Wiederholung in der ARD

"Toter Winkel": mutig und spannend von Anfang bis Ende

von Sven Hauberg

Ein junges Mädchen flieht vor der Polizei, um der Abschiebung zu entgehen. Ein spießiger Vater findet heraus, dass sein Sohn sich der rechtsradikalen Szene angeschlossen hat. "Toter Winkel", einer der besten Fernsehfilme des Jahres 2017, geht tief unter die Haut.

ARD
Toter Winkel
Drama • 13.05.2020 • 20:35 Uhr

Was geht eigentlich in Annerose Zschäpe vor? Im Prozess gegen ihre Tochter Beate, die mutmaßliche Rechtsterroristin des "Nationalsozialistischen Untergrunds", schwieg sie bislang. Als Mutter der Angeklagten ist das ihr gutes Recht. Aber es wäre doch zu interessant, in den Kopf der Mutter der "Terrorbraut" blicken zu können. Was hat sie gewusst, was vermutet? Wie geht sie um mit einer Tochter im Gefängnis? Der meisterhafte Fernsehfilm "Toter Winkel", den das Erste nun erneut zeigt, spielt das Szenario des In-den-Kopf-Blickens durch, anhand einer fiktiven Gruppe von Rechtsterroristen, die nicht minder Erschreckendes vollbringen als Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt es getan haben. Regisseur Stephan Lacant und sein Drehbuchautor Benjamin Zakrisson Braeunlich begehen allerdings nicht den Fehler, dem Zuschauer einen politisch korrekten Erklärfilm vorzusetzen. "Toter Winkel" ist vielmehr ein hochspannender Thriller, der zutiefst bewegt, aber gleichzeitig hervorragend unterhält. Etwas derart Mutiges sieht man im deutschen Fernsehen selten.

Früh am Morgen wird die Familie der jungen Deutschkosovarin Anya (Emma Drogunova) aus dem Schlaf gerissen. Die gut integrierte Familie soll nach Pristina abgeschoben werden, einen Anruf beim Anwalt verwehren ihnen die aggressiv auftretenden Polizeibeamten. Dann aber reißt sich Anya los, rennt durchs Unterholz und über eine Straße. Einer der Männer, der sie verfolgt, wird dabei brutal von einem Laster überfahren.

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Daneben zeigt Lacant eine "typisch deutsche" Familie, in der Vater Karl (Herbert Knaup) der Enkeltochter noch Gutenachtlieder singt, fette Kaninchen züchtet und als Frisör in der Innenstadt einem "anständigen" Beruf nachgeht. Karls Sohn aber, der sich allen Einblicken verweigernde Thomas (Hanno Koffler), war mit dem frühmorgens überfahrenen Mann in Kindertagen befreundet. Warum der Sandkastenfreund sterben musste, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel.

Bald aber steht das LKA im Haus und Gerüchte machen die Runde: Der Tote soll eine Waffe bei sich getragen haben, die dem "rechtsradikalen Untergrund" zugeordnet wurde. Vater Karl beginnt zu recherchieren und muss entsetzt feststellen, dass auch sein Sohn offenbar mit rechtem Gedankengut sympathisiert. Da findet er Fotos, die Thomas vor einem Lagerfeuer zeigen, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Und als Karl seiner Nichte in seinem Salon die Haare stutzt, singt das junge Mädchen plötzlich ein Nazilied.

Irgendwann prallen die beiden Geschichten – die von dem jungen Mädchen auf der Flucht vor den Behörden und die des Vaters, der nicht glauben kann, was für ein Mensch sein Sohn eigentlich ist – dann mit voller Wucht zusammen. "Toter Winkel" ist die Umkehrung der Nachkriegserzählung von der Kindergeneration, die ihren Eltern die Waffe an die Brust gesetzt hat: Sagt, was habt ihr damals gemacht? Hier aber ist es der Vater, der diese Fragen an seinen Sohn richten muss.

Das ist alles großartig inszeniert, toll gefilmt, fantastisch besetzt – wirklich mutig an diesem Film aber ist, dass er sich traut, auch unterhaltsam zu sein. Heikle Stoffe werden im deutschen Fernsehen gemeinhin mit Samthandschuhen angefasst. Unzählige Redakteure und Programmverantwortliche blicken mit Argusaugen darauf, dass bloß nichts falsch gemacht wird, dass die politische Korrektheit stets gewahrt wird. "Toter Winkel" aber ist spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde, und das bei einem Film über deutsche Rechtsterroristen, über Abschiebung und über Schuld. Eine Meisterleistung.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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