Bei Markus Lanz

Alexander Kekulé glaubt nicht an Inzidenzwert von 35

Wie tief lässt sich der Inzidenzwert in Deutschland mit den aktuellen Maßnahmen noch drücken? Virologe Alexander Kekulé glaubt, dass ein Wert von 35 nur möglich sei "unter Opfern, die die Gesellschaft nicht mehr mitmacht". Außerdem erklärte der Mediziner bei "Markus Lanz" die Bedeutung von Schelltests.

Kommunikation ist seit Beginn der Corona-Krise entscheidend, wenn es darum geht, Verständnis für ergriffene Maßnahmen zu schaffen. Entsprechend sorgen Anpassungen wie die Senkung des angestrebten bundesweiten Inzidenzwerts von 50 auf 35 häufig für Unmut in der Bevölkerung. Am Dienstagabend stellte Markus Lanz in seiner ZDF-Sendung angesichts einer bei einem Wert von etwa 60 stagnierenden Inzidenz die Frage, ob niedrigere Zahlen überhaupt realistisch seien. Virologe Alexander Kekulé zeigte sich mehr als skeptisch. Dieses Ziel sei hierzulande nur erreichbar "unter Opfern, die die Gesellschaft nicht mehr mitmacht".

Vier Monate "Lockdown light" und – für deutsche Verhältnisse – harter Lockdown haben Spuren hinterlassen. Die landesweite Inzidenz "jetzt runterzuquetschen auf die 35 hätte zu viel Kollateralschaden – sozialen, psychologischen Kollateralschaden", so Kekulé. "Wir haben geblutet sozusagen, um an diesen Punkt zu kommen", erklärte der Mediziner. Dabei spiele es kaum eine Rolle, ob der Inzidenzwert nun bei 50 oder 60 liege. Dies sei "bei einer Sache, die ohnehin nur mit dem großen Raster erhoben wird, nicht relevant".

Der Virologe führte aus, dass Lockdown-Maßnahmen im Prinzip ab dem Moment ihrer Einführung wirksam seien – teils sogar zuvor, wenn sich die Menschen anpassen -, aber die Effekte erst später sichtbar würden. Mit den aktuellen Lockdown-Bedingungen in Deutschland würde man die Inzidenz demnach nicht weiter drücken können. "Es hat keinen Sinn zu sagen, wir hungern jetzt weiter bis zum Sommer oder ähnliches oder bis alle durchgeimpft sind", stellte der 62-Jährige klar. "Jetzt müssten wir entweder nachschärfen, wenn wir unbedingt auf die 35 wollen, oder, was ich vorschlage, viel selektiver vorgehen."

Selektiver Vorgehen – das bedeutet in diesem Fall den Einsatz von Schnelltests, die nun wohl doch nicht wie zunächst von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt am 1. März kommen. Nach Ansicht des Virologen sind die Tests aber eine große Hilfe bei körpernahen Dienstleistungen oder um die Schulen offenzuhalten. Die Schnelltests standen lange aufgrund ihrer nicht optimalen Sensitivität und der Befürchtung, man könne nicht alle Corona-Positiven identifizieren, in der Kritik.

Doch Kekulé erklärte, warum dieses vermeintliche Problem auch Vorteile habe: "Das ist eigentlich gut, dass die nicht alles erkennen, für die epidemiologische Situation." Schließlich wolle man ja nicht jeden aufspüren, "der irgendwie noch drei Viren in der Nase hat". Stattdessen sei etwa entscheidend, ob ein Schulkind ansteckend sei und aus dem Unterricht genommen werden müsse.

Schließlich wollte Gastgeber Markus Lanz noch wissen, ob Kekulé die aktuellen Schulöffnungen in zehn Bundesländern befürworte. "Ich würde nicht in zehn Bundesländern die Schulen öffnen, und schauen was passiert", entgegnete der Mediziner. Er hätte es bevorzugt, zuvor Tests unter "streng wissenschaftlicher Kontrolle" in zwei oder mehreren Schulen in Gebieten mit hohen und niedrigen Inzidenzen durchzuführen. Doch wie der Virologe selbst einräumen musste, wäre dies eine sehr akademische Herangehensweise gewesen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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