Als Kammerspiel zeigt die Romanverfilmung "In Zeiten des abnehmenden Lichts" die Widersprüche der DDR zwischen Idealvorstellung und Realität.

Die Familie schart sich um einen, man wird fürs Lebenswerk bewundert, und insgeheim glauben manche Gäste, dass es langsam mal gut ist: Wenn Opa 90 wird, ist das etwas Besonderes. Umso mehr, wenn wir uns in der DDR des Jahres 1989 befinden, Opa ein alter SED-Funktionär ist und das Land, für das er einst kämpfte, kurz vor dem Zusammenbruch steht, während die fluchtwilligen Enkel diesen Kollaps herbeisehnen. Im Zusammentreffen dreier DDR-Generationen zu Opas Geburtstag zeigt das Drama "In Zeiten des abnehmenden Lichts" das historische Dilemma auf: Von der guten humanistischen Idee, die dogmatisch umgesetzt wurde; vom kleinbürgerlichen Autoritarismus, der die Kinder entweder fraß oder vertrieb. Als kurzweiligem Kammerspiel gelingt es der prominent besetzten Bestseller-Adaption, sich jener bitteren Realität deutscher Geschichte tragikomisch zu nähern. Das ZDF strahlt den Film nun zum Feiertag erstmals im Free-TV aus.

Wilhelm (Bruno Ganz) hat sich um die Revolution, den Sozialismus, die DDR sein Leben lang verdient gemacht: Erst als Widerstandskämpfer gegen die Nazis, dann im Exil in Mexiko, dann als einer der Idealisten, die das neue Land aufbauten. Doch so, wie das Leben des respektierten SED-Funktionärs langsam zu Ende geht, zerfällt auch der Arbeiter-und-Bauern-Staat, an dem der noch immer überzeugte Stalinist verbittert festhält. Regisseur Matti Geschonneck ("Boxhagener Platz") und Drehbuchautoren-Legende Wolfgang Kohlhaase ("Als wir träumten") gelingt es hervorragend, jenen großen Widerspruch in Wilhelms Leben, der zugleich der große Widerspruch der DDR war, als Geburtstagskammerspiel umzusetzen.

So schart der Urgroßvater in der schicken Funktionärsbonzenvilla alle um sich: Seine offensichtlich nicht ganz so geliebte Frau Charlotte (Hildegard Schmahl), die aus großbürgerlichem Hause stammt und als feine Dame entgegen aller DDR-Maßgaben das Proletariat insgeheim verachtet. Seinen Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth), der in Sibirien für viele Jahre in sowjetischer Gefangenschaft war, heute aber die Zeichen der Zeit im Gegensatz zu seinem Vater nicht ignoriert. Zudem die russische Schwiegertochter, seine Parteifreunde, Volkspolizisten und die obligatorischen Pioniere, die ihm ein kleines Ständchen bringen.

Am auffälligsten aber ist jener, der fehlt: Wilhelms Enkel Sascha (Alexander Fehling) flüchtete in der Nacht zuvor in den Westen, was seine Frau Melitta (Natalia Belitski) noch zu überspielen versucht. Doch ebenso wie die DDR längst ohne Hoffnung mehr ist, zerfällt in der unterhaltsamen Tragikomödie auch die Fassade der vorbildlich sozialistischen Familie. Die drei Generationen von Wilhelm, Kurt und Sebastian trennt die Sichtweise auf einen Staat, der für sie je nach Standpunkt Idealvorstellung, pragmatische Realität oder unerträgliche Bürde ist. Diese komplexe Gemengelage aus Historie, Familie und subjektiver Erfahrung in der Beiläufigkeit einer Geburtstagsfeier zu erzählen, ist ein gewagtes Unterfangen, das der Romanadaption eindrücklich gelingt.

Bruno Ganz, der Rollen als Adolf Hitler in "Der Untergang" oder als Horst Herold in "Baader-Meinhof-Komplex" überzeugend darstellte, mimt auch in "In Zeiten des abnehmenden Lichts" eine anspruchsvolle, historische Rolle. Für den gebürtigen Schweizer war es einer seiner letzten Filme, bevor er im Februar 2019 im Alter von 77 Jahren an Darmkrebs starb.


Quelle: teleschau – der Mediendienst