"Wärt ihr gerne Helden?", fragt die Polizistin Sandrine (Hélène Fillières) die beiden Zehnjährigen Aurore (Mélody Gualteros) und Chris (Ernest Cereijo). Sie sollen dabei helfen, die vermissten Geschwister Paulo (Mathias Semin) und Maya (Ella Brunetto) zu finden. Was niemand weiß: Aurore hat den kleinen Paulo im Streit um seine Kekse im Affekt erwürgt und dann mit Chris die Leiche verschwinden lassen. Ein Kindsmord. Herbeigeführt durch ein anderes Kind. ARTE Frankreich präsentiert mit seiner Eigenproduktion "Ein Engel verschwindet" äußerst harte Kost zur besten Sendezeit und gewährt dem Zuschauer einen Einblick in gequälte Seelen zwischen Schuld, Vergebung und Rache.

Frankreich ist zwar nicht zwingend für seine TV-Serien bekannt, doch von "The Returned – Les Revenants" oder "Marseille" hat man vielleicht schon mal etwas gehört. Die franko-kanadische Serie "Versailles" ist aktuell sogar noch vor "Babylon Berlin" die teuerste europäische Serie aller Zeiten. Unser Nachbarland gilt eher als große Filmnation und kann dort auf eine große Tradition im Bereich der Sozialdramen zurückblicken.

Die Regisseurin Laetitia Masson greift nun beides auf. Mit ihrer dreiteiligen TV-Miniserie "Ein Engel verschwindet" behandelt sie ein gesellschaftliches Tabuthema. Der ganze Ort steht unter Schock, wenn Aurore als Täterin überführt wird. Wie konnte dies nur geschehen? Die meisten halten die Kleine für ein Monster und verschließen die Augen vor den wahren Gründen. Eine präzise Milieustudie ist Masson da gelungen, in der die Perspektivlosigkeit eines sozialen Brennpunkts hervorgehoben wird. Die Häuser sind hier genauso kaputt wie die Menschen, die in ihnen leben. Aurore wächst bei ihrer Mutter auf, die als Prostituierte arbeitet. Gewalt, Desinteresse, Drogen und Hunger prägen den Alltag. Aurore hatte nie eine Zukunft und wird nach ihrer Tat auch keine haben. Immer wieder horizontale Linien: Für die Protagonisten geht es hier nicht weiter. Es scheint so, als habe ihnen das Schicksal wortwörtlich einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ausstrahlung an einem Stück

Masson, die sich mit Dramen wie "Zu verkaufen" und "Love me" einen Namen gemacht hat, widmet sich auch hier einem tragischen Stoff, dem die Aufteilung in drei Kapitel à 55 Minuten gut tut. ARTE strahlt die Miniserie am Stück aus. Nach dem ersten Kapitel springt die Handlung in die Zukunft, und der Zuschauer verfolgt, wie es mit der in einer Jugendstrafanstalt aufgewachsenen Hauptfigur weitergeht. Die erwachsene Aurore (Elodie Bouchez) hat unter anderem Namen ein neues Leben mit ihrer Tochter Rose (Ambre Hasaj) begonnen, das jäh durch einen Zeitungsartikel zerstört wird. Dieser lüftet ihre wahre Identität und bringt die desillusionierte Maya (Lolita Chammah) auf die Spur der Frau, die einst ihren geliebten Bruder getötet hat. Ihr Ziel ist Vergeltung. "Es ist nicht leicht, gut zu sein", heißt es in der Serie – eine traurige Wahrheit.

Ein wenig Hoffnung gibt es in dieser trostlosen Welt. Der Name der Hauptfigur bedeutet übersetzt Morgenröte: ein möglicher Neubeginn? Doch vielleicht steht er auch für das Blut, das an ihren Händen klebt. Die Lichtflecken auf der Kameralinse bringen wiederum einen Hauch von Zuversicht. "Ein Engel verschwindet" ist anspruchsvoll, aber nicht verkopft. Lediglich die deplatzierte Jugendsprache, ein paar steife Dialoge und erzählerische Ungereimtheiten stören ein wenig. Das intensive Drama begeistert mit guten Darstellern und konfrontiert uns mit unserer naiven Sehnsucht nach einer simplen Gut-Böse-Aufteilung. Masson zeigt eine Welt voller Grauzonen und Widersprüche und raubt dem Betrachter dennoch nie ganz die Hoffnung.


Quelle: teleschau – der Mediendienst