Massive Attack

Begründer des Bristol Sound - Massive Attack: Grant Marshall, Robert Del Naja und Andrew Vowles (v.l.) Vergrößern
Begründer des Bristol Sound - Massive Attack: Grant Marshall, Robert Del Naja und Andrew Vowles (v.l.)
Massive Attack
Sternzeichen: Steinbock

Massive Attacks Heimatstadt Bristol war ein verschlafenes, unbekanntes Städtchen im Westen Englands. Doch dann ging ausgerechnet von dort eine der bedeutendsten musikalischen Entwicklungen der 90er Jahre aus. 1990, als ganz Großbritannnien zu immer schneller werdenden House und Techno Stücken tanzte, verschleppten Daddy Gee (Grant Marshall), 3D (Robert del Naja) und Mushroom (Andrew Vowles) plötzlich das Tempo: der Bristol Sound war geboren.

Die von dem Trio im klassischen Erstlingswerk "Blue Lines" entwickelte Fusion von langsamem HipHop, Dub und Reggee, ("Nenn unsere Musik 'Trip Hop' und es setzt was!", droht Zwei-Meter-Mann Daddy Gee halb ernst) machte nicht nur auf einen Schlag eine ganze Stadt zum Begriff, sondern schuf auch das musikalische Fundament, ohne die der heutige Erfolg vieler Bristoler Künstler undenkbar wäre. Kein Zufall, daß Geoff Barrow, der Chef von Portishead, früher als Studiogehilfe von Massive Attacke sein Geld verdiente und Tricky zum erstenmal auf der Massive Attack Single "Daydreaming" von sich Hören machte.

ln Bristol geht alles ein bißchen ruhiger zu", sagt 3D, leidenschaftlicher Funballfan und Graffitikünstler, "diese Ruhe brauchen wir, sie ist vielleicht das wichtigste Element in unserer Musik. Wo andere draufhauen, ist bei uns eine kleine, stille Pause, in der man nichts hört - die berührt dich mehr, als es ein Drumbeat je könnte."

Leider fallen die Pausen bei den Jungs mitunter etwas länger aus - getreu dem Bandmotto "If it's worth doing, it's worth doing slowly" haben sich die drei aus Bristol mit ihrem neuen Album mal wieder viel Zeit gelassen. Doch das lange Warten hat sich gelohnt. Nach "vier Jahren Tour, Studio, Videospielen und Faulenzen" (3D) kehren Massive Attack mit "Mezzanine" zurück - einem Werk, das sie einmal mehr in ihrer Ausnahmestellung als eine der innovativsten, coolsten und wichtigsten Bands der 90er Jahre bestätigt.

"Dieses Album", erklärt 3D, "funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Es ist laut und leise zugleich. Zwischen diesen Extremen gibt es eine Bewegung, eine Reise!' Daddy Gee nickt zustimmend: "Klubmusik funktioniert, weil sie unmittelbar ist. Sie ist brutal, eindimensional, für den Moment bestimmt. Diese Brutalität ist wichtig für uns; das sind unsere Wurzeln, dort kommen wir her. Aber bei "Mezzanine' ging es uns wie immer um mehr: unser Anspruch ist es, Stücke mit echter Tiefe und Komplexität produzieren; Songs, die man vielleicht erst dreimal hören muß, dann aber das ganze Leben nicht mehr vergißt."

Die erste Single-Auskopplung "Teardrop" macht dieses Versprechen wahr. Sie ist ein funkelndes Juwel aus Langsamkeit, Groove und Melancholie, bezaubernd und unnachahmlich gesungen von Elizabeth Fraser, die in den 80er Jahre Sängerin der Popband Cocteau Twins war. "Ein Klassiker wie 'Untinished Sympathy'", urteilte The Face.

Neben Fraser, die drei weiteren Stücken Eleganz und Zerbrechlichkeit verleiht, ist Sara Jay die zweite weibliche Stimme auf "Mezzenine". Jay, die seit Jahren die Gesangsparts bei den Liveauftritten der Band übernimmt, läßt als Vokalistin auf dem traurig-schönen "Dissolved Girl" renommierte Vorgängerinnen wie Tracey Thorn oder Shara Nelson glatt in Vergessenheit geraten.

Aber man begegnet auch dunkleren Stellen in der neuen Massive-Attack-Klangwelt. Das im letzten Jahr veröffentlichte "Rising Son" deutete schon an, daß sich diesmal auch ein paar härtere Klänge unter die rollenden Beats und sanften Meladien mischen würden. Aus "Angel", im Original ein Studio-One-Klassiker, macht das Trio einen dichten, düstereren Dub-Nebel, durch den allein die fantastische Stimme von Altstar Horace Andy warm hindurchscheint.

1983, als amerikanischer HipHop wie ein Meteorit in der musikalischen Landschaft des urbanen Englands einschlug, formierten sich die drei Jungs aus Bristol zum Wild Bunch Soundsystem zusammen (benannt nach Sam Peckinpahs blutigem Western-Klassiker), um zahlreiche illegale Parties und Straßenfeste mit ihren DJ-Sets aus Punk, Reggae, Elektro und Old School aufzumischen. "Punk, Reggae und HipHop hatten musikalisch nicht viel gemeinsam", erinnert sich Daddy Gee, der seinerzeit im "Revolver"- Laden als Plattenverkäufer arbeitete, "aber die drei Musikformen teilten die selbe Haltung: in ihnen drückte sich das Gefühl der Rebellion aus."

Regelmäßige Auftritte im legendären Dug Out Club brachten den Bristolern nach ersten Single-Versuchen 1990 einen Major Plattenvertrag mit dem Virgin-Label Circa ein. Wild Bunch Mitglied Nellee Hooper war mittlerweile seine eigenen Wege gegangen, (er sollte später als Produzent von Soul II Soul, Björk und Madonna zu eigenem Weltruhm kommen) und so nannten sich die Drei Massive Attack. Der Golfkrieg im Frühjahr 1991 zwang das Trio, sich vorübergehend in "Massive" umzubennen - Bands mit militaristisch anmutenden Namen oder Songs wurden vom britischen Radio boykottiert - doch auch das konnte den beispiellosen Erfolg des Debutalbums "Blue Lines" nicht aufhalten.

1994 enstand mit dem ebenso erfolgreichen "Protection" ein Nachfolger, der Massive Attack endgültig als unangefochtene Meister der HipHop-Melancholie auswies (nicht umsonst nannte die Band ihr letztes Jahr gegründetes eigenes Label auch ,Melankolic'). Nachdem Tracey Thorn (Everything But The Girl) und Nicolette (Talkin' Loud) auf "Protection" in Gastauftritten glänzen durften, kam im Jahr darauf ein Anruf von einer anderen Sängerin: "Madonna war am Telefon", lächelt 3D, "und erzählte, wie sehr sie unsere Musik liebt, da mußten wir ihr einfach den Gefallen tun und mit ihr zusammenarbeiten." Heraus kam "I Want You", das auf dem Marvin Gaye "Tribute"-Album und auf Madonnas "Something To Remember" zu finden ist.

Auch Regisseure reißen sich darum, MassiveAttack-Songs in ihren Filmen zu verwenden - die Soundtracks von so unterschiedlichen Werken wie "Batman Forvever", "187", "Welcome to Sarajewo", "Der Schakal", "Scream 2" und "The Replacement Killers" können mit einem Stückchen HipHop Blues aus Bristol aufwarten.


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