Nichts und niemand kann diesen Jungen aufhalten. Cyril (Thomas Doret) will Gewissheit, er kann und will nicht glauben, dass er abgeschoben wurde. Elf Jahre alt ist "Der Junge mit dem Fahrrad" und fühlt sich im Kinderheim wie ein Gefangener. Sein Vater (Jérémie Renier) hatte ihn dort abgeliefert, mit dem Versprechen, ihn bald wieder abzuholen. Aber er meldet sich nicht. Er will sich gar nicht melden.

Der Junge weiß das natürlich nicht, er glaubt, hofft – und verzweifelt im Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne ("L'Enfant", "Lornas Schweigen"), der nun auf dem sonntagnächtlichen Programmplatz für Qualitätsfilme im Ersten läuft. Mit klaren Bildern und unsentimentalem Erzählton schicken ihn die Belgier auf eine Odyssee, die vor allem Enttäuschungen bereithält. Aber auch ein lohnenswertes Ziel. Doch das muss Cyril erst mal finden wollen.

Cyril ist ein Getriebener, ein Junge, der ständig in Bewegung ist und seine Traurigkeit in Zorn übersetzt. Alles, was er hat, ist sein Fahrrad. Es macht ihn mobil bei der Suche nach seinem Vater, der nichts von ihm wissen will und sich aus der Verantwortung stiehlt. Er verteidigt seinen kostbarsten Besitz mit allen Mitteln und zwei Fäusten. Und ist dabei gar nicht so allein, wie er glaubt.

Hinter den trotzigen Augen Cyrils steckt eine tiefe Verletzlichkeit und eine große Sehnsucht nach Liebe. Die will ihm die Friseuse Samantha (umwerfend authentisch von Cécile de France gespielt) geben, eine junge Frau, die sich wie Cyril allein durchs Leben schlägt. Sie nimmt ihn an den Wochenenden bei sich auf. Doch die beiden Einzelgänger sind überfordert voneinander. Woher auch soll das Vertrauen kommen, wenn man von den Eltern, von den Männern, vom Leben immer nur enttäuscht wurde?

Cyril wird von Thomas Doret gespielt, in einer hinreißenden One-Kid-Show, die an Jean-Pierre Léaud erinnert, der als François Truffauts Alter Ego geküsst und geschlagen wurde. Dem Wahrhaftigen, dem Unmittelbaren und Ungekünstelten, die Truffauts Filme auszeichnen, haben sich auch Jean-Piere und Luc Dardenne verschrieben. Die Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten richteten immer schon einen ungeschönten, einen dokumentarischen Blick auf die sozialen Wirklichkeiten.

Der Film "Der Junge mit dem Fahrrad", der 2011 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, ist eine präzise Beobachtung, was in den Randgebieten der Gesellschaft passiert, wie sich die Bewohner der Trabantenstädte durch ein Leben schlagen, das sie nie herzlich willkommen geheißen hat. Das Schöne aber ist: Alle Tristesse kann die Heiterkeit nicht bezwingen, wenn es noch Güte und Wärme gibt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst