In ihrem Unternehmen hat der Turbokapitalismus Einzug gehalten. Nach und nach beginnt Sachbearbeiterin Frau Böhm zu rebellieren. Senta Berger und Lavinia Wilson brillieren in dem sensiblen Fernsehdrama.

Welch ein Timing: Rund vier Jahre haben die Arbeiten an dem ehrgeizigen Projekt über den moralischen Niedergang des Turbokapitalismus gedauert. Da war eingangs noch nicht abzusehen, wie sehr sich die Malaise in der Zwischenzeit verschärfen würde. Mit "Frau Böhm sagt nein" griff der WDR 2009 beherzt in die Schublade "soziale Relevanz" – und zog im Jahr darauf den Grimme-Preis empor. Angelehnt an einen authentischen Fall bei einem deutschen Übernahmeunternehmen brilliert Senta Berger als langjährige Sekretärin der fiktiven Hawaro AG. 3sat zeigt den Film von Regisseurin Connie Walther und Autorin Dorothee Schön nun erneut.

Die Profitgier der Manager: Auf dem Höhepunkt der zurückliegenden Finanz- und Wirtschaftskrise war dies das politische Reizthema Nummer eins. Connie Walther, mit "12 heißt: Ich liebe dich" für einen der besten Fernsehfilme der letzten Jahre verantwortlich, tat jedoch gut daran, den Weg in diese seltsame Parallelwelt der Prämien und Renditerechnungen über eine Art Fremdkörper anzutreten.

Diese Frau Böhm, von Senta Berger herrlich spröde und trist verkörpert, ist ein Muster an Sorgfalt und Vertraulichkeit. Dass die langjährige Sachbearbeiterin der Hawaro AG seit Neuestem "Leadership Resources Department" bei der Entgegennahme von Telefonaten sagen muss, geht ihr aber nur stockend über die Lippen. Und dass es jetzt ein Catering ("Alles bio!") anstelle der alten Kaffeeküche gibt, das schmeckt ihr auch nicht. Aber Frau Böhm murrt nur äußerst diskret und leise.

Die Häkeldecke, die Holzvertäfelung, der alte Radioempfänger und die schweren Gardinen ihres biederen Singlehaushalts könnten kaum in größerem Kontrast zum fahlen Neonlicht des modernisierten Bürokomplexes stehen. Die Frau scheint aus der Zeit gefallen. Ihren Igel, ein hübsches Symbol für ihre soziale Abschottung, hat sie nach dem alten Chef benannt. Einem jener Vorstände, die noch Vorbilder für Anstand waren, wie sie seinem profitgierigen Nachfolger Dr. Hochfeld (Thomas Huber) einmal ins Gewissen redet. Ehe es zu diesem unverhofften Akt der leisen Empörung kommt, erklimmt der Film fast beiläufig die Stufen eines kleinen Wirtschaftsthrillers.

Hier wird der Personalvorstand erst geschmiert und dann erpresst, "inklusive Nutten und Viagra vom Betriebsrat" – VW lässt grüßen. Es gibt falsche Versprechungen, eine Übernahmeschlacht, und am Ende werden der Betrieb und tausende Arbeitsplätze schulterzuckend millionenschweren Managerprämien geopfert. Doch so platt und polemisierend, wie das klingt, ist der Film zu keinem Zeitpunkt. Auch dann nicht, als die Titelheldin endlich "Nein" sagt und sich in einem überaus bürokratischen Akt der Revolte weigert, die sittenwidrige Prämienanordnung zu unterschreiben: Sie entdeckt verschiedene Formfehler.

Was ein wütender Schuss Öl ins Feuer des Volkszorns hätte werden können, ist ein sensibel erzähltes Drama über menschliche Nöte in einem lebensfeindlichen Umfeld geworden. Mit der jungen Sekretärin Ira Engel (Lavinia Wilson) führt der Film nur scheinbar ein attraktives, oberflächliches und korrumpierbares Klischeebild ein. Doch auch in dieser großartig angelegten und gespielten Figur herrschen nichts als Ambivalenzen, haben Schwarz und Weiß keinen Platz. Das spätkapitalistische Elend flackert grau. Grau in grau.

Frau Böhm sagt nein – Fr. 06.03. – 3sat: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH