Der ARD-Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre" bringt den Zuschauer zurück in die Nachkriegszeit. Die Romanverfilmung erzählt von drei Schwestern. Zum anstehenden Aufbruch und Wirtschaftswunder in spe gesellen sich jedoch auch Nazi-Altlasten.

+++ Hinweis: Wegen des "ARD extra" zum Coronavirus wird der erste Teil des Films am Mittwoch (18. März) erst um 20.40 Uhr (statt 20.15 Uhr) ausgstrahlt. +++

Knapp 1.000, in der Taschenbuch-Version klein bedruckte Seiten umfasst Peter Pranges von der Kritik gelobter Roman "Unsere wunderbaren Jahre". 2016 kam er heraus – wobei Filmrechte bereits an die UFA verkauft worden waren, als Prange ("Das Bernstein-Amulett") mit dem Schreiben begann. Man kann also sagen: Ein Werk mit einem Plan. Vielleicht nicht ganz zufällig kaufte die Produktionsgesellschaft einen Stoff, der auf den ersten Blick ziemlich ähnlich funktioniert, wie der äußerst erfolgreiche ZDF-Mehrteiler "Ku'damm '56" beziehungsweise dessen Nachfolge-Staffel "Ku'damm 59" im ZDF. Auch "Unsere wunderbaren Jahre" erzählt von drei Schwestern, die ihre jungen Erwachsenenträume in einem Deutschland verwirklichen wollen, das noch vor kurzem in Trümmern lag.

1948 leben Margot (Anna Maria Mühe), Ulla (Elisa Schlott) und Gundel (Vanessa Loibl) als Töchter des alteingesessenen Fabrikanten Eduard Wolf (Thomas Sarbacher) und dessen Frau Christel (Katja Riemann) in der sauerländischen Kleinstadt Altena. Durch einen Deal des windigen Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner), ehemaliger Ortsgruppenleiter der NSDAP, erhascht der in den Augen britischer Besatzer unbelastete Eduard Wolf gemeinsam mit Böcker einen Auftrag, von dem nicht nur Wirtschaftswunderaugen vor Freude feucht würden. Wolfs Betrieb soll die Produktion der kommenden D-Mark-Münzen stemmen.

Wie nicht anders zu erwarten, hat Patriarch Eduard Wolf das ein oder andere Problem mit seinen jungererwachsenen Töchtern. Margot, die älteste und Mutter eines Sohnes, soll endlich ihren im Krieg vermissten, aber immer noch heißgeliebten SS-Ehemann Fritz (Bernd-Christian Althoff) vergessen. Als dieser, schwer krank, dann doch noch aus dem Kreig heimkehrt, herrscht im Hause Wolf eisige Stimmung. Patriarch Eduard will nichts mit den Tätern von einst zu tun haben.

Derweil ist Ulla, die mit dem Apothekersohn Jürgen Vielhaber (Ludwig Trepte) so gut wie verlobt ist, die auserwählte unter den Töchter. Sie soll, wenn es nach dem Vater geht, das Unternehmen später führen. Heimlich träumt Ulla jedoch von einem Medizinstudium in Tübingen und fühlt sich zum proletarischen Beau und linken Unruhestifter Tommy Weidner (stark als junger Marlon Bando-Typ: David Schütter) hingezogen. Die stille Tochter Gundel indes würde gerne das Werk des Vaters fortführen, allein – man traut dem zahlenbegabten Mädchen die Rolle der Lokomotive im Unternehmen nicht zu.

So tragen alle ihre Konflikte, Ängste und Sorgen mit sich herum, die über dreimal 90 Minuten (Teil 2 am Samstag, 21.3., und Teil 3 am Mittwoch, 25.3., jeweils 20.15 Uhr, ARD) gerade mal ein Drittel von Pranges mit üppig viel Schicksal vollgepackten Roman erzählen. Man kann sich also denken: Sollte der ARD-Dreiteiler erfolgreich sein, wird eine Fortsetzung der Altena-Saga folgen.

Provinz statt Großstadt

Auch wenn das Ganze ein wenig reißbrettartig klingt und kaum wegzudiskutierend an die Wirtschaftswunder-Träume und Albträume des ZDF-Pendants "Ku'damm" erinnert, dessen dritte Staffel gerade entsteht: "Unsere wunderbaren Jahre" besitzt durchaus Alleinstellungsmerkmale. Erstens spielt die Erzählung nicht im großen Berlin, sondern in einer Provinz zwischen Landidyll und Kleinstadtmief. Zudem setzt sie früher an: 1948, als der vor drei Jahren zu Ende gegangene Krieg noch deutlich den Alltag prägte und auch die Demokratie noch nicht in allzu vielen Köpfen Einzug gehalten hat. Hier findet sich die vielleicht größte erzählerische Stärke des Historien-Mehrteilers. Eine Figur wie die von Anna Maria Mühe gespielte Margot darf offen und in tiefer Liebe ihrem – zerbrechlich dargestellten – Nazi-Ehemann zugetan sein, ohne dass dies an ihrem Heldinnen-Status rüttelt. Jene Ambivalenz muss der Zuschauer aushalten. Ebenso wie viele andere Spuren des Nationalsozialismus in der sauerländischen Provinz, die hier noch unreflektiert weiterexistieren.

Das Wirtschaftswunder hat 1948 noch nicht wirklich begonnen und doch hängt bereits ein Hauch von Peter Alexander und Heimatfilm-Ästhetik der 50er-Jahre in der Luft. Es ist eine durchaus pfeffrige Mischung, die im deutschen Gegenwarts-Melodram so noch nicht abgebildet wurde.

In "Unsere wunderbaren Jahre" wurde viel Wert auf Ausstattung gelegt. Die Bilder von Regisseur Elmar Fischer ("Tatort: Borowski und das Haus der Geister") schwelgen derart in Technicolor-Nachkriegsästhetik, dass die Szenen manchmal fast "überausgestattet" wirken. Eben das dürfte jedoch auch ein Erfolgsfaktor für Nostalgiker darstellen, von denen sich die Älstesten auch noch an die dargestellte Zeit erinnern dürften. In "Ku'damm" jedenfalls ist die pralle Ausstattung, stets am Rande zum Prädikat "over the top", definitiv ein Hingucker und Markenzeichen des TV-Produkts.

Peter Pranges Roman "Unsere wunderbare Jahre" gilt als spannend geschriebene, gut recherchierte Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Den Rahmen der Handlung bilden die D-Mark-Einführung am 20. Juni 1948 und deren Ablösung durch den Euro am 1. Januar 2002. Wer von den bisher eingeführten Figuren den Euro am Ende erlebt, werden die – nicht unwahrscheinlichen Fortsetzungen – des Epos zeigen müssen. Der aktuelle Dreiteiler erzählt die Handlung nur bis etwa Mitte der 50er-Jahre.

Unsere wunderbaren Jahre (1) – Mi. 18.03. – ARD: 20.40 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH