Film in der ARD

"Tanze Tango mit mir": Auch so geht exzellentes Fernsehen

von Eric Leimann

In der Midlife Crisis entdeckt ein Mann seine Liebe für den Tango. Klingt nach furchtbar viel Klischee, ist aber ein wunderbarer Film aus der Mitte des Lebens mit einem tollen Hauptdarsteller Michael A. Grimm.

ARD
Tanze Tango mit mir
Komödie • 10.03.2021 • 20:15 Uhr

Der übergewichtige Frank (Michael A. Grimm) ist "Frauenversteher" von Haus aus. Ihm scheint auch nichts anderes übrig zu bleiben, denn der wegrationalisierte Bankkaufmann lebt mit drei weiblichen Vertreterinnen der menschlichen Spezies zusammen – seiner Frau Kathrin (eine Entdeckung: Eva Meckbach), der pubertierenden Tochter Paula (Lilith Kampffmeyer) sowie der anstrengend griesgrämigen Schwiegermutter Ingrid (Gaby Dohm). Seit Frank arbeitslos ist, darf man die Stimmung daheim "angespannt" nennen. Oder war sie es schon vorher, nur da war er seltener zu Hause? Der 50-Jährige jedenfalls bemüht sich, alles richtig zu machen: Einkaufen und Kochen, während sich seine Kathrin als mobile Altenpflegerin abrackert. Während die Tochter liebesdepressiv im Zimmer festgeschweißt zu sein scheint. Außerdem gilt es, die misanthropische Schwiegermutter zweimal pro Woche zum Schwimmen fahren und wieder abholen – schließlich hat Frank ja sonst (fast nichts) zu tun.

Immerhin, es gibt einen kleinen Nebenjob. Ein paar Stunden pro Woche arbeitet Frank als Pförtner im Theater. Dort beobachtet er eines Abends, wie eine Tangotanz-Gruppe probt. Kurz zuvor ist Frank vor seinen Freunden im Biergarten zusammengebrochen. Diagnose: Herzinfarkt der schwereren Art. Sein Arzt verordnet, alle Anstrengungen zu meiden. Gleichzeitig ist der Rekonvaleszent so fasziniert von der eleganten und mysteriösen Welt des südamerikanischen Tanzes, dass er bei der Tango-Truppe einsteigt. Selbstredend darf seine Familie nichts davon wissen. Erstens die Anstrengung des schweißtreibenden Intensitätstanzes, zweitens das schlechte Gewissen, dass man aus der lange gelebten Rolle ausbricht und so die Erwartungen der Anderen enttäuschen könnte. Doch wie lange wird Franks Doppelleben halten? Und was macht es mit dem Mann in der Midlife Crisis?

HALLO WOCHENENDE!
Interviews, TV-Tipps und vieles mehr: Zum Start ins Wochenende schicken wir Ihnen jeden Freitag unseren Newsletter aus der Redaktion.

Michael A. Grimm glänzt in der Hauptrolle

Nicht jeder Film über Menschen in einer persönlichen Krise muss als tonnenschweren Drama oder plumpe Komödie enden. "Tanze Tango mit mir" (Drehbuch: Peter Güde, Regie: Filippos Tsitos) ist ein wunderbar beiläufig geschriebener und inszenierter Film, in dem das tolle Ensemble keinen auf Pointe gebürsteten Humor bedienen muss. Ebenso werden erwartbare Plot-Ideen wie "dicker deutscher Mann tanzt Tango und findet sich dabei" sehr viel leichter und gleichzeitig menschlich komplexer erzählt, als es in üblichen Hauruck-Filmen der Fall ist. Viele Szenen wirken fast schon alltagsdokumentarisch und geben den tollen Akteuren viel Raum: Der Münchener Schauspieler Michael A. Grimm, den man seit Mitte der 90-er regelmäßig in starken Nebenrollen, aber viel zu selten in großen Hauptrollen bewundern kann, zeigt sich in "Tanze Tango mit mir" als einer der besten deutschen Schauspieler seiner Generation. Wie er selbst den Film sieht, lesen Sie im Interview mit Grimm.

Grimm, den man als Pfundskerl mit bayerischem Idiom schnell in eine bestimmte TV-Klischee-Ecke stellen könnte, bekommt hier einen Film, der voll und ganz auf ihn zugeschnitten ist und in dem er zeigen kann, wie sensibel so ein wuchtiger Mann spielen, aber auch sich bewegen kann. Tatsächlich lernte Michael A. Grimm – wie seine Figur – das Tangotanzen für den Film von der Pike auf. Es ist absolut anrührend, ihm dabei zuzusehen – bis hin zum großen Finale, einem Auftritt vor Publikum.

Michael A. Grimm war bereits im Februar in einem ARD-Mittwochsfilm zu sehen. In "Herren" (noch in der ARD-Mediathek) von Dirk Kummer, eine ähnlich eleganten Komödie, in der nur afrodeutsche Schauspieler Hauptrollen bekleideten, verkörperte er einen Nachbarn der Figur von Hauptdarsteller Tyron Ricketts. Warum man dies erwähnen kann? Beide ARD-Filme zeigen binnen weniger Wochen, wie großartig TV-Filme immer noch sein können, wenn sie es schaffen, beiläufig und doch klug aus dem Alltag ziemlich echter Menschen zu erzählen – und sich dabei ganz auf ihre Geschichten verlässt. Ohne Mord, ohne überlebensgroßes Drama, ohne Witze-Klischees. Auch so geht exzellentes Fernsehen 2021.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
Das könnte Sie auch interessieren