerin Sandra Bullock). Ihr Schicksal bestimmt die Filmhandlung – und zwar auf unterschiedlichen Zeitebenen. Netflix hat den Mystery-Thriller von Oscarpreisträgerin Susanne Bier ("In einer besseren Welt") aus den Kinos weggeschnappt und stellt ihn ab Freitag, 21. Dezember, zum Abruf bereit.

In der gegenwärtigen Rahmenhandlung versucht Malorie mit ihren beiden Kindern auf einer beschwerlichen Flussreise via Ruderboot zu einem Refugium zu gelangen, über das sie via Funk erfahren hat. Der Clou dabei: Um sich vor den Wahnvisionen der Entität zu schützen, haben alle drei ihre Augen verbunden – was das Manövrieren auf dem Strom natürlich um ein Vielfaches erschwert. Außerdem hat die Gruppe die titelgebende "Bird Box" dabei – eine Schachtel mit Vögeln, die mit lautem Zwitschern vor einer Annäherung der übernatürlichen Macht warnen.

In Rückblenden wird erzählt, wie die von vielen für eine Seuche gehaltene Katastrophe vor fünf Jahren ausbrach. Auch hier folgt die Handlung dem Weg der damals noch schwangeren Malorie. In einem luxuriösen Haus findet sie Schutz, umgeben von anderen Überlebenden, die als Team zusammenhalten müssen. Mit Douglas (John Malkovich) gerät sie immer wieder aneinander, in Tom (Trevante Rhodes) verliebt sie sich. Wer denkt nur an sein eigenes Wohl? Wer ist möglicherweise schon infiziert? Denn nicht bei allen mit der teuflischen Entität in Kontakt getretenen Personen folgt der Selbstmord. Psychisch Gestörte empfinden die zerstörerische Macht als Erlöser und stürzen alle anderen in den Abgrund.

Bereits im Vorfeld wurde "Bird Box" als geistiger Bruder zu "A Quiet Place" betrachtet. Müssen die Helden in John Krasinskis Sci-Fi-Horror-Hit mucksmäuschenstill sein, dürfen die Protagonisten von "Bird Box" von einem anderen Sinn nur bedingt gebraucht machen: das Nicht-Sehen markiert hier die Prämisse. Der Suizid-Aspekt erinnert in gewisser Weise an M. Night Shyamalans "The Happening", wohingegen die Fähigkeiten der Wesenheit an die Irrwichte aus "Harry Potter" gemahnen. Ein "Ridiculus"-Zauberspruch steht den Protagonisten von Susanne Biers Dystopie aber nicht zur Verfügung ...

"Bird Box" basiert auf dem gleichnamigen Debütroman des "The High Strung"-Sängers Josh Malerman. Adaptiert wurde sein Werk von Eric Heisserer (oscarnominiert für "Arrival"). Sein Skript ist souverän geschrieben und hält sich eng an die grundlegende narrative Struktur der Vorlage. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob es wirklich sinnvoll ist, mit der Rahmenhandlung vorwegzunehmen, dass nicht alle Charaktere bis zum Schluss durchhalten. Für Spannung ist aufgrund der kammerspielartigen Konflikte im Haus und der permanenten Bedrohung von außen glücklicherweise trotzdem gesorgt.

Die Bilder von Salvatore Totino sind stark, die Musik von Trent Reznor und Atticus Ross trägt zur bedrohlichen Grundstimmung bei und die These, dass Überleben ungleich Leben ist, hat ihren ganz eigenen Reiz. Im Endeffekt geht es in "Bird Box" nämlich nicht nur um den Survival-Aspekt, sondern auch darum, wie ein Leben als Mutter aussieht. Welche Verantwortungen und Umstellungen birgt die neue Rolle? So ist denn auch die Charakterentwicklung von Sandra Bullocks Figur, die Mutter-Werdung Malories, der klügste und interessanteste Aspekt des Films – ihr finales Augen-Öffnen ist doppeldeutig gemeint. Das ganze Drumherum ist handwerklich sauber inszeniert und spielt sämtliche Topoi des Survival-Thrillers gekonnt aus. Große Genre-Innovationen sucht man aber vergeblich.

An die nervenzerfetzende Spannung von "A Quiet Place" kommt "Bird Box" nur selten heran. Doch als stilistische Fingerübung und ungewöhnliche Reflexion über das Mutterdasein weiß Susanne Biers Werk allemal zu überzeugen. An einem Punkt äußert sich die Krux des Films sehr deutlich: Es ist eigentlich genial, dass die Bedrohung unsichtbar bleibt und mit der Imagination des Publikums spielt. Auf der anderen Seite müsste ein audiovisuelles Medium den Schrecken zumindest an einigen Stellen schlichtweg greifbarer darstellen. Auch die grandiosen Bilder der ausbrechenden Katastrophe und die gruseligen Zeichnungen eines Geisteskranken können diesen Umstand leider nicht gänzlich kompensieren.


Quelle: teleschau – der Mediendienst