Viele Menschen haben Angst vor dem Coronavirus, sorgen sich um den Arbeitsplatz sitzen die ganze Zeit zu Hause. Wer soll das aushalten? – Psychologe Michael Thiel gibt Antworten.

Wie lange noch? – Das ist, wenn wir mal ganz ehrlich sind, doch die Frage, die uns gerade am meisten umtreibt. Dabei hat es erst angefangen mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Ein Land wurde (wie so viele andere) abrupt heruntergebremst, und nun ist für sehr viele Menschen alles anders: Ein Großteil der Bevölkerung ist zu Hause – allein mit sich und den engsten Familienangehörigen. Niemand kann derzeit sagen, ob wir nun ein paar Wochen oder sogar Monate in großer Mehrheit in den eigenen vier Wänden zu verbringen haben und mit welchen Verschärfungen noch zu rechnen ist. Einigkeit besteht auf breiter Basis nur darüber, dass sich diese Situation aus klarer Notwendigkeit heraus ergeben hat. Mit den daraus resultierenden Sorgen, Nöten und Ängsten, mit all den Herausforderungen, die etwa ein Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung jetzt mit sich bringt, muss jeder für sich alleine fertig werden. Wie bedrohlich ist der Stress für unsere Psyche, und was können wir jetzt tun? – Der aus den Medien und zahlreichen TV-Auftritten bekannte Diplom-Psychologe Michael Thiel spricht im Interview Klartext.

prisma: Herr Thiel, wie viel Klopapier haben Sie noch?

Michael Thiel: (lacht) Es geht so, vielleicht reicht es noch für zwei, drei Wochen – wir waren nicht hamstern. Aber ich habe jetzt das teuerste Klopapier meines Lebens zu Hause. Fünflagig – mindestens, und für ein Schweinegeld erstanden. Es gab nichts anderes mehr!

prisma: Von der Versorgungslage bei Hygieneartikeln abgesehen: Woran merken Sie als Psychologe, dass sich die Gesellschaft im Corona-Ausnahmezustand befindet?

Thiel: Daran, dass ich zugeballert werde mit Interviewanfragen! Im Ernst: So etwas habe ich noch nicht erlebt, ich könnte rund um die Uhr meine Statements als Experte abgeben. Das Informationsbedürfnis ist größer denn je – und alle würden gerne die einfachen Antworten hören. Aber da muss ich passen. Es gibt gerade keine einfachen Antworten.

prisma: Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt?

Thiel: "Wie gehen Menschen mit Isolation um?" – Man will wissen, ob es einen Lagerkoller gibt, und wie sich dieser vermeiden lässt.

prisma: Wie lautet Ihre Antwort?

Thiel: Ich sage ehrlich, was Sache ist: dass es den Lagerkoller tatsächlich gibt, dass wir gute Strategien haben, um mit all dem umzugehen, und dass die Situation, mit der wir es fast alle nun zwangsweise zu tun haben, aus psychologischer Perspektive sehr ernst ist – und damit meine ich nicht die Angst, die dieser anscheinend noch weitgehend unerforschter Virus in uns auslöst. Es ist bedrohlich, wenn wir unsere Sozialkontakte auf Dauer derart einschränken und wir in der häuslichen Enge ganz auf uns und die engsten Angehörigen gestellt sind. Die einen erleben große Einsamkeit, die anderen plötzlich das, was man "Dichte-Stress" nennt. Zu viel Nähe – das sind wir doch allenfalls von den Weihnachtsfeiertagen gewöhnt. Alle wollen auf einmal von mir wissen, was sie denn nun mit ihren Kindern daheim anstellen sollen.

prisma: Und?

Thiel: Malen, basteln, spielen, zusammen lernen, vielleicht Stundenpläne wie in der Schule aufstellen, um dem Ganzen einen gewissen Rahmen zu geben ... – Viel mehr kann ich nicht sagen. Es ist ein interessantes Phänomen: Auf der einen Seite ist in unserer Gesellschaft der Ruf nach mehr Zeit für die Familie, nach Elternzeitregelungen und dergleichen, in den vergangenen Jahren berechtigterweise immer lauter geworden, auf der anderen Seite bringt es jetzt manche Familien schon nach ein paar Tagen an Grenzen, wenn sie zwangsweise zusammen unter einem Dach leben müssen.

prisma: Aber die Probleme, etwa wenn Kinder und Homeoffice unter einen Hut gebracht werden müssen, sind nun nicht von der Hand zu weisen.

