Jörg Pilawa über ARD-Silvestershow

"Es ist etwas passiert, mit dem ich nie gerechnet hätte"

von Julian Weinberger

Kann eine Silvestershow auch ohne Zuschauer funktionieren? Jörg Pilawa war vor der Aufzeichnung skeptisch. "Es war aber die intensivste, stimmungsvollste und berührendste Sendung", sagt er nun.

Ein großes Feuerwerk, ein geselliges Beisammensein mit Freunden und Vewandten und ausgelassenes Feiern bis in die Morgenstunden: Vieles, was an Silvester gang und gäbe ist, macht die Corona-Pandemie dieses Jahr unmöglich. Alles andere als alltäglich wird der Jahreswechsel auch für Jörg Pilawa, der in seiner ARD-Silvestershow (Donnerstag, 31. Dezember, 20.15 Uhr) 2020 verabschiedet. Trotz aller Widrigkeiten spricht der Moderator im Interview von der "intensivsten, stimmungsvollsten und berührendsten Sendung" seiner TV-Karriere. Außerdem zieht der 55-Jährige ein nachdenkliches Fazit zum vergangenen Jahr, spricht über die Rolle von Kunst und Kultur in der Gesellschaft und über seine Hoffnungen für 2021.

prisma: Tausende von Menschen, die in einer großen Halle gemeinsam tanzen und feiern: Die Bilder von der Silvestershow von vor einem Jahr wirken wie aus einer anderen Welt. Wie lief die Aufzeichnung der Show in diesem Jahr ab?

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Jörg Pilawa: Es war ein absolutes Kontrastprogramm. Ich war vorher skeptisch, weil ich nicht wusste, ob es funktioniert, wenn da die Showtür aufgeht und dort, wo normalerweise tausende Menschen sind, plötzlich ein großes schwarzes Loch ist. Es war aber die intensivste, stimmungsvollste und berührendste Sendung, die ich in 30 Jahren gemacht habe.

prisma: Weshalb?

Pilawa: Es ist etwas passiert, mit dem ich nie gerechnet hätte. Alle 28 Künstler, die da waren, haben es sich nicht nehmen lassen, viereinhalb Stunden in der Halle zu bleiben und ihren Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne Respekt zu zollen und zusammen zu feiern. Da waren wirklich Szenen dabei, die sehr emotional waren.

prisma: Zum Beispiel?

Pilawa: Mirja Boes hat nicht nur zu jedem Song mitgesungen und getanzt, sondern ist mit Tränen in den Augen vor der Bühne gestanden, als die Brings ihren Karnevalssong gesungen haben. Da ist etwas passiert, das einen ganz besonderen Zauber ausmacht und ich so noch nicht erlebt habe. Wenn wir diese Stimmung transportieren können, haben wir eine völlig neue Qualität einer Musikshow. Ich habe vor der Show auch eine Ansprache an die Künstler gehalten. Ich habe gesagt, dass wir alle ein Ausnahme-Silvester haben werden. Niemand von uns wird auf großen Partys feiern. Viele werden wegen der Pandemie notgedrungen zu Hause sein. Dieses Empfinden werden viele Künstler und auch die Zuschauer so teilen. Diese Intimität kann man entweder mit großer Traurigkeit aufnehmen und sagen "Alles ist scheiße" ... Oder sie dafür nutzen, sich gegenseitig zuzuhören. Das haben die Künstler getan. Deshalb war ich völlig beseelt, auch wenn ich körperlich nach viereinhalb Stunden am Ende war. Aber es kam so viel Energie auf, das war etwas Besonderes.

prisma: Wie haben Sie die Stimmung unter den Künstlern, einer Berufsgruppe, die von Corona extrem gebeutelt ist, wahrgenommen?

Pilawa: Das war ein Riesenthema unter den Künstlern, aber es mischte sich auch eine ganz große Freude darunter, endlich mal wieder performen zu dürfen – natürlich immer mit dem Unterton: "Es war das beschissenste und schwerste Jahr." Ich habe auf der Bühne gespürt, dass diese Form der Unterhaltung systemrelevant ist. Das ist in den letzten Monaten viel zu kurz gekommen. Sonst geht einer Gesellschaft etwas verloren, was immens wichtig ist.

prisma: Wie äußert sich bei Ihnen persönlich diese Kulturabstinenz?

Pilawa: Ich finde es ganz, ganz schrecklich, mir fehlt richtig was. Mir ist erst klar geworden, wie selbstverständlich für mich Kunst und Kultur waren. Das fängt bei klassischen Konzerten oder bei einem Oratorium in der Vorweihnachtszeit an, geht aber auch weiter bei den ganzen Festivals im Sommer. Wenn einem diese Selbstverständlichkeit, die ich über Jahre wahrgenommen habe, genommen wird, bekommt Kultur noch einmal einen ganz anderen Stellenwert.

prisma: Womit wir wieder beim Thema Systemrelevanz wären ...

Pilawa: Ich halte Kunst und Kultur für absolut systemrelevant. Es bringt Menschen zusammen, bedient Emotionen und regt zum Nachdenken an. Für mich war das letzte Jahr richtig schlimm. Mir tun aber nicht nur die Künstler auf der Bühne leid. Wie geht es mit den Menschen im Hintergrund weiter?

prisma: Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Politik?

Pilawa: Das kann nicht durch die Politik alleine geregelt werden, da muss auch die Gesellschaft reagieren. Es ist schön, dass man Künstlern Überbrückungsgelder zahlt, aber es fehlt ja ein Lebensgefühl. Die fühlen sich plötzlich total überflüssig in dieser Gesellschaft, und das hat Spätfolgen. Denn keiner weiß, wann alles wieder so hochgefahren werden kann, dass sie davon leben können. Wie viele Leute sind bis dahin insolvent gegangen? Da mache ich mir extreme Sorgen.

prisma: Was kann die Silvestershow den Zuschauern in diesen unsicheren Zeiten geben?

Pilawa: Zuversicht und das Signal von unserer Seite: "Uns gibt es noch." Ich glaube, diese Verbindung zwischen der stimmungsvollen Musik und den leisen Tönen wird dem Gefühl entsprechen, das viele Menschen dieses Jahr an Silvester auf dem Sofa erleben werden. Als Zuschauer zu sehen, dass es auch den Musikern oder mir in der Krise ähnlich geht, schafft eine Verbundenheit. Genau das brauchen wir momentan, nicht eine weitere Spaltung der Gesellschaft. Wir müssen da gemeinschaftlich durch, und ich glaube, die "Silvester Show" kann ein Teil davon sein.

prisma: Was hat sich am Konzept der Sendung als reines Gute-Laune-Format im Vergleich zu den vergangenen Jahren geändert?

Pilawa: Sobald ein Künstler auf der Bühne steht, hat es natürlich mit guter Laune zu tun, aber die Zwischentöne sind entscheidend. Ich habe mir die Freiheit genommen, etwas längere Interviews zu führen. Stefanie Heinzmann hat es schön auf den Punkt gebracht. Sie sagte: "Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich freue, endlich mal wieder auf einer Bühne zu stehen. Dafür habe ich diesen Beruf ergriffen." Es wird viel zu wenig thematisiert, was unserer Gesellschaft verloren geht, wenn wir Kultur nicht wieder stärker zu schätzen wissen.

prisma: Vor einigen Jahren haben Sie in einem Interview gesagt, Fernsehen könne eine auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhalten. Ist dieses Potenzial aktuell wichtiger denn je?

Pilawa: Wir müssen lernen, wieder miteinander ins Gespräch kommen. Das darf nicht auseinanderdriften, und da kann Fernsehen sicherlich etwas leisten. Wenn wir vor einem Jahr dieses Gespräch geführt hätten, hätte niemand das aktuelle Geschehen voraussagen können. Weil es eine noch nie dagewesene Situation ist, ist es auch erlaubt, dass man Fehler machen und unterschiedlicher Meinung sein kann. Aber was unsere Gesellschaft immer ausgezeichnet hat, ist dass wir vernünftig miteinander gesprochen haben.

prisma: Was muss sich ändern?

Pilawa: Ich würde mich über mehr offenen Dialog freuen, anstatt dass man jeden Tag nur die neuesten Infektionszahlen um die Ohren gehauen bekommt. Diese Zahlen machen nichts anderes, als Angst zu schüren, weil die Menschen damit überhaupt nicht umgehen können. Wir müssen darüber ins Gespräch kommen, was unsere Gesellschaft in Zukunft will. Es darf nicht passieren, dass jeder als Coronazweifler verschrien wird, wenn er sich einmal kritisch zu einer Idee äußert. Oder dass Menschen, die noch härtere Regelungen fordern, dargestellt werden, als ob sie die Freiheitsrechte unserer Gesellschaft infrage stellen.

prisma: Ist das die wichtigste Herausforderung, die wir aus dieser Zeit mitnehmen können?

Pilawa: Definitiv. Ich glaube, wenn wir das nicht machen, werden wir irgendwann das erleben, was wir gerade in Amerika gesehen haben. Das hat mir wirklich Angst gemacht, dass eine Gesellschaft so gespalten ist, dass ich gar nicht weiß, wie man die Differenzen überbrücken will. Das dürfen wir uns nicht erlauben.

prisma: Schaffen wir das?

Pilawa: Ich bin positiv eingestellt, weil wir zum Glück eine andere Diskussionskultur haben. Wir müssen uns aber von diesen Angstszenarien verabschieden, weil Angst dazu führt, dass Menschen in eine aggressive Stimmung verfallen. Angst ist das Schlimmste, was uns aktuell passieren kann. Jeden Tag neue Schreckensszenarien führen nicht dazu, dass wir zielführend über Probleme sprechen.

prisma: Welche Richtung wurde im bisherigen Diskurs vernachlässigt?

Pilawa: Nehmen wir mal zwei Extreme: Karl Lauterbach und Angela Merkel. Wenn Frau Merkel davon spricht, es drohe uns ein Unheil, dann schafft das zunächst einmal Angst. Dann möchte ich im nächsten Schritt aber auch hören, was sie damit genau meint. Und auf der anderen Seite steht Karl Lauterbach, der plakativ jeden Tag neue Angst schürt. Aber das holt die Leute nicht ab, sondern führt zu einer Abwehrhaltung.

prisma: Wie könnte es besser gehen?

Pilawa: In Neuseeland hat man einen knallharten Lockdown gemacht, danach war das Land infektionsfrei, und die Präsidentin ist trotz der scharfen Regeln mit absoluter Mehrheit wiedergewählt worden. Dieses Gemeinschaftliche, das dort unter anderem durch Videobotschaften der Präsidentin erreicht wurde, fehlt mir bei uns momentan.

prisma: Neben der Corona-Pandemie dominierten das Jahr weitere Krisen, etwa Anschläge oder die Vorkommnisse rund um die US-Wahl. Können Sie dennoch etwas Positives aus diesem Jahr mitnehmen?

Pilawa: Es fällt natürlich schwer. Aber sind wir ganz ehrlich: Wäre die Präsidentenwahl im Januar gewesen, hätte Donald Trump gewonnen. Durch Corona hat aber Joe Biden die Wahl für sich entschieden. Das ist schon mal etwas Positives, wenn man so will. Was ich noch positiv gesehen habe, war eine unglaubliche Solidarität – auch in meiner Branche, wo vielen Menschen praktisch ihre Existenz weggebrochen ist. Das macht mir Mut.

prisma: Welche Spuren hat die Coronakrise in Ihrem beruflichen Umfeld in der TV-Branche hinterlassen?

Pilawa: Da ist eine ganz große Verunsicherung zu spüren. Wir wussten gar nicht, wie es weitergeht. Während des ersten Lockdowns hat man ja gesehen, wie viele Menschen von zu Hause aus Sendungen oder Shows machten. Da war nicht alles gut, aber es war wenigstens ein Versuch. Die Spur, die Corona hinterlassen hat, ist, dass wir uns aus unserer Komfortzone herausbewegt haben.

prisma: Wie hat es Sie persönlich getroffen?

Pilawa: Auch ich habe erst wieder im September begonnen, zu produzieren. Die Monate davor gab es nichts zu tun. Das macht natürlich was mit dir – auch, wenn es für mich wirtschaftlich sicher nicht so schlimm ist wie für einige andere.

prisma: Wie sieht Ihr neuer Arbeitsalltag aus?

Pilawa: Wir zeichnen natürlich ohne Publikum auf. Das ist für mich als Unterhalter echt schwer, weil jegliches Feedback plötzlich wegfällt. Ich merke das auch bei den Kandidaten meiner Quizshow. Es ist ja eigentlich das Normalste der Welt, dass ich denen die Hand gebe. Jetzt muss ich viel mehr mit Worten arbeiten, um die Distanz zu überwinden.

prisma: Welche Pläne haben Sie dieses Jahr an Silvester?

Pilawa: Meine Kinder haben den Vorschlag gemacht, es einfach auf uns zukommen zu lassen – auch, weil die Rahmenbedingungen lange unklar waren. Das ist auch etwas, das man aus Corona lernen kann: Man kann nicht immer alles planen, sondern muss auch einfach mal schauen, was der Tag bringt. Und wenn wir um 22.30 Uhr ins Bett gehen ...

prisma: Werden Sie Ihre Sendung ansehen?

Pilawa: Meine Kinder meinten, sie würden ganz gerne mal reinschauen. Das fällt mir aber total schwer, weil ich mich selbst im Fernsehen nie gucke. Keine Ahnung – wir werden sehen.

prisma: Welche Erwartungen haben Sie an 2021?

Pilawa: Ich hoffe inständig, dass unsere Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet und wir zueinanderstehen. Wir bekommen die Pandemie hoffentlich so in den Griff, dass wir uns bald wieder offen und frei begegnen können und Freunde und Bekannte einfach unbeschwert in den Arm nehmen können. Außerdem hoffe ich, dass der Mund-Nase-Schutz nicht zum Maulkorb verkommt, sondern dass wir wieder viel Spaß miteinander haben können.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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