"Die Aufseherin" im Ersten

Johanna Langefeld: Die Auschwitz-Wärterin, die mit Hilfe ihrer Gefangenen floh

von Maximilian Haase

Sie war Oberaufseherin in den Frauen-KZs in Auschwitz und Ravensbrück. Nach dem Krieg floh sie aus dem Gefängnis für Nazi-Verbrecher – und das mit Hilfe ihrer ehemaligen Gefangenen. Die Doku "Die Aufseherin" erforscht die Geschichte von Johanna Langefeld.

ARD
Die Aufseherin
Dokumentation • 29.07.2020 • 22:50 Uhr

Über die "Banalität des Bösen" wurde viel geschrieben. Hannah Arendt prägte den Begriff in ihren Analysen von Naziverbrechern wie Eichmann, die eben nicht jenseits aller menschlichen Kategorien anzusiedeln waren. Schließlich galten die meisten der deutschen Mörder als "ganz normale Männer", wie etwa der Historiker Christopher Browning bemerkte. Über die ebenso "normalen" Frauen, die zu Tätern wurden, ist indes viel weniger bekannt. Eine davon war Johanna Langefeld, deren außergewöhnliche wie verstörende Geschichte die sehenswerte Dokumentation "Die Aufseherin" nun beleuchtet, die das Erste nun als TV-Premiere zeigt.

Von Langefeld existiert nicht einmal ein gutes Foto. Dabei war sie nichts Geringeres als Oberaufseherin in den Frauen-Konzentrationslagern in Ravensbrück und Auschwitz. "Sie hat die Geschichte der Frauenkonzentrationslager über den längsten Zeitraum geprägt", heißt es im informativen Dokumentarfilm der Autoren Gerburg Rohde-Dahl und Wladek Jurkow. In detaillierten Rekonstruktionen mit Hilfe von Archivmaterial und Interviews nähern sich die beiden Filmemacher einer nachweislich antisemitischen und vom Nationalsozialismus überzeugten Täterin – die zugleich jedoch ihre Gefangenen human behandelte, wie zahlreiche Zeitzeugen-Aussagen belegen.

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Befreit von den ehemaligen Gefangenen

"Das war die einzige Oberaufseherin, die uns menschlich behandelt hat", erzählt etwa eine Frau, die unter Langefeld in Ravensbrück interniert war. Es sei gar so weit gegangen, dass die Aufseherin, die zwischendurch nach Auschwitz wechselte, fast freudig begrüßt wurde, als sie nach schlechten Erfahrungen wieder nach Ravensbrück zurückkehrte. Langefeld, so berichten es einige, war mitten im mörderischen Umfeld keine Sadistin, habe viele Gefangene sogar gerettet. Und doch – so bezeugt es die andere Seite, die der Film ebenfalls ausführlich beleuchtet: Sie war auch diejenige, die die Selektionen für die Gaskammern durchführte.

Das Wildeste an der Geschichte jener rätselhaften Nazi-Täterin ereignete sich allerdings nach Kriegsende: Angeklagt wegen ihrer Verbrechen, saß Langefeld 1946 im Gefängnis Montelupich / Krakau ein und wartete auf ihren Kriegsverbrecherprozess. Doch dazu kam es nicht: Sie entkam – mit Hilfe ihrer ehemaligen polnischen Lager-Gefangenen. Am 23. Dezember 1946 floh sie aus dem Gefängnis und hielt sich anschließend elf Jahre lang in Polen versteckt. Noch bis 1974 lebte sie in Bayern, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wie der bei zahlreichen Festivals ausgezeichnete Film andeutet, sollten die irritierenden Geschehnisse geheimgehalten werden – damit weder Langefeld noch ihre Befreierinnen vor Gericht gestellt werden konnten.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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