Wenn der neue Usedom-Krimi "Nebelwand" in der ARD ausgestrahlt wird, dürfen die Zuschauer eine Kriminalgeschichte erwarten. Stattdessen aber gibt's eine Teenager-Romanze – Rummachen unter der Bettdecke inklusive.

"Erlebnisorientierte Erziehungs- und Freizeitarbeit": klingt dröge, ist aber spannend. Zumindest im "Usedom-Krimi". Hier dürfen Jugendliche mit Problem-Hintergrund gemeinsam an einem alten Schiff werkeln und anschließend damit in See stechen. Theoretisch. Denn das Schiff brennt ab, eine Obdachlose wird dabei schwer verletzt. Ein neuer Fall also für Kommissarin Julia Thiel (Lisa Maria Potthoff), ohne Leiche zwar, dafür mit viel Raum für Zwischenmenschliches. "Nebelwand" heißt der vierte Film der Reihe bedeutungsschwanger, statt Nebel aber hängt bald vor allem viel heiße Luft über Usedom.

Denn man kennt das von der 2014 gestarteten Reihe: Spannung scheint weniger im Fokus der Macher des "Usedom-Krimis" zu stehen. Zwar gibt es, nachdem zunächst die junge Simone (Lena Urzendowsky) als Täterin festzustehen scheint, die obligate Wende am Ende des Films. Bis dahin aber watet der Krimi von Regisseur Andreas Herzog in ziemlich seichten Gewässern. Es menschelt sehr, spätestens, als einmal mehr Thiels Mutter Karin (Katrin Sass) ziemlich ungelenk vom Drehbuch (Scarlett Kleint, Michael Vershinin und Alfred Roesler-Kleint) in den Fall hineingeschrieben wird. Als Krücke muss die Vergangenheit herhalten, diesmal ein alter Fall (na klar), an den sich Mutter Karin erinnert.

Verstohlene Blicke

Das abgefackelte Boot nämlich war einst havariert vor der Küste Usedoms, die Eltern von Jäckie (Oskar Bökelmann) kamen damals ums Leben. Heute ist der Waisenjunge im Teeniealter und bei besagter "erlebnisorientierter Erziehungs- und Freizeitarbeit" eingebunden. Da er sich außerdem in Thiels Tochter Sophie (Emma Bading) verguckt hat, wird "Nebelwand" ziemlich schnell zur Teenager-Romanze, verstohlene Blicke und heimliches Rummachen unter der Bettdecke inklusive. Ob die ARD so die längst ins Internet abgewanderte Jugend zurückgewinnen will?

Katrin Sass kommt bei alldem zunächst lediglich die undankbare Rolle der Stichwortgeberin zu. Nur am Ende darf sie dann, so als wäre ihre Existenz dem Drehbuch-Trio noch kurz vor Schluss wieder in den Sinn gekommen, noch eine wilde Verfolgungsjagd mit Jäckie hinlegen.

Sozialkritisch wird's dann auch noch für einen Moment, auch das zuletzt ein Markenzeichen des "Usedom-Krimis". Doch wie im letzten Film, als man vorgab, die polnische Abtreibungsproblematik auf der zweigeteilten Insel thematisieren zu wollen, wird auch hier das eigentlich ernste Thema der Jugendfürsorge beinahe pflichtschuldig angeschnitten. Ach ja, Thiels Mann Stefan (Peter Schneider) hat ebenfalls einen großen Auftritt, er bekommt eine neue Brille verpasst. Viel los auf Usedom, mal wieder.


Quelle: teleschau – der Mediendienst