Julia Jentsch spielt in der hervorragenden ARD-Miniserie "Das Verschwinden" eine Mutter, die nach ihrer abhanden gekommenen Tochter sucht. Im Interview spricht sie über Probleme heutiger Eltern-Kind-Beziehungen.

Wenn irgendwann Preise für das Fernsehjahr 2017 vergeben werden, sollte Julia Jentsch dabei ziemlich abräumen. Was die 39-Jährige in der sechsstündige ARD-Miniserie "Das Verschwinden" ab Sonntag, 22. Oktober 2017, 21.45 Uhr, im Ersten) zeigt, ist Schauspiel vom anderen Stern. Fast schon schmerzhaft authentisch sucht sie als alleinstehende Mutter zweier Töchter in der niederbayerischen Provinz nach der Älteren, die wie vom Erdboden verschluckt scheint. Der Polizei-Apparat ermittelt nur zurückhaltend. "Das Verschwinden" von Hans-Christian Schmid ("Requiem", "Was bleibt") bietet sehr viel mehr als normale Krimikost. In viermal 90 TV-Minuten zaubert der preisgekrönte Filmemacher ein Mikro-Gesellschaftsdrama, das so subtil beobachtet und erzählt, wie man es im deutschen Fernsehen nur ganz selten zu sehen bekommt.

prisma: "Das Verschwinden" ist auch eine Serie über die Sprachlosigkeit zwischen Eltern und halbwüchsigen Kindern. Fällt es den Generationen heute schwerer, miteinander ins Gespräch zu kommen?

Julia Jentsch: Es ist auf jeden Fall so, dass die Generationen heute immer mehr verschwimmen. Immer öfter gibt es Eltern, die sich so kleiden wie die Kinder. Oder sie wirken von ihrem Stil her sogar jünger als ihre Kinder. Auch die Interessen vermischen sich. Väter fahren neben ihrem Kind auf dem Skateboard her und ähnliches. Trotzdem hebt dieses Gleicher-werden die Konflikte zwischen Eltern und Kindern nicht auf. Die sind nämlich ziemlich zeitlos.

prisma: An was dachten Sie?

Julia Jentsch: Es ist ja so, dass die Eltern immer das Beste für ihr Kind wollen. In "Das Verschwinden" ist das auch so. Manchmal verlieren die Eltern dabei sich selbst. Oder sie verlieren eine Aufrichtigkeit, die für sie und ihre Kinder wichtig gewesen wäre. Manche Eltern denken, Lügen und Geheimnisse würden niemals aufgedeckt werden oder zu Problemen führen. Dieses Phänomen gab es schon immer. Und es war schon immer ein fataler Irrtum!

prisma: Liegt ein Problem heutiger Eltern-Kind-Beziehung darin, dass Eltern eher Partner und Freund ihrer Kinder sein wollen?

Julia Jentsch: Es ist zumindest eine Spur. Partner für das Kind sein zu wollen, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Eltern und Kinder – das ist eine ganz besondere, archaische Beziehung. Ein Kind kann viele Partner und Kumpels in seinem Leben haben, aber es hat meistens nur eine Mutter und einen Vater. Das ist eine besondere Beziehung, und so sollte man sie auch leben. Ich will ja auch, dass meine Mutter meine Mutter ist und ich ein besonderes Verhältnis zu ihr habe. Klar, ich genieße es auch, dass ich mich mit ihr so gut verstehe und wir deshalb gerne gemeinsam Dinge tun. Trotzdem würde ich nie denken, dass meine Mutter meine Freundin ist.

prisma: In "Das Verschwinden" wird von den Eltern viel gelogen und verheimlicht. Warum wirkt sich das so fatal auf die Kinder aus?

Julia Jentsch: Eigentlich ist es eine ganz klare Sache. Fehlende Aufrichtigkeit sich selbst und den anderen gegenüber wirkt wie ein schleichendes Gift. Wir wollen, dass unsere Kinder gestärkt durch die Welt gehen. Mit Vertrauen in sich und in anderen Menschen. Wenn Kinder aber zu Hause schon das erste Mal erleben, dass Vertrauen ganz grundsätzlich gebrochen wurde, dass die Menschen, die man für die nächsten und liebsten hält, einem wichtige Dinge vorenthalten, dann ist das ein Fehler, der fast nicht mehr gut zu machen ist.

prisma: "Das Verschwinden" ist also ein Plädoyer für mehr Aufrichtigkeit in der Familie?

Julia Jentsch: Ja, man kann das so sagen. Im Prinzip zieht sich dieses Thema wie ein roter Faden durch die sechs Stunden dieser Serie. Dass es so stark ist, ist mir aber auch erst jetzt erst klar geworden, nach Ende der Arbeit. Das Lügengeflecht ist wie ein Krimi im Krimi. Es gibt die vordergründige Handlung: Wohin ist dieses Mädchen verschwunden? Und dann gibt es einen zweiten Krimi, der sich in den Seelen der beteiligten Familien entspinnt.

prisma: Sie spielen eine alleinstehende Mutter zweier Töchter. Die Kinder sind von unterschiedlichen Vätern, beide Beziehungen existieren nicht mehr. Ist es leichter oder schwerer, eine so normale Figur zu spielen – wenn man sie mit eher strahlenden Filmhelden vergleicht?

Julia Jentsch: Heldenhaft oder strahlend sind keine Kategorien, in denen ich denke oder spiele. Natürlich erzählt die Geschichte sehr viel Schlimmes. Trotzdem bin ich davon ausgegangen, dass meine Figur erst mal ein normales Leben hat. Es gibt viele Frauen in ähnlichen Konstellationen, die nicht unglücklich mit ihrem Leben sind. Damit, dass sie alleinerziehend sind. Dass sie vielleicht Kinder von unterschiedlichen Väter haben. Ich habe mir sie so vorgestellt, dass sie auch mit ihrem Beruf – der Altenpflege – nicht hadert. Natürlich hat sich Michelle, meine Rolle, wie viele ihr Leben anders vorgestellt. Trotzdem glaube ich, dass sie sich gut mit dem Leben arrangiert und mit ihren Töchtern auch eine bestimmte Form von Glück gefunden hat.

prisma: Sie spielen diese Mutter über sechs Filmstunden mit hoher Intensität. Kommt einem die Rolle aufgrund der langen Strecke intensiver vor, als wenn man etwas Kürzeres dreht?

Julia Jentsch: Es war für mich ein sehr positives Erlebnis, diese Serie zu drehen. Ich hatte vorher großen Respekt vor der Länge. Ich stellte mir auch die Frage, wie spannend ich es selbst finden würde, mich so lange mit einer Figur zu beschäftigen. Doch es hat tatsächlich eine eigene Qualität. Die lange Strecke, die man mit der Figur verbringt, spürt man auch im eigenen Leben. Der Abschied von Michelle, aber auch von den anderen Figuren der Serie, fiel mir am Ende der Dreharbeiten noch schwerer als sonst (lacht).

prisma: Lag das nur daran, dass Sie sich an die Figur gewöhnt hatten oder spielt man sie auch anders über die lange Strecke?

Julia Jentsch: Beides. Wenn ein Film sechs Stunden lang ist, zeigt er seine Figuren öfter in normalen Lebenssituationen. In 90 Minuten ist wenig Platz für Alltag. Da passieren dann eben besondere Dinge, die die Handlung vorantreiben. Bei "Das Verschwinden" hatte ich natürlich die Möglichkeit, ganz viel Beiläufiges zu spielen. Unser echtes Leben besteht ja hauptsächlich aus Beiläufigem. Das lange Format hat eine eigene Wirkung, beim Spielen wie beim Zusehen.

prisma: "Das Verschwinden" spielt in der niederbayerischen Provinz. Die Serie erzählt viel über das Lebensgefühl solcher Provinzorte. Gibt es Ihre Kleinstadt Forstenau tatsächlich?

Julia Jentsch: Nein, sie wurde zusammengesetzt aus mehreren Orten in jener Region. Es waren kleine Gemeinden, vor allem im Großraum Regensburg, die nahe der deutsch-tschechischen Grenze liegen. Wir drehten unter anderen in Charm, Deggendorf, Furth im Wald, Regen und Zwiesel.

prisma: Ist "Das Verschwinden" eine typische Provinzgeschichte, die sich so nur dort zutragen kann?

Julia Jentsch: Landschaftlich und atmosphärisch ist die Serie natürlich deutlich vom Drehort geprägt. Auch die Tatsache, dass man benachbart lebende Familien vielleicht besser kennt als in der Stadt, mag für die Provinz typisch sein. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Menschen überall gleiche Wünsche, Bedürfnisse und Ängste haben. Ob nun in der glitzernden Metropole oder einer lakonisch ländlichen Gegend wie in "Das Verschwinden".

prisma: Hans-Christian Schmidt sagt, dass die Provinz in der Jugend eventuell wie ein Gefühlsverstärker wirkt ...

Julia Jentsch: Dass sich die Langeweile dort noch langweiliger anfühlt (lacht)? Vielleicht gibt es auf dem Land weniger Möglichkeiten, von der eigenen Gefühlslage abzulenken. So ist jedenfalls die gängige Meinung, auch in der Kunst. Ich bezweifle ein bisschen, dass es heute noch so ist. Letztendlich kann ich es aber nicht vergleichen, denn ich bin mitten in Berlin aufgewachsen. Insgesamt glaube ich aber, dass in Sachen Provinz viel zu viele Klischees transportiert werden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst