Kriegsdrama

Neue Episoden der ukrainischen Serie "In Her Car" starten

06.08.2024, 07.13 Uhr
von Eric Leimann

Die bewegende ukrainische Serie "In Her Car" erzählt von Lydia, die während des Krieges Menschen in ihrem Auto durch das Land fährt. Neue Folgen sind ab 2. August in der ZDFmediathek und auf ZDFneo zu sehen. Jede Episode beleuchtet unterschiedliche Schicksale und stellt die Frage nach menschlichen Werten im Krieg.

ZDFneo
In Her Car
Serie • 06.08.2024 • 23:10 Uhr

Es ist schon ein beklemmendes Gefühl, der Psychotherapeutin Lydia (Anastasia Karpenko) bei ihrem "Kriegsdienst" zuzusehen. Der besteht – selbst gewählt – darin, Menschen, die dringend irgendwohin müssen, kostenlos im Privatwagen durchs Land zu fahren: an die Grenze nach Polen oder der Republik Moldau, aber auch mal nahe an die Front im Osten des Landes. In jeder Episode der ukrainischen Serie "In Her Car" lernt man einen oder mehrere Menschen in Lydias Auto kennen, die mit dem Krieg mal direkt, mal indirekt zu tun haben.

Die jeweils knapp 30 Minuten langen Folgen eins bis fünf stehen schon seit Februar 2024 in der ZDFmediathek. Nun geht das Projekt des ukrainischen Filmemachers Eugen Tunik, das von verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sendern Westeuropas unterstützt wird, weiter. ZDFneo zeigt fünf neue Folgen am Stück, in der Mediathek stehen alle mittlerweile zehn Episoden bereits ab Freitag, 2. August.

Zum Beispiel in der neuen Folge sechs mit einer Erzählung über die 13-jährige Solya (Anna Lagodna). Das Mädchen soll auf Bitte ihrer Mutter, einer Soldatin, von Lydia zum Vater nach Polen gefahren werden. Solya setzt sich aber während eines Zwischenstopps in Luzk auf eigene Faust ab. Dort verfolgt sie ein privates Ziel, das mit einem Familiengeheimnis zu tun hat.

Beklemmend sind nicht nur die in den Episoden gezeigten Schicksale der Protagonisten, sondern auch die Tatsache, dass man weiß: Dieses Roadmovie wurde tatsächlich in der Ukraine gedreht, während dort der Krieg seit mittlerweile zweieinhalb Jahren tobt. Wenn Lydia und ihre Passagiere eine Militärkolonne überholen, von Soldaten an gesperrten Straßen angehalten werden oder zerstörte Gebäude passieren – dann ist man sich nie wirklich sicher: Wurde dies für die Serie so inszeniert oder hat man die Szene mehr oder minder dokumentarisch "mitgenommen".

Dunkle Geheimnisse, die auch mit Russland zu tun haben

Die nunmehr zehn Episoden werden durch eine Rahmenhandlung rund um Lydias eigene Geschichte verbunden. Deren Ex-Mann Dmytro (Igor Koltovsky) scheint dunkle Geheimnisse zu hüten, die auch mit Russland zu tun haben. Hinter dem Projekt "In Her Car" stehen Sender wie ZDFneo, FTV (Frankreich), SRF (Schweiz), DR (Dänemark), NRK (Norwegen), RUV (Island) und SVT (Schweden).

Zu Beginn einer jeden Folge wird eine kurze Geschichte aus dem "Off" erzählt, die wie ein Märchen klingt. Danach folgen meist sehr persönliche Geschichten, in der die zu Anfang genannte "Moral der Geschicht" in der vom Krieg gebeutelten Ukraine auserzählt wird. Gut, dass man sich die zehn Folgen bei Mediatheken-Ansicht auch in kleine Portionen verpacken kann. Denn eine Erkenntnis der Serie lautet: Beim Krieg bleiben nicht nur Menschen, sondern auch ihre Werte und mitunter ihr moralischer Kompass auf der Strecke.

"War das jetzt der Anfang oder das Ende vom Alarm?"

Trotzdem erschafft die Serie mehr als nur gut gemeinte politische Solidarität. Gerade in der ukrainischen Version mit Untertiteln entsteht ein authentisches und facettenreiches Schicksals-Potpourri, das während eines noch andauernden Krieges direkt aus einem Land im Ausnahmezustand kommt. Oft sind es dabei kleine Szenen oder Geschichten, die sich im Gedächtnis festsetzen. So zum Beispiel, wenn Lydia eine Dorfstraße entlang läuft und ihr zwei alte Frauen begegnen, die schwer beladen Vorräte transportieren. Im Hintergrund heult – wie so oft in der Serie – eine Sirene.

"War das jetzt der Anfang oder das Ende vom Alarm?", fragt die eine. "Ach, weiß ich jetzt auch nicht", antwortet die andere. "Und hast du Kontakt zur russischen Verwandtschaft", will die erste Frau wissen. "Ja, aber denen haben sie ja alle das Gehirn gewaschen", meint die zweite. Mit politischen Statements wie diesem hält sich "In Her Car" trotzdem zurück. Vielmehr erzählen die Einzelschicksale der Episoden den Krieg als kritischen Teilchenbeschleuniger von Beziehungen: Darf ein starker junger Mann, der bald Vater wird, sich vor dem Kriegsdienst drücken? Soll man die junge Freundin des Ex-Ehemanns an die polnische Grenze fahren? Wie lebt es sich als schwuler Offizier in einer latent homophoben Kriegsgesellschaft? Und warum musste Lydias geliebte Schwester eigentlich sterben, als ihr Bus 2014 in der Region Luhansk beschossen wurde? "In Her Car" zeichnet Bilder, die anders sind als das, was man sonst von Dramen mit Kriegshintergrund gewohnt ist. Auch das macht die Serie zu etwas Besonderem.

In Her Car – Di. 06.08. – ZDFneo: 23.10 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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