Krimi in der ARD

"Tatort: Unter Wölfen" – Ein ziemlich böses Weihnachtsmärchen

von Eric Leimann

"Tatort" am Samstag? Ja klar, ist ja schließlich Weihnachten. Als Sheriff eines korrodierenden Systems räumt Lena Odenthal unter Gangstern auf, die mittlerweile vom Staat selbst engagiert werden. 

ARD
Tatort: Unter Wölfen
Kriminalfilm • 26.12.2020 • 20:15 Uhr

Die wahre Geschichte dieses Krimis, so unglaublich wie ein Weihnachtsfilm, trug sich lange vor der Ausstrahlung dieses Lena Odenthal-Falles zu. Der Film "Unter Wölfen" nimmt eine halbseidene Security-Szene unter die Lupe. Während der Dreharbeiten prahlte einer der Komparsen in einem Interview aus seinem Leben. Dazu muss man wissen, dass dieser "Tatort" ziemlich viele kraftmeiernde Szene-Typen als Statisten benötigt. Über den Medienbericht wurde der Mann als verurteilter, aber flüchtiger Verbrecher entlarvt, der in Italien wegen bewaffnetem Überfall sowie einer Entführung gesucht wurde. Zwölf Jahre nach seinen Taten hat man den Mann, der sich in der deutschen "Wahlheimat" wohl zu sicher fühlte, nun über den "Tatort" identifiziert. Dieser "Funfact" steht fast schon exemplarisch für das Thema des vom Altmeister Tom Bohn geschriebenen und inszenierten Weihnachtsfall: In "Unter Wölfen" sind die Schläger, Erpresser und Dealer nämlich längst in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen. Und fühlen sich – trotz pro forma-Mindestlohn – so dick im Geschäft, dass sogar Politik und Justiz vor ihnen zu kapitulieren scheinen.

Die Story des Krimis beginnt mit einem Goldketten-Macker, den man nächtens an einer roten Verkehrsampel aus seinem Luxusflitzer zerrt und unsanft in einen Transporter verfrachtet. Am nächsten Morgen ist das Auto unauffindbar, der Besitzer liegt tot auf einer Müllkippe. Die Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) identifizieren ihn als Clubbetreiber Timur Kerala. Der Mann stand nicht nur einem angesagten Szene-Laden vor, sondern war auch gerade dabei, das Security-Geschäft der Stadt mit neuen "Angeboten" zu beleben.

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Als natürlichen Gegner des Toten identifizieren die Ermittlerinnen Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein), der das lokale Business mit Türstehern und Sicherheitspersonal bislang beherrschte. Kampfhund-Fan Arentzen fühlt sich sicher, weil er über beste Kontakte in die Landespolitik verfügt. Tatsächlich arbeiten seine Männer auch fürs Innenministerium – die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand lassen keine andere Wahl. Es gibt zu wenig Polizisten, als dass diese auch noch Veranstaltungen wie eine im Drehbuch stehende Pressekonferenz des Innenministers schützen könnten.

Das Mordopfer hinterlässt eine von ihm getrennt lebende Frau und eine Tochter. Daphne Kerala (Annika Blendl) und die etwa zehnjährige Tania (Lucy Loona) hatten zwar nie besonders viel vom Ex-Mann und Vater, dafür bekommen sie nun – nach seinem Ableben – reichlich Ärger. Die Hinterbliebenen sollen über Interna der Szene Bescheid wissen, Mutter und Tochter werden von Unbekannten eingeschüchtert. Es kommt zu einem Gewaltakt, der zur Folge hat, dass Einzelgängerin Lena Odenthal vorübergehend zur kochenden und einem Kind die Freizeit gestaltenden Parttime-Mama wird.

Die neue Seite der Lena Odenthal ist der wohl weihnachtlichste Aspekt des erzählerisch und ästhetisch konventionellen, aber durchaus spannenden "Tatorts" vom 26. Dezember. Autorenfilmer Tom Bohn – seine letzten beiden Ludwigshafen-Fälle waren "Maleficius" und "Vom Himmel hoch" – liebt es, für sein lang bespieltes "Tatort"-Revier gesellschaftspolitisch interessante Themen auszugraben und sie in ein klassisches Krimi-Muster zu pressen. Während "Maleficius" (2019) über Transhumanismus und Maschinenmenschen mit den Mitteln des B-Movies philosophierte, war "Vom Himmel hoch" eine Studie über räumlich entkoppeltes Töten und Terrorismus mithilfe der Drohnen-Technik. Für "Unter Wölfen" hat Bohn nun eine neue gefährliche Lücke im System entdeckt: Jene Menschen, die wir engagieren, um uns und die Gesellschaft zu schützen, sind Kriminelle, die das System breit grinsend melken.

Ihr Anführer, wunderbar kalt und herzlos gespielt von Thure Riefenstein, strahlt die Sicherheit eines Mannes aus, dem keiner ans Bein pinkeln kann. Sein Geschäft, das auf Brutalität und Einschüchterung beruht, kennt offenbar keine natürlichen Feinde – solange, bis Lena Odenthal auf den Plan tritt. Die altgediente Gerechtigkeits-Queen der deutschen "Tatort"-Szene scheint in diesem Fall die archaische Rolle eines Western-Sheriffs anzunehmen, der gegen eine Übermacht miteinander verschworener Bösewichte und ängstlicher Aufgeber kämpft. Ulrike Folkerts füllt diese Rolle mit Bravour aus – und der anfangs so wenig weihnachtliche "Tatort" schwingt sich im Verlauf der 90 Minuten nicht nur zu einigen unerwarteten Überraschungen, sondern auch zu humorigen Zwischentönen und – am Ende – einer frohen Botschaft aus. Ein bisschen Gnade und Heilung muss auch im "Tatort" sein – wenn er an Weihnachten läuft.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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