03.11.2020 Jan Böhmermann im Interview

"Ich möchte eher der nächste Markus Lanz werden"

von Lara Hunt
Jan Böhmermann
Jan Böhmermann  Fotoquelle: ZDF / Jens Koch

Jan Böhmermann moderiert das ZDF Magazin Royale. Im Interview mit prisma erklärt er, warum man Witze über Corona machen kann und warum er nicht der nächste Thomas Gottschalk sein will.

Deine Late Night Show ist ab dem 6. November im ZDF zu sehen. Wirst du jetzt Mainstream?

Ich war immer schon Mainstream, der Mainstream war aber noch nicht auf meiner Wellenlänge. Das ist so: Nicht ich gehe in den Mainstream, sondern der Mainstream kommt zu mir.

Was wird denn anders?

Die Sendung wird eine Viertelstunde kürzer. Sie läuft in Zukunft nach der Heute-Show am Freitagabend, also ein absoluter Top-Spot, und ansonsten kann ich zum Inhalt der Sendung noch gar nicht so viel verraten, nur: Es wird entweder richtig, richtig gut oder richtig, richtig schlecht, oder irgendwas dazwischen.

Wird es ähnlich wie das Neo Royale Magazin oder doch ganz anders?

Die Sendung heißt ja ZDF Magazin Royale. Eine gewisse Ähnlichkeit wird bestehen bleiben. Der Moderator ist wahrscheinlich, wenn er es bis dahin nicht versaut, derselbe, das Team, das die Sendung herstellt, ist dasselbe. Wir haben aber die Redaktion vergrößert und einen Haufen richtig guter und lustiger Journalisten und Journalistinnen mit ins Team geholt, was bedeutet, dass wir in Zukunft mehr Munition haben.

Dafür eine Viertelstunde weniger Zeit.

Naja, wenn wir eine Sendung machen, die gut und rund ist, kann es sein, dass wir da wieder ein paar Minuten drauf bekommen. Das geht ein bisschen flexibler als bisher. Die 30 Minuten sind eine Richtschnur, und Olli Welke von der Heute-Show macht ja auch manchmal länger.

Wie geht es denn weiter? Wirst du jetzt der nächste Thomas Gottschalk?

Will man denn der nächste Thomas Gottschalk sein? Der sitzt mit Günter Jauch und Barbara Schöneberger auf irgendwelchen Ikea-Teppichen im RTL-Studio und lässt sich von Oliver Pocher demütigen. Ich weiß nicht, ob das noch so erstrebenswert ist. Ich möchte eher der nächste Markus Lanz werden. Oder die nächste Helene Fischer.

Komplett mit Weihnachts-Show?

Dieses Jahr gibt es ja leider keine Helene-Fischer-Weihnachts-Show, das hat mich hart getroffen. Da habe ich mich gefragt: 2020, was willst du uns noch alles aufladen? Schrecklich. Einfach schrecklich, oder?

Das heißt, deine Weihnachtspläne sind jetzt auch gestorben?

Naja, normalerweise ist Weihnachten bei mir immer sehr traurig: Eine Nebukadnezar Flasche Rotkäppchen und ich, gemeinsam vor dem Plastik-Weihnachtsbaum, und dann mache ich Helene Fischer an… Ein wichtiger Weihnachtsfaktor ist jedenfalls weggebrochen, ja.

Schon alternative Pläne?

In der Hoffnung, dass man nicht so super coronabelastet ist, wird es wie immer ein ruhiges besinnliches Weihnachtsfest im Kreise der Menschen, die mir noch geblieben sind. Fernsehen macht ja einsam.

Behindert Corona deine Arbeit im Moment?

Ja, tatsächlich. Wir sind gerade mitten in den Vorbereitungen im Studio König in Köln-Ehrenfeld. Und alles, was wir an Setbau machen, die Planungen für eventuelle Musikgäste, ist von Corona bestimmt. Das Rundfunk-Tanzorchester wird weiterhin an Bord sein, als einziges deutsches Fernseh-Orchester, das jede Woche spielt. Alleine für die Posaune brauchen wir, glaube ich, 3,5 Meter Aerosol-Radius. Ohne Witz, das ist wirklich gerade alles nicht einfach.

Kann man Witze über Corona machen?

Auf jeden Fall! Wenn man über eine Sache Witze machen kann, dann ist das Corona. Über diese Unbeweglichkeit, über das Social Distancing... Das haben Deutsche ja sowieso in der DNA. Und endlich können sie es mal ausleben, dieses ganze aus Südeuropa hochgeschwappte Umarmen und Rumgeknutsche, was man hier so angenommen hat in den vergangenen 80 Jahren, das ist ja in Wirklichkeit nichts für uns, nicht mal der Handschlag muss sein. Stattdessen so ein distanziertes Kopfnicken – das ist doch schön, dass wir als Deutsche die innere Distanz jetzt nach außen leben können.

Du wirst doch weiter Gäste haben, oder?

Es wird weiterhin Gäste geben, allerdings nicht mehr so bunt wie bisher. Wir laden jetzt nicht mehr jeden ein, der kommen will, sondern wirklich nur Leute, die wir hier haben wollen. Und wenn die nicht kommen, dann eben nicht. Wir bekommen die Sendung auch so voll, das ist der Luxus, wenn du ein bisschen kürzer bist. Als Gäste infrage kommen die Bundeskanzlerin, Helene Fischer oder Ross Anthony und sein Mann. Oder irgendwas dazwischen. Helene Fischer würde ich wirklich mal gerne interviewen. Oder vielleicht das Interview abkürzen und stattdessen mit ihr ein Duett aus "Das Phantom der Oper" singen.

Du willst also weiterhin singen?

Es geht gar nicht anders, das gehört für mich dazu und wird weiterhin Teil der Sendung bleiben. Auch, wenn es einige nervt.

Jetzt wo du zum ZDF wechselst, versuchst du da, ein anderes Publikum anzusprechen?

Natürlich, ein ganz anderes Publikum als heute. Das ZDF-Publikum, das sind ja eher Menschen mit höherem Bildungsgrad, und mein Team und ich haben den Anspruch, dass wir diese wesentlich intelligenteren Menschen in Zukunft ansprechen. Wir waren bislang eine Sendung für alleinstehende Kiffer, die zugedröhnt nach der Wiederholung der Heute-Show drangeblieben sind. Der Plan für die Zukunft ist eine Sendung für die ganze Familie, allerdings auch weiterhin gerne zugedröhnt. Also eine Familiensendung für zugedröhnte, bekiffte Familien.

Du wirst nächstes Jahr 40. Macht dir das zu schaffen?

Ich fühle mich wie 50 seit ich 22 bin, deshalb ist das für mich nichts Besonderes. Das macht mir überhaupt nicht zu schaffen. Ich hab auch keine Midlife-Crisis, sagen die Kollegen. Und mein Motorrad-Club. Und auch meine 19-jährige Freundin findet, ich benehme mich normal (lacht).

Du hattest eine kleine Auszeit, das Magazin Royale hat lange pausiert. Wie war die Pause für dich?

Ich hab im Dezember aufgehört, war im Januar für einen Monat in Amerika, und im Februar ging‘s schon los mit Corona. Also ehrlich gesagt: Die Pause, die ich mir habe gönnen wollen, war komplett bestimmt durch das Virus. Entsprechend fühlte sich das überhaupt nicht an wie eine große Auszeit, sondern eher wie so ein Überlebenstraining. Es war jetzt nicht das Entspannendste.

Hast du dir in der Zeit Gedanken gemacht, über das, was du bisher gemacht hast? Unter anderem hast du ja auch ein Buch mit deinen Tweets veröffentlicht.

Genau, die Gedanken, die ich mir gemacht habe, habe ich direkt abgedruckt. Das Buch ist als Reflexion der letzten zehn Jahre gedacht, auch, um das mal ein bisschen abzuhaken. Es war ein bisschen so, als würde man einen Rucksack mit Ziegelsteinen in die Weser schmeißen, sich des Ballasts entledigen, den man mit sich schleppt.

Wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst, denkst du da bei einigen Sachen: Da bin ich zu weit gegangen?

Ja, ganz bestimmt. Aber ich bin dann auch ein Fan davon, einfach hinzugehen, mich bei den Leuten zu entschuldigen und das zu korrigieren. So richtig schlimm falsche Dinge hat es da aber nicht gegeben. Und meistens haben sie den Monat nicht überstanden. Die großen bekannten Sachen sind davon nicht betroffen. Wenn ein autoritärer Herrscher versucht, jemanden in seiner Meinungsfreiheit zu beschneiden, dann sollte man doch weiterhin mit aller Kraft und allem, was man hat, gegenhalten. Es gibt Dinge, von denen ich überzeugt bin, dass sie richtig waren, auch wenn ich mich dafür immer wieder erklären musste.

Nehmen wir mal deine Auseinandersetzung mit Erdogan. Hast du da zwischendurch Angst bekommen?

Sagen wir mal so: Es ist nicht angenehm, wenn so eine Sache ausgelöst wird, aber nach zwei Wochen war auch wieder alles vorbei. Auf lange Sicht, davon bin ich überzeugt, ist es die richtige Grundhaltung. Man muss verhindern, dass Grundrechte verhandelbar werden und dass die Bundespolitik in Deutschland sie als Verhandlungsmasse nimmt. Und da muss man im Zweifel auch die Konsequenzen tragen. Auf vielen Ebenen habe ich das gerne gemacht und mache das auch weiterhin, auf der juristischen Ebene bin ich ja auch immer noch nicht fertig. Die Verfassungsbeschwerde liegt immer noch in Karlsruhe beim Verfassungsgericht, und da bin ich ganz zuversichtlich, dass wir da demnächst etwas davon hören.

Was sind die Themen, die dich im Moment bewegen?

Momentan bin ich auf Telegram und schaue mir alternative Lebensmodelle an. Das finde ich schon interessant. Wenn das mit dem Fernsehen nicht mehr so läuft, da habe ich schon Bock drauf. Ansonsten werden wir ab dem 6. November versuchen, jede Woche eine neue Tür aufzutreten, um den Leuten zu zeigen, was in dem Raum dahinter liegt.

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