Thiel: Nein. Ich will das Thema nicht kleinreden. Nur weise ich auch als Psychologe darauf hin, dass man unbedingt versuchen sollte, die Situation einmal anders zu betrachten: Wie viel Glück habe ich eigentlich, wenn ich in dieser Zeit mit meiner Familie zu Hause Zeit verbringen darf – und uns geht es dabei gut, wir sind gesund! Ist das nicht etwas, wofür wir jetzt sehr dankbar sein sollten? – Wir alle kennen doch die Berichte aus Italien. Also: Es geht darum, die Situation pragmatisch anzunehmen, etwas aus jedem einzelnen Tag zu machen – Corona hin oder her.

prisma: Sie meinen, man muss positiv denken?

Thiel: Das ist mir zu esoterisch. Ich halte mich an Fakten und psychotherapeutische Ansätze. Der berühmte österreichische Psychologe Viktor Frankl, Erfinder der Logotherapie, ein Mann, der mehrere Konzentrationslager überlebt hat, sagte einmal: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt jedes Wie." Ich übersetze: Wenn wir uns im Klaren sind, warum wir jetzt zu Hause sein müssen, dann ertragen wir diese paar Wochen, vielleicht sind es Monate, schon. Was uns allerdings erst mal im Wege steht, ist die sogenannte Reaktanz: eine Abwehrreaktion gegen das Gefühl der eingeschränkten Freiheit und des Drucks von außen. Damit haben wir derzeit alle mehr oder weniger zu kämpfen – die extremen Auswüchse sind die bescheuerten Corona-Partys. Was man tun kann, ist einfach den Verstand einzuschalten: Diese neuen Regelungen haben einen Sinn, sie kommen uns allen als Gemeinschaft zugute. Das gilt es zu realisieren.

prisma: Und das war es dann mit den psychischen Aspekten der Krise?

Thiel: Leider nicht ganz. Es stellt sich bei den meisten in so einer Situation noch das Gefühl des Kontrollverlusts ein. Wir sind gefühlt nicht mehr der Kapitän auf unserem eigenen Schiff – das macht uns Angst. Bei einigen herrscht tatsächlich die blanke Lebensangst, weil sie glauben, dass sie sich nicht selbst schützen können und das alles auch tödlich enden kann. Das Mittel dagegen lautet: Abstand! Setzen Sie sich nicht permanent mit dieser Krise auseinander, leben Sie Ihr Leben! – Aber da kommen die Medien ins Spiel.

prisma: Inwiefern?

Thiel: Wer sich in diesen Tagen zu lange der Corona-Berichterstattung mit all den Live-Tickern, Sondersendungen und Talkrunden hingibt, wer das Dauerfeuer der Meldungen über Sterbequoten, Versorgungsengpässe und die ökonomischen Folgen täglich über Stunden verfolgt und vielleicht ohnehin nicht der Stabilste ist, lebt in der Tat gefährlich und ist auf direktem Wege, ernsthafte psychische Probleme zu bekommen. So bekommt das Corona-Virus gewissermaßen eine weitere Dimension der Gefahr für unsere Gesundheit. Ein erstes Symptom sind die Hamsterkäufe – eine klare Folge dieses von übermäßigem Medienkonsum verstärkten Gefühls des Kontrollverlusts. Wir sehen Bilder von leeren Regalen, hören von ausverkauften Artikeln – und, schwupps, schon denken wir gegen jede Vernunft, dass wir jetzt auch dringend Klopapier brauchen. Uralte Instinkte werden da angesprochen – ein klassisches psychologisches Phänomen, das die Werbeindustrie zu nutzen weiß.

prisma: Uralt ist auch das Prinzip "Brot und Spiele". Derzeit fällt von Fußball bis zu Olympia alles flach, Kinofilme werden verschoben, TV-Shows finden, wenn überhaupt, nur ohne Publikum statt. Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn man ihr die Spiele nimmt?

Thiel: Auch Vergnügungsreisen sind gerade nicht drin. Die viel zitierte Freizeitgesellschaft mit all ihren Ritualen hat jetzt erst mal Zwangspause. Ja, man könnte das wahrscheinlich dramatisieren. Aber tun Sie das bitte nicht!

prisma: Sondern?

Thiel: Ich sage als Psychologe dasselbe wie vorhin, frei nach Frankl: Wenn ich weiß, warum ich gerade nicht ins Stadion gehen kann, werde ich die Abstinenz schon ertragen. Also: Kommen wir alle mal runter! Sehen wir nicht nur auf das, was uns fehlt, sondern genießen wir lieber, was wir haben – zum Beispiel sind da die Streamingdienste und Mediatheken. Welch ein Angebot! Mancher mag das anders wahrnehmen, aber ich meine, Brot und Spiele haben wir beides noch in ausreichendem Maße. Hinzu kommt die Information – in dieser Hinsicht werden die Bedürfnisse des Volkes derzeit auf jeden Fall übererfüllt. Die "Tagesschau" hatte kürzlich fast 18 Millionen Zuschauer. Wie ich hörte, haben aber auch die Spielfilme und verbliebenen TV-Shows ordentliche Quoten. Ich denke, wir erleben gerade, was keiner für möglich hielt, ein Comeback des TV-Lagerfeuers. Und das ist nicht das Schlechteste.

prisma: Wie viel Information ist gesund?

Thiel: Das ist die Frage. Ich würde sagen: Täglich sollte man sich nicht mehr als ein bis zwei Stunden dieser Krisenberichterstattung aussetzen- inklusive Social-Media. Also: Handy weglegen und am Abend irgendwann mal umschalten – Zerstreuung ist wichtig.

prisma: Was schauen Sie?

Thiel: Bei uns zu Hause läuft derzeit jede Menge Kuschelkino, heile Welt, Serien wie "Hercule Poirot" (lacht). Wir brauchen diese Abwechslung, die Momente des kleinen Glücks, unsere Dosis Dopamin. Es gibt mehr als Corona ! – Es darf gespielt werden, es muss gelacht werden. Alles andere ist nicht gesund. Dem Fernsehangebot kommt in dieser Zeit eine enorm wichtige Aufgabe zu, und es ist kein Zufall, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Sender punkten: In Krisenzeiten klammern sich die Menschen an verlässliche Informationen. Das kann auch ein wenig Halt geben. Aber natürlich sollte man nicht nur fernsehen. Telefonieren, chatten, skypen Sie mit Freunden. Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte noch ein bisschen intensiver als sonst!

prisma: Liegt in dieser Situation auch eine Chance?

Thiel: Absolut. Diese Welt hat sich wohl in vielerlei Hinsicht zu schnell gedreht, und jetzt sehen wir alle mal, wie es ist, wenn sich alles verlangsamt. Vielleicht merken wir am Ende, dass uns das gut tut. Wär' doch was. Überhaupt: Langeweile ist nichts Schlimmes, sie ist sogar gesund! Die Natur, die sich gerade schon einiges an Terrain zurückzuerobern scheint, macht es vor. Was ich wohlwollend registriere im privaten Umfeld, ist eine deutlich spürbare Solidaritätswelle. Offenbar schwappt sie durchs ganze Land. Die Frage ist, wie es danach weitergeht. Eine Diskussion über Nachhaltigkeit will aber ich lieber nicht führen (lacht).

prisma: Was raten Sie den Menschen, die derzeit zu Hause vor sich hinkriseln?

Thiel: Zuerst: Vergessen Sie die Älteren nicht, denken Sie an die sogenannte Risikogruppe: Können Sie einem Verwandten oder einem Nachbarn helfen, vielleicht einen Einkauf übernehmen? Sie werden sehen, dass tut einem auch selbst gut. Achten Sie auf Ihr Immunsystem, auf die Ernährung, auf Ihren Schlaf. Gehen Sie auch mal an die frische Luft, bewegen Sie sich – Sport kann man zur Not im Wohnzimmer machen. Pflegen Sie Ihre Kontakte. Und, wichtig, machen Sie Liebe anstatt ständig Corona-TV zu gucken!

prisma: Aus China melden die Statistiker, dass demnächst tatsächlich ein Baby-Boom zu erwarten ist...

Thiel: Sehen Sie, aber auch die Scheidungsraten sind hoch wie nie. Wir haben beide Seiten – und jeder kann sich frei entscheiden: Krieg oder Frieden?

Michael Thiel und seine Frau Annika Lohstroh haben für die "Stiftung Kinderjahre" einen Podcast auf die Beine gestellt, der Kindern und ihren Eltern helfen soll, mit der Corona-Stituation klarzukommen. Unter der URL https://manfred.podigee.io/1-folge-1-corona meldet sich die "Stoffratte Manfred" – ein neugieriger Protagonist, der stellvertretend für die Kids alles über Corona in Erfahrung bringen will.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH