Schauspieler im Interview

Beethoven-Darsteller Anselm Bresgott: "Ludwig war definitiv ein Rockstar"

von Christopher Schmitt

Anselm Bresgott ist am Ersten Weihnachtsfeiertag in der Rolle des Ludwig van Beethoven zu sehen. Im Interview spricht er über das Rockstartum des Komponisten, die politische Kraft der Musik und schmerzlich fehlende Konzerterlebnisse.

Als junger Mann gleich zwei Leidenschaften zum Beruf zu machen, ist ein großes Glück, dass nicht vielen vergönnt ist. Anselm Bresgott hat diesbezüglich keine schlechten Karten: Als gefragter Jungschauspieler drehte der Berliner 2020 an der Seite von Wotan Wilke Möhring einen NDR-"Tatort" und mit Aglaia Szyszkowitz und Axel Prahl eine ZDF-Komödie. Der passionierte Singer-Songwriter und Musikfan veröffentlichte zudem bereits mehrere Singles, der "Fridays for Future"-Song "But We Stand Up" schaffte es bereits auf über 180.000 Aufrufe bei Spotify. Am Ersten Weihnachtsfeiertag ist der 21-Jährige passenderweise in einer äußerst prominenten musikalischen Rolle zu sehen: In "Louis van Beethoven" (Freitag, 25. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) verkörpert er den vielleicht größten deutschen Komponisten in seinen Jugendjahren. Dabei wird Beethoven im Drama von Regisseur Niki Stein als Freigeist gezeichnet, der sich gegen die festgefahrenen Strukturen seiner Zeit wehrt. Im Gespräch zieht Anselm Bresgott Parallelen in die heutige Zeit, schwärmt von der Kraft der Musik und berichtet über seine Vorliebe für Dialekte.

prisma: Herr Bresgott, Beethoven brach Konventionen in Musik und Gesellschaft. War er ein Rockstar?

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Anselm Bresgott: Volle Kanne! Ludwig war definitiv ein Rockstar der damaligen Zeit. Er war der Meinung: "Wenn die Gesellschaft meiner Zeit nicht versteht, was ich meine, dann ist mir das egal." Im Jahr 1800 hat er schon Jazz gespielt. Damit bewies er Mut zu dem, was noch kommen kann, und das ist definitiv revolutionär.

prisma: Bis heute wird Musik genutzt, um Unmut zum Ausdruck zu bringen.

Bresgott: Musik hat seit Jahrhunderten unglaublich viel politische Kraft und ist nicht zuletzt deshalb notwendig. Rational ist sie nicht zu begreifen und erreicht dennoch jeden Menschen. Wenn man auf ein Konzert geht und eine politische Frage stellt, hört man 1.000 verschiedene Meinungen. Aber dennoch sind alle gemeinsam da, weil die Musik sie verbindet. Musik fördert Menschen und fordert sie. Und sie fordert Werte heraus. Es ist eine unglaublich schöne Form, weil sie nicht nur durch Sprache, sondern durch Schallwellen und Frequenzen in den Leuten viel auslösen kann.

prisma: Sie selbst haben einen Song für "Fridays for Future" gemacht. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage der Bewegung?

Bresgott: Die "Fridays for Future"-Bewegung wird durch die Corona-Pandemie weniger ausgebremst als herausgefordert. Besonders in dieser Zeit ist der Kampf gegen den Klimawandel eine riesige Herausforderung. Es ist schön und gut, sich jetzt dem Pandemie-Problem zu stellen. Aber wenn die längerfristigen Themen aus den Augen verloren werden, bringt das auch nichts. Ich habe allerdings das Gefühl, dass wir alle, die dabei sind, versuchen, Alternativen zu finden für Demonstrationen und Aktivismus. Wir bleiben auch jetzt Teil der Debatte.

prisma: Wie sehr schmerzt Sie als Musiker die Corona-bedingte Stille?

Bresgott: Die Situation ist natürlich sehr, sehr böse. Ich spiele noch nicht so viel live, aber es ist schade, dass man die Kraft der Musik nicht gemeinsam auf einem Konzert spüren kann. Ich weiß noch, als ich bei "Fridays for Future" auf der Demo stand. Es ist ein irres Gefühl, wenn 4.000 Menschen "Aber wir stehen auf" singen. Ich habe das Glück, dass mich das Schauspiel finanziell absichert, aber der gesamten Musik-Branche wird einfach der Strom abgestellt. Das ist schon katastrophal. Unsere Branche muss noch lauter sein, und den Menschen muss bewusst werden, dass sie tagtäglich Kultur konsumieren. Ausgerechnet im viel zitierten "Land der Dichter und Denker" wird Kultur nicht wertgeschätzt.

prisma: Apropos "Dichter und Denker": Hand aufs Herz, wie gut waren sie mit Beethovens Werken vor der Recherche vertraut?

Bresgott: Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem viel klassische Musik gehört wurde, und weiß die Klassik sehr zu schätzen. Aber mit Beethoven an sich kannte ich mich nicht so doll aus. Natürlich kannte ich wie die meisten ein paar Stücke, beispielsweise die neunte Sinfonie. Aber ich war schon immer ein riesiger Fan der Mondscheinsonate, da ich bisher noch nie jemanden gehört habe, der sie richtig gespielt hat. Im Film wird sie immer etwas anders interpretiert, da steckt ein bisschen mehr Energie dahinter – und das ist auch mal spannend zu hören.

prisma: Welche Musik läuft bei Ihnen zu Hause?

Bresgott: Das beschränkt sich nicht auf die Art Musik, die ich selbst mache, sondern ist deutlich diverser. Das Schöne ist doch: Die Musik hat eine Urkraft, sie ist nicht transparent und nicht rational. Dadurch hat jedes Genre seine Vorzüge. Unter anderem höre ich gerne HipHop und Rap und auch verschiedene Arten von Techno. Ich bin in Berlin aufgewachsen, und das ist definitiv Teil der dortigen Kultur. Aber auch Klassik und Moderne Klassik gehört dazu. Jede Musik hat ihre Berechtigung, und ich finde es wichtig, jedem Genre Platz zu geben und reinzuhören.

prisma: Wie ausgeprägt waren Ihre Vorkenntnisse am Piano?

Bresgott: Ich habe acht Jahre Klavierunterricht gehabt und spiele auch sehr gerne Klavier. Allerdings war ich in dem Jahr, in dem wir gedreht haben, zeitlich so eingebunden, dass ich es nicht geschafft habe, die Stücke zu lernen. Das haben wir größtenteils gedoubelt. Dennoch habe ich vorher noch mal Unterricht genommen, allein, um ein tieferes Gefühl für den Klang und das Instrument zu entwickeln. Bei uns zu Hause war immer Pflicht: Jeder muss ein Instrument lernen, und mit sieben Jahren habe ich das Klavier gewählt. Mitsamt den Geschwistern war das ein halbes Orchester.

prisma: Beethovens Werke gelten als Kulturgut. Wie nähert man sich als junger Schauspieler einer solch ambitionierten Rolle?

Bresgott: Die erste Hürde war natürlich: Es ist Ludwig van Beethoven. Ich war also erst ein bisschen überfordert. Deshalb haben wir ihn nicht mehr Beethoven genannt, sondern einfach Ludwig. Er hat andere Gaben als andere, aber im Film ist er trotzdem erst mal ein junger Mann. Klar habe ich auch Biographien gelesen, aber in erster Linie habe ich mich über die Musik angenähert und versucht, herauszufinden: Was sind die tiefsten Wünsche eines jungen Menschen dieser Zeit? Und die sind tatsächlich vergleichbar mit jedem Jugendlichen heute.

prisma: Wo liegen denn die Parallelen?

Bresgott: Alleine der Wunsch, verstanden zu werden, ist eine Parallele. Ludwig hat den Leuten vermittelt: "Du musst nicht hören können, um die neunte Sinfonie zu schreiben. Gib deiner Zeit selbst das, was du suchst." Trotz seines harten Schicksals, machte er aus den Umständen etwas ganz Großes. Ich glaube, von dieser Transformation kann unsere Generation auch etwas lernen. Beethoven zeigt, dass man die Herausforderungen mit Mut anpacken muss. Umstände wie die Corona-Pandemie können einschüchtern, aber man kann daraus lernen und Neues schaffen.

prisma: Hat Ihnen als Berliner Beethovens rheinischer Dialekt Schwierigkeiten bereitet?

Bresgott: Das ist eine lustige Geschichte: Ich hatte im Mai 2019 das Casting. Da hat mich Regisseur Niki Stein, der selbst aus Bonn kommt, gefragt: "Sag mal, kannst du Rheinisch?" Ich meinte nur, ich hätte das schon mal gehört. Außerdem mag ich Dialekte und kann sie mir schnell aneignen, schließlich kommt mein Vater aus dem Norden und meine Mutter aus Sachsen. Dann war aber nie wieder die Rede davon – bis zum ersten Drehtag. Da kam Stein erneut auf mich zu und meinte: "Anselm, lass uns den Film doch auf Rheinisch machen." Das war eine ganz spontane Entscheidung.

prisma: Glauben Sie, viele musikalische Genies werden heute gar nicht entdeckt?

Bresgott: Es passiert manchmal schon, dass sich herausragendes Talent durchsetzt. Aber ich glaube auch, dass insbesondere in sozial schwächeren Milieus viel zu wenig gefördert wird. Um wirklich allen die gleichen Chancen zu bieten, muss noch einiges passieren. Wenn man sich beispielsweise das Schulsystem anguckt, erkennt man, dass viel zu monoton auf Talent geschaut wird. Stattdessen sollte man Talent den nötigen Raum zur Entfaltung geben. Trotz Stipendien und anderer Förderung besteht auf jeden Fall noch Luft nach oben.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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