Natalia Wörner gibt im mitreißenden ZDF-Drama "Wahrheit oder Lüge" eine Anwältin, die mutmaßliche Sexualstraftäter verteidigt. Bald beginnt die Juristin an ihrer moralisch fragwürdigen Arbeit zu zweifeln.

Bisweilen geschieht es im deutschen Fernsehen, dass dem Zuschauer eine Moral der Geschicht' gewissermaßen aufgedrängt werden soll. Umso erfreulicher jene Ausnahmen, die das Urteil Dank herausragender Charaktere und kluger Drehbücher dem Publikum persönlich überlassen. So wie im mitreißenden ZDF-Drama "Wahrheit oder Lüge", das anders als sein 08/15-Titel zu versprechen droht, mit komplexer Story, ausgefeilten Figuren und klugen Dialogen aufwartet. Sicher: Die Beantwortung der Frage, ob eine Anwältin gut daran tut, mutmaßliche Sexualstraftäter auch gegen ihre eigene Überzeugung zu verteidigen, ist auf den ersten Blick einfach.

Doch Natalia Wörner, die als jene erfolgsverwöhnte Anwältin Annabelle Martinelli abermals auf ganzer Linie überzeugt, verleiht ihrer auf Sexualstrafrecht spezialisierten Figur jene Widersprüchlichkeiten, die das Thema Vergewaltigungsvorwurf und sexuelle Belästigung ebenso auszeichnet wie das gesellschaftliche Ganze. Denn Martinelli, die gemeinsam mit zwei Kollegen bei der renommierten Berliner Anwaltskanzlei Quante & Ackermann arbeitet, verteidigt vor allem männliche Klienten, die von einer Frau als Anwältin vor Gericht enorme Vorteile erwarten.

Dabei vertritt sie meist Typen wie den Rapper Momo (Lefaza Jovete Klinsmann), dessen Freundin Donna (Almila Bagriacik) ihm vorwirft, sie vergewaltigt zu haben. Der mehrfach Vorbestrafte ist in der Szene eine Berühmtheit – seine Verteidigung wäre sehr öffentlichkeitswirksam. Er wirft Donna vor, dass sie sich nur an ihm rächen wolle, weil er sich von ihr getrennt habe. Dass Momo Frauen durchgängig als "Schlampen" und Schlimmeres bezeichnet, scheint die Anwältin gewöhnt zu sein – und weist ihren Klienten lediglich darauf hin, dass das vor Gericht keinen guten Eindruck machen würde. Als Momo seine Ex vor den Augen der Polizei angreift, regt sich in Martinelli leiser Zweifel.

Zweifel, der sich zum Infragestellen ihres gesamten Lebensentwurfes steigert, als sie von ihrem Chef John Quante (Fritz Karl) einen weiteren Klienten bekommt: Der erfolgreiche Firmen-CEO Mike Petry (Felix Klare), Familienvater und Figur der Öffentlichkeit, wird beschuldigt, auf einer Dienstreise im Hotel seine Assistentin vergewaltigt zu haben. Der Fall soll keinesfalls vor Gericht kommen, weshalb die verunsicherte Anwältin einen Vergleich samt Entschädigung anstreben soll. Besonders brisant: Bei der Frau, die Petry des Verbrechens bezichtigt, handelt es sich um Martinellis gute Freundin Mirella Hayek (Franziska Hartmann), die schon einmal eine Vergewaltigung erlebte, bei der der Täter freigesprochen wurde.

Martinelli steht zwischen den Fronten: Sie will den Fall abgeben, doch ihre zynischen Kollegen wollen nur das Beste für den imagereichen Kunden. Zugleich scheint ihr Mirella das Engagement als Verteidigerin ihres übergriffigen Chefs nicht zu verzeihen: "Du glaubst mir nicht oder?", wirft sie der Anwältin mehrfach vor – und auch Donna, mit der sie das Gespräch von Frau zu Frau sucht, sagt: "Ich seh schon: Das geht Ihnen am Arsch vorbei". Mit seinen herausragenden Darstellern stellt das ZDF-Drama von Lars Becker die richtigen Fragen: Wann wird die Verteidigung möglicher Täter zynisch und falsch? Wie wichtig ist Solidarität zwischen Frauen? Soll man den Opfern uneingeschränkt glauben? Mit der Beantwortung macht es sich der sehr sehenswerte Film nicht leicht.

Wahrheit oder Lüge – Mo. 17.02. – ZDF: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH