Michael A. Grimm

Deutschlands größter Nebendarsteller spielt endlich eine Hauptrolle

von Eric Leimann

Wer deutsche Filme guckt, kennt garantiert das Gesicht dieses Mannes: Michael A. Grimm ist aktuell vielleicht Deutschlands profiliertester Nebendarsteller. In "Tanze Tango mit mir" spielt er endlich eine Hauptrolle.

Michael A. Grimm sieht nicht aus wie der typische Schauspiel-Star. Trotz seiner feinen Gesichtszüge spielt der 1970 geborene Münchener meist Typen, die eher derb und gerne konservativ sind. Dass der Mann, der in seinen Rollen so oft den typischen Bayern gibt, privat hochdeutsch spricht und sich einer sehr geschliffenen Ausdrucksweise bedient, zeigt nur, wie gut Michael A. Grimm in seinem Beruf ist. Durch "Die Rosenheim Cops" wurde er einem breiteren Publikum bekannt, doch mittlerweile sieht man ihn gefühlt in jedem dritten Fernsehfilm und jeder vierten Serie in einer Nebenrolle. Meist macht er mehr aus diesen Parts, als man erwarten würde. Es liegt also nahe, den wuchtigen Mann mit dem großen Talent endlich in Hauptrollen einzusetzen. Die Midlife-Crisis-Dramedy "Tanze Tango mit mir" (Mittwoch, 10. März, 20.15 Uhr, ARD) war in dieser Hinsicht eine gute Wahl. Grimm spielt einen arbeitslosen, vielfach geschundenen Familienvater um die 50, der nach einem Herzinfarkt das Tangotanzen für sich entdeckt. Das ändert sein Leben. Selten hat man im Fernsehen einen so fantastisch inszenierten "Entwicklungsroman" gesehen – und das betrifft explizit auch Grimms Auftritte auf dem Tango-Parkett. Die Filmkritik zu "Tanze Tango mit mir" lesen Sie hier.

prisma: Wie viel Ahnung hatten Sie vor diesem Film vom Tango?

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Michael A. Grimm: Ich war nicht ganz unwissend. Weil ich auf der Schauspielschule einen Intensiv-Workshop mitgemacht habe. Aber das ist natürlich erstens lange her, und zweitens habe ich davon eher eine Idee vom Tango mitgenommen, als ein hohes eigenes Tanzniveau. Der Workshop wurde damals von einem Paar angeboten, das sich beim Tanzen ineinander verwunden und perfekt kommuniziert hat. Die hohe Kunst des Tangos besteht darin, dass aus zwei Menschen ein sich bewegender Körper wird. Darum geht es letztendlich – und deshalb ist Tango auch mehr als nur ein Tanz.

prisma: Nun kennt jeder, der mal eine Tanzschule besucht hat, den Tango-Schritt als Standardtanz ...

Grimm: Ja, aber der hat nur wenig mit dem echten Tango zu tun. Tango ist die gemeinsame Improvisation zweier Menschen, die im Tanz zu einem werden. Das müssen nicht unbedingt Mann und Frau sein. Tatsächlich wurde Tango in seiner Geschichte oft gleichgeschlechtlich getanzt. Man spricht dann von Führendem und Folgendem – oder Führender und Folgender. Was dabei genau passiert, wird durch Körpersprache vermittelt. Es ist die sehr komplexe, aber wunderbare Kommunikation zweier Menschen.

prisma: Also haben die Deutschen ein falsches Bild vom Tango?

Grimm: Ich glaube schon. Für die meisten ist es ein Synonym für Exotik und Gefühl. Ich glaube, ich habe schon öfter in Drehbüchern gelesen, dass sich eine Figur in den Tango-Lehrer verliebt. Das wird dann als Bild für eine romantische Wendung im Leben dieses Menschen benutzt. Tatsächlich ist Tango eher Philosophie denn Romantik, denn es geht darum, zu führen oder geführt zu werden. Mit einem klaren Plan, aber auch mit viel Bereitschaft zur Improvisation und eben vor allem Kommunikation.

prisma: Ihr Film ist alles andere als eine konventionelle Liebesgeschichte. Es geht um den 50-jährigen Frank in der Midlife Crisis.

Grimm: Zunächst mal finde ich gut, dass es nicht um die erwartete Liebesgeschichte im Tango-Milieu geht. Das schafft Platz für die Ernsthaftigkeit, mit der sich Frank mit dem Tango beschäftigt. Der Tanz dient eben nicht als Vehikel, er ist die Geschichte. Es geht um eine neue Welt, die natürlich auch etwas mit Eros zu tun hat. Frank lernt mit 50 Jahren, was Führen bedeutet. Er begreift, wie man das Heft des eigenen Lebens in die Hand nimmt. Und das nicht im Sinne von: Ich mache jetzt, was ich will – sondern als Lernprozess in der Kommunikation mit anderen Menschen, denen man respektvoll begegnet.

prisma: Sie spielen den Neueinsteiger beim Tango-Tanzen eher tapsig – entwickeln dann aber mit der Zeit große Eleganz. Wie verlief Ihr persönlicher Tango-Lernprozess?

Grimm: Ich habe die ganze Zeit intensiv trainiert. Unser Regisseur Filippos Tsitos hat über eine Folge "Der Kriminalist", die er gedreht hat, den Berliner Tangolehrer Sven Elze kennengelernt. Sven wurde zu unserem Lehrer, Choreografen – und zu meinem persönlichen Coach, was die Einführung in die Tango-Welt betrifft.

prisma: Wie viel haben Sie trainiert?

Grimm: An schwachen Tagen waren es drei, an guten Tagen acht Stunden. Darüber hinaus haben wir uns sehr intensiv über die Welt des Tangos unterhalten. Wenn im Drehbuch steht, dass ich am Ende gut tanze, dann muss ich gut tanzen. Deshalb habe ich während des Drehs, also etwa einen Monat lang, in jeder freien Minute getanzt. An manchen Tagen haben wir zehn Stunden gedreht – und danach habe ich mit Sven noch zwei Stunden weitergearbeitet.

prisma: Eine große Qualität des Films ist neben den intensiven Tanzszenen das beiläufige Erzählen. Dadurch bekommt man das Gefühl, dem tatsächlichen Alltag einer Familie beizuwohnen. Viele Filme scheitern an der Beschreibung von Alltag. Wie haben Sie das geschafft?

Grimm: Indem wir das alle genau so haben wollten – und schon bei unserem ersten Treffen als Ensemble in unsere Rollen als aneinander herummäkelndes Quartett eingestiegen sind. Ich lebe im Film ja mit drei Frauen zusammen – meiner Ehefrau, der Tochter und der Schwiegermutter. Es gibt – trotz der Arbeitslosigkeit meiner Figur – keine ganz krasse Krise in diesem Plot. Keine dramatischen Ereignisse, die diese Familie erschüttern. Trotzdem herrscht auf allen Seiten diese latente Genervtheit vom Leben, die das Herummäkeln am anderen auslöst.

prisma: Und wie haben Sie dieses Lebensgefühl in Szene gesetzt?

Grimm: Wenn man so etwas Realistisches, das – glaube ich – auf viele Familien zutrifft, spielen will, geht das nur über einen gemeinsamen Willen und ein feines Gespür, das aber auch vom Regisseur in das Ensemble hereingetragen wurde. Ein guter Film entsteht durch das perfekte Zusammenarbeiten aller Beteiligter. Man kann den weltbesten Autor, Kameramann und Regisseur mit den größten Schauspielern der Erde verpflichten und zusammenpacken. Manchmal kommt am Ende trotzdem ein Kack-Film heraus, wenn die gemeinsame Chemie nicht stimmt oder ein gemeinsames Ziel fehlt.

prisma: Sie sind seit langem im Geschäft. Trotzdem sah man Sie noch nie in einer solch tragenden, alleinigen Hauptrolle. Warum eigentlich?

Grimm: Ich habe mich immer als Schauspieler gesehen, nie als Star. Das heißt, ich habe Spaß daran, meine Arbeit zu erledigen – auch wenn ich natürlich nichts gegen größere Rollen einzuwenden habe. Mein Vorteil ist, dass ich ziemlich breit aufgestellt bin. Ich spiele Theater, bin bei Film und Fernsehen zu Hause, halte Lesungen, mache Synchron, spreche Hörbücher. Wenn ich mal keine Lust habe, zum tausendsten Mal in einer Serie den Episoden-Heini zu geben, mache ich halt etwas anderes. Ich vermisse das Alleine-im-Mittelpunkt-stehen nicht so sehr, aber natürlich ist es auch mal schön, wenn sich in einem Film alles um deine Figur dreht, man also viel gestalten darf. Andererseits – Anfang der Nullerjahre war ich eine Zeit am Kasseler Staatstheater. Da habe ich gleich in den ersten vier Produktionen durchgehend die Hauptrollen gespielt. Das kann auf Dauer auch ganz schön anstrengend sein (lacht).

prisma: Sie sprechen im Interview Hochdeutsch, in Ihren Filmrollen sieht man Sie aber enorm oft als typischen Bayern. Nervt das hin und wieder?

Grimm: Tatsächlich gibt es viele Angebote, die in Richtung des konservativen, manchmal leicht dümmlichen Bayern gehen. Aber ich muss die ja nicht sämtlich annehmen. Oft ist es ja auch möglich, hinter einer Figur, die in Gestus und Habitus klischeehaft wirkt, eine andere Welt zu erzählen. Tatsächlich gab es Jahre, da habe ich mehrheitlich den typischen Bayern verkörpert. Ich weiß gar nicht, wie viele Metzger, Spengler, Wirte oder sonstige Handwerker ich in Episodenrollen gegeben habe (lacht). Und das Schönste ist doch, überhaupt spielen zu dürfen.

prisma: Ist es auch wichtig aufzupassen, dass man sich nicht in einem einzigen Rollentyp verheizt?

Grimm: Man muss ja erst mal in einer Schublade stecken, um da herauskommen zu können. Dafür gibt es dann schöne Gestaltungsmöglichkeiten, wenn aber Rollen auf Dauer vordergründig zu ähnlich sind, muss man trotzdem aufpassen. Ich erinnere mich an ein Jahr, da habe ich in vier unterschiedlichen SOKO-Serien mitgespielt. In Kitzbühel war ich ein antipathischer verdächtiger Kleinunternehmer, bei SOKO Köln und SOKO München ebenso, bis ich bei der SOKO Wien einen antipathischen verdächtigen Großunternehmer spielte. Wenn danach noch ein Anruf von SOKO Leipzig, Wismar und Stuttgart mit dem gleichen Rollenangebot gekommen wäre, hätte ich wohl absagen müssen (lacht).

prisma: Was wünschen Sie sich für die weitere Karriere – mehr Hauptrollen?

Grimm: Vor allem Abwechslung. Ich habe nichts gegen die Rollen des bodenständigen bayerischen Kleinunternehmers. Wenn ich danach einen intellektuellen Großkotz aus Hannover spielen darf, ist das okay. Und was Hauptrollen betrifft: Ich freue mich, wenn welche kommen, aber man kann sich auch welche suchen. Ich habe im Dezember und Januar mit dem Hofspielhaus in München eine Inszenierung von Süskinds "Der Kontrabass" erarbeitet. Sobald es wieder möglich ist, können wir das Stück aufführen und müssen uns wegen Corona-Abständen auf der Bühne noch nicht mal Gedanken machen, da es sich um ein Solostück handelt. Wie gesagt, man kann die Abwechslung im Schauspielberuf auch ein wenig selbst befördern. Über die Eintönigkeit des eigenen Lebens zu jammern, hilft in den seltensten Fällen weiter.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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