Der Krimi "Tod im Häcksler" löste 1991 einen Skandal aus, es gab wütende Proteste gegen den "Tatort". Zum Jubiläum von Lena Odenthal geht es nun zurück ins fiktive Örtchen Zaren, das damals so schlecht wegkam.

Normalerweise freuen sich Bewohner entlegener, dünn besiedelter Landstriche, wenn bei ihnen ein Film gedreht wird. Endlich mal was los im Dorf! Doch als die SWR-Filmschaffenden 28 Jahre nach dem Skandal-Film "Tod im Häcksler" (1991) wieder auf die pfälzische Gemeinde Rudolpskirchen zukamen, um dort einen zweiten "Tatort" zu drehen, winkte die Dorfgemeinschaft ab. Man muss es verstehen. In "Tod im Häcksler", dem damals dritten Fall der blutjungen Kommissarin Lena Odenthal, treibt ein geldgieriger Mob von Dorfbewohnern einen Spätaussiedler in den Tod. Als "pfälzisch Sibirien" wird das fiktive Örtchen Zarten im Film bezeichnet.

Der einzige "Tatort" des heutigen UFA-Chefs Nico Hoffmann löste damals wütende Proteste Einheimischer aus, die einen ganzen Landstrich verunglimpft sahen. Auf politischen Druck und Sendergeheiß musste Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts damals eine Wanderung mit Minister Rainer Brüderle durch die Westpfalz unternehmen, in der sie sich von der Schönheit und den Qualitäten der Region zu überzeugen hatte.

Es hat also etwas, wenn der SWR zum 30-Jahre-Jubiläum der dienstältesten "Tatort"-Kommissarin nach Zarten zurückkehrt – auch wenn dieses Zarten nun an einem anderen pfälzischen Drehort stattfindet. Der einst engagierte Dorfpolizist Stefan Tries (damals wie heute: Ben Becker) ist zum gealterten Dienststellenleiter mit Wampe und traurigem Blick mutiert. Ein Provinzkönig, der zwar immer noch die alte Sensibilität in sich trägt, die einst zu einer romantischen Verbindung zwischen ihm und Lena Odenthal führte, dessen Moral und Lebensmodell aber scheinbar haltlos in der Pfälzer Winterluft herumwabert.

Als ein junger Polizist aus Tries' Dienststelle bei einer Verkehrskontrolle vom Fahrer eines LKW erschossen wird, ziehen Lena Odenthal, Johanna Stern (Lisa Bitter) und weitere Ludwigshafener Ermittler in Zartener Fremdenzimmer ein und funktionieren eine alte Kegelbahn zu ihrer Zentrale um. Weil das Organisierte Verbrechen mit dem Fall zu tun haben scheint, wird die Sache als eine Nummer zu groß für die örtlichen Behörden betrachtet. Bald wird klar: In Zarten scheint sich die Polizei ihr eigenen Süppchen in Sachen Recht und Gerechtigkeit zu kochen.

Altern in Würde

Nein, es ist kein Spoiler, wenn man verrät, dass die Zartener Polizei – übrigens erstaunlich üppig besetzt für so einen solchen Provinz-Außenposten – nicht ganz koscher ist. Drehbuchautor Stefan Dähnert, der auch den ersten Film "Tod im Häcksler" schrieb, deutet dies gleich in den ersten Szenen an. In seiner Pfalz-Rückkehr erbeitet der 58-jährige Autor ("Tatort: Wegwerfmädchen") mit Motiven des Filmklassikers "Cop Land" (1997), in dem Silvester Stallone, Harvey Keitel und Robert De Niro zu großer Form aufliefen. Sogar der alte Spruch von "pfälzisch Sibirien" wird im neuen "Tatort" noch einmal zitiert. Die Anspielungen finden jedoch auf eine Art und Weise statt, dass die Proteste diesmal ausbleiben sollten. "Die Pfalz von oben" ist vor allem ein Film übers Altern in der Provinz, über den Verlust von Träumen und der Modellierung schicker Reihenhäuser sowie der "Einnahme" von Drogen und sexueller Beziehungsdeals als Trostpflaster für ein Leben ausbleibender Höhepunkte.

Dass diese Geschichte auch anderswo stattfinden könnte, dass bei weitem nicht alle Menschen hier schlecht oder korrupt sind – auch hier bemüht sich das Drehbuch sowie die Regie von Brigitte Bertele um eine differenziertere Darstellung als im verstörenden Mob-Märchen von 1991. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: "Der Tod im Häcksler" wurde am Samstag, 2. November, 20.15 Uhr, im SWR-Fernsehen wiederholt. Gefolgt von der Doku "Die Geschichte des Häckslers" (21.35 Uhr), in der noch einmal der Chronik eines der größten "Tatort"-Skandale nachgespürt wird. Beide Filme sind nach Ausstrahlung sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Nun ist nicht alles an Lena Odenthals Geburtstags-"Tatort" geglückt. Nach einem gut erzähltem, stimmungsvollen Auftakt geraten Autor Dähnert manche Handlungsfäden etwas vordergründig – und es sind auch zu viele Figuren und Geschichten, die er in knapp 90 Minuten erzählen will. Trotzdem überwiegen die Stärken. Das Zusammenspiel von Folkerts und dem sehr anrührend agierenden Ben Becker ist voll zärtlich-sensibler Nostalgie. Dazu schaffen die Bilder Brigitte Berteles, die schon in ihrem 2014 mit dem Grimmepreis gekürten Film "Grenzgang" sehr poetisch und facettenhaft aus der Provinz erzählte, ein reizvolles Ambiente für die Geschichte der beiden so unterschiedlich gealterten Ermittler.

"Die Pfalz von oben" ist ein würdiger Jubiläumsgruß für einen "Tatort"-Standort, der oft mehr wollte, als ihm gelang, der aber seine Ambitionen nie aufgab. Auch das ist: Altern in Würde.

Wie Ulrike Folkerts auf 30 Jahre als "Tatort"-Kommissarin zurückschaut, lesen Sie hier im Interview.


Quelle: teleschau – der Mediendienst