Erst 1971 wurde in der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt. "Die göttliche Ordnung" zeigt mit viel Humor den unnachgiebigen Kampf einer Aktivistin in einem kleinen Dorf in Appenzell.

"Frauen in der Politik, meine Damen, das ist schlichtweg gegen die göttliche Ordnung", erklärt Charlotte, die Vorsitzende des "Aktionskommitees gegen die Verpolitisierung der Frau". Der Satz, der dem Schweizer Filmdrama seinen Namen gibt, weist auf das Weltbild hin, das eidgenössischen Frauenrechtsaktivistinnen im Jahr 1971 die größten Probleme bereitet: Die Geschlechterrollen sind von Gott gewollt. Und göttlichen Willen sollte man doch nicht anzweifeln, oder? Frauen wie der Protagonistin Nora sollten die Schweizer Frauen, und übrigens auch die Männer, heute dankbar sein, dass sie diese "göttliche Ordnung" in Frage stellten. Wer von der Gnade der späten Geburt profitierte, vergisst oft, wie erbittert früher um Rechte gestritten werden musste, die heute als völlig selbstverständlich gelten.

Das tragikomische Drama erzählt ein Stück Schweizer Geschichte, das auch international für Furore gesorgt hat: den langen Weg hin zum Wahlrecht für Frauen. Denn während in Deutschland und Österreich schon 1918 das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, hatte die weibliche Bevölkerung der Schweiz noch bis ins Jahr 1971 kaum politisches Mitspracherecht. Eine Ungerechtigkeit, mit der sich Hausfrau Nora, stark gespielt von Marie Leuenberger, immer weniger anfreunden kann: Nach und nach überzeugt sie in ihrem kleinen Dorf im Appenzell immer mehr Frauen, sich gegen das gesetzlich manifestierte Patriarchat aufzulehnen – und riskiert dabei nicht nur ihr Familienglück. Mit viel Humor erzählt Petra Volpe Noras Geschichte, ohne dabei in Klischees zu verfallen.

Die damals allgemein weit verbreitete kritische Haltung zum Frauenwahlrecht potenziert sich noch einmal in der Dorfgemeinschaft, in die Nora sowie ihre späteren Mitstreiterinnen eigentlich felsenfest integriert sind. Die 68er-Bewegung, sexuelle Revolution und Hippietum erscheinen zwischen den Höfen und Bauernhäusern des kleinen Ortes wie Ideen von einem anderen Planeten. Da die Protagonistin selbst in dieser Umgebung sozialisiert wurde, vollzieht sich ihr Wandel zur Aktivistin langsam, aber stetig, gefördert durch feministische Broschüren. Abgeschlossen ist er mit ihrer optischen Veränderung, weg vom braven Hausfrauen-Look, hin zu Pony-Frisur und Jeans.

Auf einer Demo in Zürich zeigen sich Nora, Vroni (Sibylle Brunner) und Theresa (Rachel Braunschweig) von der Radikalität der Feministischen Bewegung beeindruckt, die sich weder von den herrschenden Strukturen, noch von Macho-Gehabe einschüchtern lässt. Besonders amüsant ist anschließend das Seminar zur sexuellen Befreiung, bei der sie die eigene Prüderie überwinden müssen. Dass die Hippie-Dozentin die Vagina "Eye of God" nennt, wird mit "irgendwas Blasphemisches" kommentiert.

Grundsätzlich müssen die Mitstreiterinnen des Dorfes mit ganz unterschiedlichen Situationen umgehen, die lediglich ihre Ungerechtigkeit verbindet, aber das Spektrum des Patriarchats abdecken: Während die greise Vroni verarmt ist, weil ihr Mann alleine das Geld verwaltete, wird Threresas Tochter auf Geheiß des Vaters in ein Erziehungsheim gesteckt. Die italienische Wirtshauspächterin Graziella (Marta Zoffoli) versucht hingegen, sich Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Nora selbst würde gerne wieder arbeiten und eigenes Geld verdienen, wofür sie die Erlaubnis ihres Ehemanns Hans (Maximilian Simonischek) benötigt. Wie wenig ernst dieser ihre Ambitionen zu Beginn des Films noch nimmt, zeigt seine nur halb im Spaß erwiderte Antwort auf die Aussage, dass Nora das reine Hausfrauendasein zu langweilig sei: "Ich mache dir einfach noch ein Kind. Dann ist dir nicht mehr langweilig."

Die Wandlung vom Skeptiker zum Befürworter der Frauenrechte verkörpert Maximilian Simonischek äußerst glaubwürdig. An seiner Figur wird zudem offenbar, dass eine Befreiung der Frau auch eine Befreiung des Mannes bedeutet: von überholten Männlichkeitsbildern vom Familienoberhaupt und -Ernährer, als welcher man keine Schwäche zeigt. Auch die beiden Söhne Noras müssen lernen, dass auch Buben das Geschirr selbst abwaschen können.

Schließlich führt Nora die Frauen des Dorfes in den Streik. Sollen ruhig mal die Männer die Hausarbeit erledigen! Insbesondere für Hans handelt es sich um eine komplett ungewohnte Situation. Zuvor von den Männern des Dorfes lediglich belächelt, werden einige daraufhin offen feindselig. Ein heikles Unterfangen, sind es doch letztlich die Männer, die darüber entscheiden, ob in Zukunft auch die Frauen entscheidungsberechtigt sind ...

Für die Schweizer Filmkritiker war Petra Volpes Drama "Die göttliche Ordnung" ein durchaus aussichtsreicher Kandidat, um im Wettbewerb um den "Auslands-Oscar" 2018 zu bestehen. Durchsetzen konnte sich der Film letztendlich nicht: Er schaffte es nicht auf die Nominierungsliste. Der Begeisterung der Kinozuschauer tat das keinen Abbruch: "Die göttliche Ordnung" ist einer der erfolgreichsten Schweizer Kinofilme seit Jahren.

Die göttliche Ordnung – Mi. 11.03. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH