Das ZDF zeigt vier neue Folgen nach Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach. Auch die neue Staffel hebt sich deutlich vom TV-Einheitsbrei ab.

Es gibt wenige Vorlagengeber und Hosts, deren Name gleich im Titel eines TV-Formats genannt werden. "Germanys Next Topmodel by Heidi Klum" wäre ein solcher Fall – und Ferdinand von Schirach. Nachdem das ZDF 2013 aus dessen Bestseller "Verbrechen" eine für deutsche Verhältnisse erstaunlich ansehnliche TV-Serie machte, folgte mit "Schuld nach Ferdinand von Schirach" 2015 gleich das nächste Format, das auf den Kurzgeschichten des ehemaligen Strafverteidigers beruht. Der Erfolg zahlte sich aus: Nach einem zweiten Durchgang vor zwei Jahren geht die Miniserie nun schon in die dritte Staffel. In vier neuen Kurzfilmen werden die skurrilen Kriminalgeschichten des Autors wieder in toll besetzte Lehrstücke über Kreativität und Melancholie menschlicher Abgründe gegossen.

Das Faszinierende an den Geschichten von Schirachs ist nicht nur, dass sie aus wahren Versatzstücken aus der Praxis eines oder mehrerer Strafverteidiger zusammengesetzt sind. Dies allein dürfte den unglaublichen Erfolg der Bücher nicht erklären. Hinzukommen die lakonische Schilderung und ein ungewöhnlich konzentrierter Blick des Autors in die Abgründe menschlicher Seelen. Jeder der Filme erzählt eine autarke Geschichte mit eigenen Protagonisten, deren skurril finstere Lebenswege im Spiegel juristischer Straftaten betrachtet werden. In sämtlichen Folgen entsteht ein existenzialistischer erzählerischer Sog; sie wirken gerade in der Welt des deutschen "Übersichtlichkeits"-Fernsehens angenehm verstörend, zumindest aber subtil beunruhigend.

Moritz Bleibtreu spielt wieder den Anwalt Friedrich Kronberg, der die Täter und andere Klienten vor Gericht vertreten soll. Doch nicht der Star-Schauspieler Bleibtreu ist hier der große Kracher: Es sind vor allem die Verbrecher und Opfer, manchmal befinden sie sich in Personalunion, die "Schuld" zu einer ausgezeichneten Krimiserie werden lassen. Da wäre in der ersten Folge der neuen Staffel etwa David Bennent, der den Supermarkt-Angestellten Bernhard Strelitz verkörpert. Der eindrücklich spielende Schweizer Schauspieler, der 1979 in der Rolle des Oskar Matzerath in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Grass-Romans "Die Blechtrommel" bekannt wurde, wird in Folge 1 titelgebend "Der kleine Mann" – unauffällig, ohne Ausstrahlung und Autorität, von den Frauen verlacht. Doch er will wagemutiger sein: Zufällig wird er Zeuge eines Drogengeschäfts und stiehlt den Dealern ihr Kokain. Prompt schnappt ihn die Polizei. Strelitz wird wegen Drogen- und Waffenbesitzes angeklagt und muss in Untersichungshaft. Im Gefängnis wird es für den "kleinen Mann", der Kronberg als Anwalt engagiert, kaum besser.

Derlei absonderliche Fälle und eine Inszenierung jenseits aller Krimiklischees machen "Schuld" zur außergewöhnlichen Erscheinung im deutschen Fernsehen – eine, die auch im dritten Durchgang noch funktioniert. Die weiteren drei Folgen, ausgestrahlt jeweils freitags, 21.15 Uhr, drehen sich unter anderem um unbemerkte Schwangerschaften und introvertierte Programmierer. Nach der Ausstrahlung der ersten Folge der dritten Staffel zeigt das Zweite am Freitag, 12.9., ab 23.45 Uhr, die Dokumentation "Ferdinand von Schirach – Die Würde des Menschen", die den Bestsellerautor an Orte seines Lebens und zu guten Freunden begleitet.

"Eine verkorkste Seele kann man nicht riechen" – Lesen Sie hier unser Interview mit Moritz Bleibtreu zur neuen Staffel "Schuld".


Quelle: teleschau – der Mediendienst