Bei "Markus Lanz"

Extremismusforscher Mansour über Sylt-Video: "Das ist nicht Deutschland, das sind Rassisten"

01.06.2024, 08.54 Uhr
von Natascha Wittmann

Seit dem Gaza-Krieg hat der Hass gegen Juden in Deutschland zugenommen. Bei 'Markus Lanz' diskutierten Ahmad Mansour, Khola Maryam Hübsch und Murat Kaymat über die Ursprünge des muslimischen Antisemitismus und das entsetzliche Sylt-Video.

Aufkeimender Rassismus

Vor wenigen Tagen löste ein Handyvideo aus Sylt landesweites Entsetzen aus. Darin zu sehen: Mehrere junge Erwachsene, die zu einem Party-Hit die Nazi-Parolen "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" singen. "Als Sie das gesehen haben, was haben Sie da gedacht?", wollte Markus Lanz am Donnerstag von seinen Gästen wissen. Extremismusforscher Ahmad Mansour reagierte wenig überrascht: "Das existiert leider in Deutschland."

Gleichzeitig machte er jedoch auch deutlich: "Das ist nicht Deutschland. Das sind nicht die Deutschen. Das sind rassistische Menschen mit einer sehr rechtsradikalen, faschistischen Ideologie." Mansour stellte deshalb klar: "Ich gebe diesen Menschen nicht die Macht, über meine Zugehörigkeit zu entscheiden. Ich bin hier, um hier zu bleiben. Und deshalb will ich das nicht überbewerten." Dem konnte sich Jurist Murat Kaymat nur anschließen. Er wies jedoch auch daraufhin hin, dass das Phänomen aus Sylt kein neues sei, denn für ihn reihe es sich "in unseren Erfahrungshorizont des Großwerdens in dieser Gesellschaft" ein.

Der Jurist erklärte weiter: "Dieses Skandieren, 'Uns gehört dieses Land. Ihr seid die Fremden. Euch wollen wir hier nicht haben', sind Erzählungen, mit denen Menschen meines Jahrgangs aufgewachsen sind." Dennoch hakte Lanz nach, ob es sich bei dem Video aus Sylt um einen Beweis dafür handeln könnte, dass sich die Stimmungslage im Land weiter verschärft hat. Darauf reagierte Journalistin Khola Maryam Hübsch sichtlich wütend und machte vor allem die jüngsten medialen Debatten für den aufflammenden Rassismus verantwortlich. Sie sagte streng: "Wir haben wieder die Ausländerkriminalität rauf und runter diskutiert!"

Kritik am Vorgehen des Staates Israel ohne Antisemitismus

Laut Hübsch werde in den öffentlichen Debatten viel zu häufig der "Anteil von Kultur und Religion" in den Vordergrund gestellt, statt sich über die "sozialen Missstände" Gedanken zu machen und darüber zu sprechen, dass "Armut, sozioökonomischer Status, Bildungsteilhabe" die eigentlich "zentralen Faktoren" in der Ausländerkriminalität darstellen. "Da wundert es mich nicht, dass da am Ende der Rassismus steigt und Menschen 'Ausländer raus' schreien", stellte Hübsch wütend fest.

Extremismusforscher Ahmad Mansour konnte dem nicht zustimmen und konterte: "Ich glaube nicht, dass der Rassismus (...) einen Grund haben möchte, um rassistisch zu sein." Ihn störe deshalb, "dass wir jetzt diese Situation (...) instrumentalisieren wollen, um bestimmte Debatten zu vermeiden. Wenn wir über (...) Ausländerkriminalität sprechen, dann ist das eine legitime Debatte und das wird nicht dazu führen, dass irgendwelche Nazis irgendwelche Gründe bekommen, um mehr Ausländer zu hassen."

Als Khola Maryam Hübsch immer wieder darauf aufmerksam machte, dass der hohe Anteil von Straftätern ohne deutschen Pass mit Faktoren wie Armut zusammenhänge, platzte Ahmad Mansour der Kragen: "Das ist aber sehr entschuldigend." Der Extremismusforscher regte sich in dem Zusammenhang auch über die "selektive Empörung" in der Gesellschaft auf, was den Nahost-Konflikt – allen voran die pro-palästinensische Demo an der Berliner Humboldt-Universität - angehe.

"Wie kann es sein, dass wir bei den 'Ausländer raus' so empört sind, aber hier eigentlich kaum irgendwie Reaktionen zu spüren sind?", bekannte Mansour fassungslos. Laut des Experten sei Israel-Kritik völlig "legitim", aber "Hamas als Widerstandskämpfer zu bezeichnen", das habe "mit Israel-Kritik nichts zu tun". Theologe Mouhanad Khorchide warnte daraufhin, dass man das Eine nicht mit dem Anderen nicht gegeneinander "ausspielen" dürfe. Auch Khola Maryam Hübsch stellte klar, dass sie es falsch finde, jetzt so zu tun, als seien alle Antisemiten, "die im Moment auf das Leid in Palästina und das Leid in Gaza (...) aufmerksam machen wollen".

Ahmad Mansour ließ sich davon jedoch nicht beirren und erläuterte weiter, dass der muslimische Antisemitismus nicht von der Hand zu weisen sei: "Ich glaube, dass wir es uns sehr einfach machen, indem wir jetzt auch in dieser Runde nicht die Verantwortung übernehmen – die Verantwortung für Jahrzehnte Erziehung und Erzählungen, die anti-israelisch und anti-jüdisch und antisemitisch sind." Er ergänzte streng: "Wenn Frauen im Namen dieser Religion im Iran unterdrückt werden und wir schweigen, dann müssen wir die Frage stellen, warum reagieren wir auf das, was in Gaza passiert, anders?" Während Khola Maryam Hübsch diese Argumentation als "ganz schlechten Whataboutism" abtat, konterte Mansour: "Wir reagieren, weil das Feindbild Jude, weil das Feindbild Israel viel besser funktioniert als woanders!"

Dagegen wehrte sich die Journalistin jedoch und forderte: "Extremismus und Antisemitismus kann man nur bekämpfen, wenn man gleichzeitig auch antimuslimischen Rassismus bekämpft. Das gehört ganz eng miteinander zusammen." Mit ihrer Aussage stieß Hübsch jedoch nur auf wenig Zustimmung, denn auch der Jurist Murat Kaymat warnte eindringlich: "Wir haben ein gesellschaftliches Problem mit muslimischen Communities, in denen Judenhass gelernt wird, als etwas, was zu einem normalen Kenntnisstand, zu einem normalen Wissen über Juden, gehört." Er fügte nachdenklich hinzu: "Es gibt keine jüdische Wahnvorstellung, dass Muslime ihnen nicht wohlgesonnen sind. Es ist ein Fakt, dass es unter Muslimen Antisemitismus gibt."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das könnte Sie auch interessieren