Guildo Horns Nussecken, die Kelly Family oder der 750. Geburtstag des Kölner Doms: Der WDR lässt mit seiner Serie "Unser Land in den 90ern" ein ganzes Jahrzehnt aufleben.

Mariele Millowitsch sind Guildos Nussecken nicht in Erinnerung geblieben, wenn sie als eine der Sprecherinnen der WDR-Serie auf die 90er Jahre zurückblickt. Beim Treffen mit prisma spricht sie gemeinsam mit Cordula Stratmann über dieses Jahrzehnt. "Ja, sie sind legendär. Die Nussecken hatte er immer dabei. Seine Mutter hat sie gebacken. Ich durfte auch einmal eine probieren. Lecker!", erinnert sich Cordula Stratmann.

Die 90er Jahre: Kannten Sie Beide sich damals schon?

Beide: Nein.

Mariele Millowitsch: Ich lebte damals in Hamburg, bin erst 1999 nach Köln zurückgekommen, kannte Cordula nicht. Natürlich wusste ich aber, wer sie ist.

Cordula Stratmann: Also ich kannte dich aus dem Fernsehen, ich habe nämlich immer "Girl friends" geschaut.

Millowitsch: Ja, "Girl friends", da habe ich an der Seite von Walter Sittler gespielt. Mit ihm bin ich jetzt auf Lesungstournee. Wir lesen die "Alte Liebe" von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. Hätten wir damals mit "Girl friends" nicht einen so großen Erfolg gehabt, dann säße ich heute wahrscheinlich nicht hier.

Welche Erinnerung haben Sie denn generell an die 90er Jahre?

Millowitsch: (Lächelnd) Naja, 1999 bin ich leider mit einem gebrochenen Bein umgezogen. Das ist ja das Jahr, das du liest, Cordula.

Stratmann: Da werde ich dann darauf hinweisen. Das steht leider nicht in meinem Text, ich nehme das noch mit rein.

Dann müssen Sie aber etwas anderes streichen!

Stratmann: Also das werde ich dann sehen, ich finde schon etwas.

Millowitsch: Jedenfalls bin ich in der Vorbereitung auf meine Sendung, das Jahr 1998, darauf gestoßen, dass in diesem Jahr zum Beispiel Frank Sinatra gestorben ist. Und leider auch Hans-Joachim Kulenkampff. Ihn mochte ich als Menschen sehr gerne, er war auch privat öfter bei unserer Familie zu Besuch.

Die 90er Jahre brachten für Sie beide den Durchbruch Ihrer Fernsehkarriere!

Millowitsch: Ja, mit meiner Rolle der Marie Malek ging es bei mir richtig los. "Girl friends" ist ja eingeschlagen wie eine Bombe. Damit hatten wir alle nicht gerechnet.

Stratmann: Wann war das denn?

Millowitsch: Das war 1995. Und ein Jahr später haben wir schon die ersten Preise dafür bekommen.

Stratmann: Dann war 1995 für uns beide ein besonderes Jahr. Ich war damals Familientherapeutin und bin in diesem Jahr gecastet worden für eine Fernsehrolle. Ich wusste gar nicht, was ein Casting ist (lächelt). Als man mir dann mitteilte, dass man sich für mich entschieden hatte, musste ich mich entscheiden: weiter Familientherapeutin bleiben oder Komödiantin werden. So habe ich 1995 dann für "MannGold" beim damaligen Frauensender tm3 zum ersten Mal vor einer Fernsehkamera gestanden.

Um auf das Jahr 1998 zu sprechen zu kommen, das Sie sprechen, Frau Millowitsch: In diesem Jahr gab es für Ihre Rolle bei "Nikola" einen Grimme-Preis. Und, Frau Stratmann, das war das Jahr, in dem Sie mit der Figur Annemie Hülchrath bekannt wurden. Im gleichen Jahr trat Guildo Horn für Deutschland beim Grand Prix auf.

Millowitsch: Das hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Aber er hat mich damals auch nicht sehr interessiert.

Auch nicht seine Nussecken?

Stratmann: Ja, die sind legendär. Die Nussecken hatte er immer dabei. Seine Mutter hat sie gebacken. Ich durfte auch einmal eine probieren. Lecker!

1998, der Kölner Dom feierte seinen 750. Geburtstag. Erinnern Sie sich?

Millowitsch: Wenn ich so schaue, wie er da drüben steht: Irgendwie mag ich den Dom und muss dabei auch immer an die 300 Jahre Baustopp denken, wie er im Mittelalter dastand, ohne die beiden Türme. Und alle Kölner damals wohl sagten, dass es so doch auch ginge. Köln ist ja die Stadt der improvisierten Geschichten, mit improvisierten Sachen lebt der Kölner super! So etwas liebe ich.

In den 90ern hatten Sie sicherlich Ihre ersten Handys.

Millowitsch: Ja, ich hatte einen ziemlich großen Nokia-Knochen, sogar schon ohne lange Antenne.

Stratmann: Ich hatte ein Ericsson, ein kleines. Erst hatte ich lange kein Handy, weil ich dachte, ich käme ohne eins zurecht. Das ist bei mir bei neuen Dingen oft so. Ich denke immer zunächst: Och, ich hab doch alles. Und dann stellte ich irgendwann fest, ich bin ja jetzt gar nicht mehr erreichbar. Seitdem übernehme ich immer das alte Handy meines Mannes, wenn er sich ein neues kauft.

Und die Vor-Vorwahlnummern, die es damals gab: Erinnern Sie sich daran?

Millowitsch: Damals gab es doch immer eine aktuelle Liste, aus der man sich den preiswertesten Telefonanbieter auswählen konnte.

Stratmann: Oh, das weiß ich gar nicht mehr.

Millowitsch: Doch, für die Festnetztelefonie. Vor allem für die Auslandsgespräche waren diese Nummern gut.

Aber die Kelly Family, die ist Ihnen beiden doch sicher in Erinnerung geblieben?

Stratmann: Das war nicht meine Musik. Das habe ich damals freundlich an mir vorbeiziehen lassen. So ein Leben, wie sie es damals geführt haben, diese Art von Popularität fand ich immer schon ungesund .

Millowitsch: Für mich auch nicht. Und ihre Musik war auch nicht so meins. Aber irgendwie taten mir die Kellys auch leid, weil die Fans das Schloss Gymnich belagert hatten.

Stratmann: Ich habe mich als Grundschulmädchen für Cat Stevens begeistert, aber das war in den 70er Jahren. Da habe ich jede Zeitschrift gekauft, auf der er auf dem Titel war. Zum Extrem-Fan hab ich mich aber nie geeignet.

Millowitsch: Falco war eher meine Musik. Er ist ja leider 1998 gestorben bei einem Unfall in der Dominikanischen Republik. Ihn mochte ich, er war so schräg, der hatte was.

Die letzten Tage der 90er waren ja geprägt von der Angst vor dem Versagen der Rechenzentren. Das kommt in Ihrer Folge vor, Frau Stratmann.

Stratmann: Genau, diese große Aufregung um den Millenniumswechsel ohnehin, die Erwartungshaltung vor 0 Uhr, was würde passieren?

Millowitsch: Und dann die Enttäuschung, dass alles ganz normal weiterlief.

Wo haben Sie damals Silvester gefeiert?

Stratmann: Wir waren mit Freunden in New York. Es war vor allem sehr kalt.

Millowitsch: Bei mir war der Silvesterabend damals unsere Einweihungsparty nach dem Umzug zurück nach Köln.

Und damit waren die 90er dann zu Ende!

Stratmann: Schade, denn die beinahe Harmlosigkeit dieser Zeit vermisst man heute. Das wurde mir in der Vorbereitung auf die Sendung nochmals deutlich. Wir haben es heute mit psychisch höchst auffälligen Charakteren zu tun, weltweit. Teilweise sind kranke Narzissten in Regierungsverantwortung . Die 90er Jahre liegen ja noch gar nicht so lange zurück, und dass die Menschen einmal derart fahrlässig mit dem Gut der Demokratie verfahren würden, wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Stellen Sie sich einmal vor: Wir hatten Sorge, dass sich bei der Jahrtausendwende die Uhr nicht umstellt! Heute muss wirklich jeder Demokrat aufwachen und sich auf den Plan gerufen fühlen gegen lärmende Demagogen mit gefährlichem Befindlichkeitsvirus.

Millowitsch: 1998 wurde zumindest versucht, die Castor-Transporte aufzuhalten. Da wurde noch aufbegehrt. Die Positionen damals waren klarer.

Stratmann: Demokratie ist keine Einrichtung, wir alle müssen sie aktiv gestalten. Das ist heute sehr wichtig!

Bei Ihren beiden Sendungen treten Sie nicht persönlich in Erscheinung, die Zuschauer hören Sie nur.

Millowitsch: Ja, eine Sendung nur einzusprechen ist aber etwas ganz Tolles. Mir macht das eine riesige Freude, die Menschen über die Sprache und die Stimme zu erreichen. Es ist sehr aufregend am Mikrophon zu sitzen und zu sehen, wie man nur mit seiner Stimme zurechtkommt.

Stratmann: Für den Zuschauer oder Zuhörer ist es auch etwas ganz anderes, nur die Stimme eines Sprechers zu hören. Wir können über unsere Stimme den Zuschauern und Zuhörern ganz anders begegnen, als wenn sie uns zusätzlich sehen können. Ich spreche gerne Sendungen ein.  

ZU DEN PERSONEN

Mariele Millowitsch:

Liest bundesweit zurzeit gemeinsam mit Walter Sittler das Buch "Alte Liebe" von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder (u.a. in Landshut, Hückelhoven, Bamberg, Borken und an weiteren Orten).

Cordula Stratmann:

Engagiert sich ehrenamtlich für den Verein Rheinflanke, der sich insbesondere für Kinder und Jugendliche mit vermindertem Zugang zu Bildung einsetzt.