Die Ärztin Kathrin Ortrup ist nach Bonn, ihre alte Heimat, zurückgekommen, um die Praxis ihres Vaters zu übernehmen. In der neuen Umgebung droht sie sich zwischen beruflicher Herausforderung und der Sorge um ihren Sohn Leo aufzureiben. Als Leo entführt wird, gibt man zunächst ihr die Schuld.

Zu Beginn des Thrillers "Die Schattenfreundin" weist alles auf einen gewöhnlichen Thriller hin: Im Garten ist der Bewegungsmelder ausgeschaltet, alsbald liegt der tote Haushund im Swimmingpool. Und dann ist urplötzlich auch Leo weg, der kleine Sohn der Ärztin Kathrin (Miriam Stein), die gerade dabei ist, die Gynäkologenpraxis ihres Vaters Franz (Harald Krassnitzer) zu übernehmen. Sie ist aus Frankfurt in ihre frühere Heimatstadt Bonn zurückgekehrt, während ihr Mann Thomas (Golo Euler) dienstlich noch für ein halbes Jahr in Frankfurt bleibt.

Kathrin droht, zwischen Beruf und Kindserziehung aufgerieben zu werden, im Hin und her zwischen Kita und OPs. Hinzukommt die offensichtlich nicht nur räumliche Distanz zwischen Kathrin und ihrem Mann. Kathrin hatte bereits ein Burn-out-Syndrom, und man weiß nun als Zuschauer nicht so recht, ob man ganz auf ihrer Seite bleiben soll, oder ob nicht vielleicht Vater und Ehemann mit ihren unterschwelligen Vorwürfen – Kind zu spät aus der Kita abgeholt, alleine im Auto zurückgelassen! – im Recht sein könnten. Wirkliche Aussprachen zwischen den Eheleuten gibt es nicht, und auch die überaus vernünftigen Beschwichtigungen des Vaters, den Harald Krassnitzer großartig generös und menschenkennerisch spielt, dringen offensichtlich nicht zum Kern der Probleme vor.

Die aber häuten sich wie eine Zwiebel im Verlauf des Films, dessen Drehbuch nach dem Roman "Schattenfreundin" von Christine Drews entstand (Autorin: Birgit Maiwald). Kathrin trifft auf dem Spielplatz in Tanja (Britta Hammelstein) auf eine Frau, die sich anerbietet, auf Kathrins Sohn Leo aufzupassen. Doch dann ist Leo verschwunden – und Tanja, die angeblich in einer Bar arbeitet, als "Psychotherapeutin", wie sie sagt, gibt es gar nicht, so stellt sich heraus. Mit großer Verzweiflung begeben sich Kathrin und ihr Vater auf die Suche nach Leo. Wobei Theo, ihr Mann immer wieder zu Vorwürfen neigt – vielleicht ist ja doch Kathrin, die psychisch Gezeichnete, schuld.

Ein wenig zu spitz und zu vordergründig mischt sich in die Suche, die immer mehr zur psychologischen Recherche wird, eine Kriminalkommissarin (Jule Ronstedt) ein. Hier wird ein Krimiklischee zu sehr bedient, das man von jedem "Tatort" kennt. Dennoch dringt der Film mithilfe vorzüglicher Darsteller immer mehr in Abgründigkeiten vor. Es ist eine Gynäkologengeschichte, es geht um Abtreibung und ärztliche Kunstfehler, die in Vorurteilen zu gründen scheinen, die letztlich dann aber nur Vorwand sind. Drei Menschen sind da in Not geraten: eine Mutter, ein Vater und eine Frau, deren Kind man einst zerstörte. Alles ziemlich viel für einen Fernsehfilm, der Psychodrama und Thriller in einem ist. Die Regie (Michael Schneider) hält die Spannung jedoch von Beginn an ziemlich hoch, die Dialoge wirken auch dort noch stimmig, wo sie die Grenzen des Trivialen streifen und dabei kühn in die Vollen gehen. "Die Schattenfreundin" ist ein Film, der sich trotz aller Handlungsfülle Zeit nimmt für seine Figuren, der ihnen einen langen Atem lässt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst