Sie ist zurück. Nach sechs Jahren Pause legt Dido ihr neues Album vor und kommt damit auf Deutschland-Tour. "Wenn die Leute am Ende nach Hause gehen, sollen sie das Gefühl haben, auf einer musikalischen und visuellen Reise mit mir gewesen zu sein."

Sechs Jahre lang war es zuletzt still um sie. Der Grund heißt Stanley. Dido pausierte, um sich um ihre Familie und ihren inzwischen siebenjährigen Sohn zu kümmern. Jetzt legt die britische Sängerin mit "Still On My Mind" ihr fünftes Album vor. Eine gechillte Mischung aus Pop und Clubsounds. Und es besteht wenig Zweifel, dass sie damit ihre außergewöhnliche Erfolgsgeschichte fortschreiben wird. Ihre Singles "Thank You" (1998) und "White Flag" (2003) wurden jeweils über 100 Millionen Mal bei Youtube aufgerufen und laufen bis heute in den Radiostationen. Ab Mai werden sie auch auf der Bühne wieder live zu hören sein. Zum ersten Mal nach 15 Jahren geht Dido wieder auf Tour, auch in Deutschland. Im Interview wirft sie einen Blick zurück auf ihre Karriere und spricht über Familien: die kleine mit ihrem Sohn und die große in Europa.

prisma: Sie haben 40 Millionen Platten verkauft. Welche Empfindungen haben Sie, wenn Sie zurückblicken?

Dido: Ich frage mich oft: "War das wirklich ich?" Es fühlt sich so unrealistisch an. Ich habe ja immer nur meine Musik gemacht. Als das Album "No Angel" 1999 durch die Decke ging, war das eine verrückte und wahnsinnig tolle Zeit.

prisma: Inwiefern?

Dido: Da waren so viele großartige Shows, und ich traf jede Menge interessante Leute. Ich weiß noch, wie mein Vater mich damals aufgeregt anrief und sagte: "Dein Lied läuft im Fußballprogramm 'Match Of The Day'!" Das sind lustige Erinnerungen. Ich hatte wirklich ein sehr besonderes Leben bis hierhin.

prisma: Konnten Sie den Trubel damals überhaupt genießen?

Dido: Es sind nur die guten Seiten, an die ich mich erinnere. Ich hatte das große Glück, von Anfang an von denselben Leuten umgeben zu sein. Karriere war für mich immer ein "Friends- und Family-Ding"! Isoliert oder einsam durch den Ruhm fühlte ich mich nie. Musik passiert bei mir, wenn ich mit guten Leuten abhänge.

prisma: Für Ihr neues Album arbeiteten Sie erneut mit Ihrem Bruder Rollo von Faithless zusammen.

Dido: Es war die vermutlich kleinste Album-Produktion, die ich jemals hatte. Meistens waren nur mein Bruder und mein Kumpel Ryan mit mir im Studio. Sister Bliss von Faithless spielt bei den Songs Keyboard. Es war wie zum Beginn meiner Karriere: keine Erwartungen, keine Hetze, kein Druck, nicht mal eine Plattenfirma. Es war totale Freiheit.

prisma: Ihr Bruder Rollo soll Ihnen anfangs dringend abgeraten haben von einer Karriere als Sängerin.

Dido: Stimmt, er meinte: "Mach das nicht. Es ist so hart. Und es gibt bessere Sängerinnen als dich." Aber wenn du große Träume hast und dein Bruder dir so was sagt, führte das zumindest in meinem Fall dazu, dass ich dachte: Jetzt erst recht! Am Ende war ich dankbar. Es ist gut, wenn Leute an dir zweifeln. Er ist ein großartiger Motivator.

prisma: Hat er sich jemals entschuldigt dafür?

Dido: Ja, nach den ersten Erfolgen. Maxi Jazz, der Sänger von Faithless, kam ins Studio und sagte zu ihm: "Ich denke, so langsam musst du es zurücknehmen." Und das tat er dann gerne. Mein Bruder ist mein größter Unterstützer und Komplize. Aber es ist schon lustig, wie es begann.

prisma: Verglichen mit heutigen Musikerinnen war Dido immer auffallend unspektakulär und bodenständig. Hätten Sie als Newcomerin heutzutage noch eine Chance?

Dido: Schwer zu sagen. Vielleicht stimmte damals einfach das Timing. Wobei ich immer noch denke: Die Künstlerinnen, die heutzutage zur Spitzenklasse gehören, machen große emotionale Songs. Wenn der Song gut ist und die Stimme toll, begeistert das immer noch. Da muss man sich ja nur mal Adele anhören.

prisma: 19 Jahre ist es her, dass Eminem ein Sample Ihres Songs "Thank You" als Grundlage für seinen Hit "Stan" benutzte und diesen im Duett mit Ihnen darbot. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Dido: Es ist schon ein Weilchen her. Aber 2013 rief er mich an, weil er beim Reading Festival auftreten sollte. Er bat mich, dass ich mit ihm noch einmal den Titel singe. Es wurde wirklich ein großer Spaß, den Song zehn Jahre später zu singen. Die Reaktion des Publikums darauf war einfach großartig.

prisma: Im Video zu "Stan" haben Sie seinerzeit die Schwangere gespielt ...

Dido: Stimmt. Mittlerweile weiß ich, wie es sich wirklich anfühlt, schwanger zu sein. Denn ich bin Mutter geworden. Damals hatte ich mir diese große Kugel nur auf den Bauch geklebt. Aber das bedeutete auch, dass ich während der Dreharbeiten die ganze Zeit essen konnte. Ich musste ja nicht in irgendein Outfit passen.

prisma: Ihren neuen Song "Have To Stay" haben Sie aus der Mutterperspektive geschrieben. Wie findet Ihr Sohn Stanley das Lied?

Dido: Er hat dazu mitgesungen. Er wusste, dass es ein Song über ihn ist. Genau genommen geht es darum, ihn eines Tages loslassen zu müssen. Aber in all meinen Liedern gibt es solche kleinen Konflikte und etwas Bittersüßes. Sie sind nie ausschließlich fröhlich oder traurig. Es macht mich schon stolz, dass es mir gelungen ist, mit dem Lied auszudrücken, was ich über bedingungslose Liebe sagen wollte.

prisma: "Give You Up" handelt dagegen vom Loslassen einer Ex-Liebe. Haben Sie ein Mittel gegen Liebeskummer?

Dido: Nein, aber Herzschmerz ist wichtig für jeden von uns, um sich selbst zu finden. Wir gehen da alle durch. Es ist Teil des Lebens. Es ist natürlich schlimm in dem Moment, aber dabei erfährt man eben auch jede Menge über sich selbst. Mir wurde oft das Herz gebrochen, und ich habe viele Lieder darüber geschrieben – auch auf subtilere Art. Selbst "White Flag" entstand, als mein Herz gebrochen war. Ich war dann immer besonders kreativ.

prisma: Der Titel "Chances" legt nahe, dass Sie gerne auch mal faul vor dem Fernseher auf dem Sofa liegen.

Dido: In der Vergangenheit hatte ich viele solcher Tage – besonders als ich ein Teenager war. Aber eigentlich wollte ich mit dem Lied einem befreundeten Pärchen Mut machen, das gerade eine schwere Zeit durchlebt. Denn der nächste Tag kann immer ein besserer sein.

prisma: Stimmt es, dass Sie einige Lieder sitzend auf dem Sofa eingesungen haben?

Dido: Nicht einige. Alle! Über die Jahre habe ich ein gespaltenes Verhältnis zur Aufnahme-Kabine entwickelt. Ich hasse es einfach. Es ist zu still für mich. Ich bin einfach lieber in einem Raum mit Leuten als hinter einer Glasscheibe, während alle anderen eine gute Zeit haben.

prisma: Haben Sie ein Anti-Aging-Rezept?

Dido: Eine Zauberformel habe ich nicht. Aber ich lebe ziemlich gesund. Ich bin ständig draußen und gehe spazieren. Und ich schlafe ausreichend, wenn ich kann.

prisma: In drei Jahren werden Sie 50 ...

Dido: Daran hat mich heute schon jemand erinnert. Aber ich fange erst in zwei Jahren an, mir darüber Gedanken zu machen, ob mich das tangiert.

prisma: Welche Bezug haben Sie einen Bezug zu Deutschland?

Dido: Deutschland war das Land, in dem für mich als Musikerin alles begann. Einen meiner ersten großen Auftritte hatte ich hier als Backing-Vokalistin bei Faithless. Die Erinnerung daran ist bis heute besonders für mich, denn Deutschland hat Faithless zuerst in die Arme geschlossen. Ich bin stolz, ein Teil davon gewesen zu sein. Ich muss auch an die Loveparade in Berlin denken. Es ist bestimmt schon 15 Jahre her, dass ich dort war. Aber das war ein großer Spaß.

prisma: Hat Sie damals jemand erkannt?

Dido: Nein, ich kann mich sehr unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen. Ich liebe das! Ich trug damals nicht mal mehr eines dieser lustigen Raver-Kostüme.

prisma: Kennen Sie deutsche Bands?

Dido: Ich habe Rammstein und die Toten Hosen mal bei den MTV Awards getroffen. Die waren sehr charmant. Ich kenne mich aber nicht gut in der deutschen Musikszene aus. Aber den Elektro-House-Produzenten Zedd, den mag ich! Bis vor Kurzem dachte ich allerdings, der sei Amerikaner.

prisma: Wie stehen Sie zum Brexit?

Dido: Ich bin irritiert, wie jeder andere auch. Zu diesem Zeitpunkt verstehe ich nicht mehr, was da vor sich geht. Ich habe so viel Zeit auf dem Festland mit Konzertreisen verbracht, ich fühle mich als Teil von Europa. Und ich hoffe, Ihr lasst mich im Mai noch einreisen, wenn ich meine erste Deutschland-Tour seit 15 Jahren spiele.

prisma: Fünf Shows spielen Sie hierzulande im Mai.

Dido: Das ist eine Show mehr als in England! Einige Konzerte sind sogar bestuhlt, was gut für die Interaktion mit dem Publikum ist, denn ich erzähle immer gerne und viel. Die Hallen sind nicht so groß, insofern werde ich die Leute sehen können und eine gute Zeit haben. Wir spielen Songs von jedem Album – manche auch ein wenig anders. Wenn die Leute am Ende nach Hause gehen, sollen sie das Gefühl haben, auf einer musikalischen und visuellen Reise mit mir gewesen zu sein. Das gilt übrigens auch für meinen Sohn. Es wird das erste Mal sein, dass er mich auf der Bühne erlebt.

 


Quelle: teleschau – der Mediendienst