Als Teenager erbt Ottilie von Faber-Castell die Bleistiftfabrik ihrer Familie. Die Emanzipationsgeschichte endet im bitteren Niedergang. Der ARD-Film schafft es, im Laufe seiner drei Stunden zunehmend zu überraschen.

Wer 1893 als 16-jähriges Mädchen ein Firmenimperium erbte, hatte es nicht leicht – das kann man sich vorstellen. Auch wenn das Szenario wie für einen Groschenroman mit Blick auf eine ältere, weibliche Zielgruppe ausgedacht klingt: Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell ist wahr. Weil ihr Vater, das einzige Kind ihres Großvaters (Martin Wuttke) überraschend stirbt, bestimmt der 76-jährige Bleistiftfabrikant Lothar von Faber seine Enkelin Ottilie (Kristin Suckow) zur Erbin. Der Teenager wird aus einem Mädchenpensionat herausgeholt und in der Fabrik sowie den Büros des fränkischen Unternehmens für seine späteren Aufgaben als "CEO" des internationalen Konzerns geschult. Freilich unter den misstrauischen Blicken und Kommentaren jener alter Männer, die eigentlich glaubten, das Sagen zu haben. Jene Firmendirektoren, die es in von Pfeifen und Zigarren geschwängerter Hinterzimmerluft normalerweise gewohnt sind, Entscheidungen zu treffen, ohne dass Frauen dabei mitreden.

Drehbuchautorin und Regisseurin Claudia Garde, verantwortlich für eine ganze Reihe starker Kieler "Tatorte" mit Axel Milberg, inszeniert das dreistündige Biopic "Ottilie von Faber-Castell" anfangs als weibliche Emanzipationsgeschichte in widerborstiger Zeit. Die läuft erst mal so ab, wie man es sich denkt: Ottilie muss viele Widerstände überwinden, nicht nur die des Managements und der Mitarbeiter der Faber-Werke, sondern auch jene innerhalb der Familie. Sowohl Ottilies Mutter (Maren Eggert) als auch die Großmutter (Eleonore Weisgerber) halten nichts von Frauen in Führungspositionen.

Trotzdem setzt sich die talentierte Ottilie durch und nimmt das Heft des Handelns in die Hand. Auch die Partnerwahl der Erbin, die sich nach dem Tod des Großvaters bald an vorderster Front befindet, scheint in erwartbaren Bahnen zu verlaufen. Weil es – für die Firma – als die vernünftigere Wahl erscheint, heiratet Ottilie den ebenso ehrgeizigen wie beharrlichen Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen (Johannes Zirner) und lässt ihre eigentliche Liebe, den schönen und sensiblen Baron Philipp von Brand zu Neidstein (Hannes Wegener) links liegen.

Ottilie wird aus ihrem Unternehmen gedrängt

Je länger dieser ordentlich ausgestattete und gespielte Degeto-Historienschinken dauert, desto interessanter wird das Geschehen. Ottilie, die zeitgemäß früh ein Kind nach dem anderen bekommt, wird immer mehr hinein in die Mutter- und heraus aus der Unternehmerinnen-Rolle gedrängt. Die Beziehung zu ihrem Mann Alexander – anfangs noch mit echter Ambition beider Partner unterwegs, es "gut" zu machen – bricht immer mehr in sich zusammen. Das bittere Drama des Niedergangs der Ottilie von Faber-Castell, die an den Widerständen ihrer Zeit zu scheitern droht, macht aus dem Film eben kein historisches Erbauungs-TV, sondern ein klassisches, ziemlich bitteres Frauendrama.

Vorlage für den Film war die Romanbiografie "Eine Zierde in ihrem Haus. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell", die Anna Scheib bereits 1998 veröffentlichte. In den Geschichtsbüchern, aber auch auf der Webseite des noch heute größten Bunt- und Bleistiftproduzenten der Welt (8.000 Mitarbeiter, zwei Milliarden Stifte pro Jahr), wird das schmutzige Ehedrama Ehe von Ottilie und Alexander noch wie vor kaum thematisiert. Der eingeheiratete "Machertyp" Alexander führte alsbald erfolgreich die Firma, Ottilie musste sich zurückziehen. Wie und auf welche Weise dies geschah, verpackt der Film in zunächst konventionelle, aber dann immer düsterere und eindringliche Szenen. So entsteht etwa ab der Hälfte der langen Wegstrecke dieses Films durchaus ein Sog, an dem Hauptdarstellerin Kristin Suckow, 30-jährige Brandenburgerin mit bislang vorwiegend Meriten am Theater, einen nicht unerheblichen Anteil hat.

Nach Margarete Steiff (Heike Makatsch, 2005), Beate Uhse (ebenfalls Makatsch, 2011), Clara Immerwahr (Katharina Schüttler, 2014), Käthe Kruse (Friederike Becht, 2015) oder zuletzt Aenne Burda (Katharina Wackernagel, 2018) steht "Ottilie von Faber-Castell" in einer längeren Reihe von Frauen-Biopics über bekannte und weniger bekannte deutsche Vorreiterinnen, die es schwer hatten, weil sie etwas forderten oder taten, was zu ihrer Zeit als "unerhört" galt. Die Geschichte der historischen Unternehmerin, die bis 1944 lebte, gehört zu den bittersten deutschen Emanzipationsgeschichten, die im gelungenen Frust-Schleicher-Drama "Ottilie von Faber-Castell" würdevoll in Szene gesetzt wird.


Quelle: teleschau – der Mediendienst