Michel Deville

Lesermeinung
Geboren
13.04.1931 in Boulogne sur Seine, Frankreich
Alter
90 Jahre
Sternzeichen
Biografie
Michel Deville besucht die Saint Cloud Schule und dreht dort den ersten Kurzfilm "Gasconnades" in 8-mm. Nach dem Abitur studiert er Soziologie in Paris. Erst schließt er sich einer Laienspielgruppe an und spürt bald sein Talent. 1951 trifft er auf Henri Decoin, der ihn als Volontär engagiert und später als Regieassistenten einstellt. Das bleibt er bis 1957 und arbeitet mit an "Die Wahrheit über meine Ehe", "Im Schlafsaal der großen Mädchen" (1953) und "Kavalliere" (1957).

1958 beginnt Deville selbst zu inszenieren. Zusammen mit Charles Gérard dreht er seinen ersten Spielfilm "Eine Kugel im Lauf". Mit dem Bühnenregisseur Jean Meyer gemeinsam verfilmt er dessen Inszenierungen "Der Bürger als Edelmann" (1958) von Moliére und Beaumarchais' "Die Hochzeit des Figaro" (1959).

Mit Nina Companeez, Tochter des berühmten Jacques Companeez ("Nachtasyl", "Goldhelm"), die lange seine Co-Autorin, Cutterin und Lebenspartnerin ist, schreibt er 1960 erstmals auch das Drehbuch zum Film "Ce soir ou jamais", eine erotische Komödie, die er meisterhaft verfilmt.

Das gilt auch für die nächsten Filme. Zumal die Komödie lange sein besonderes Faible bleibt: "Spiel der Lüge" (1961), "Alles wegen diesen Frauen" (1962) sowie "Gangster, Geld und flotte Mädchen" (1963). Dann macht er sich als Regisseur selbständig und als Produzent unabhängig, doch das bekommt seinen Filmen weniger. Sie werden konventioneller wie "Lucky Jo" (1964) mit Eddie Constantine und "Zärtliche Haie" (1966) mit Mario Adorf.

Mit "Benjamin - aus dem Tagebuch einer männlichen Jungfrau" (1967) knüpft er noch einmal an die frühere Leichtigkeit an: Da lacht, flirrt und hascht es durch den zartgrünen Wald, da kichern wohlgeformte Zofen und hold werbend lockt die edle Dame den zarten Benjamin vom Pferd herab. Stilvoll, in delikate Farben gehüllt, gefällige Unterhaltung, aber locker, flockig inszeniert.

In "Der Bär und die Puppe" (1970) präsentiert Deville Brigitte Bardot und Jean Pierre Cassel in allerbester Form. BB spielt eine junge Frau, die sich einen verträumten Musiker ausgeguckt hat. Der kapiert überhaupt nicht, was sie von ihm will. Doch dann setzt sie das ganze Arsenal weiblicher Tricks ein... Nina Companeez hatte die Idee, hat den Film geschrieben, geschnitten und selbst eine kleine Charakterrolle gespielt, ihr Ehemann jedoch inszenierte den Film heiter, locker und zügig im Stile der amerikanischen Screwball-Komödien.

"Die unbekannte Schöne" (1972) mit Lea Massari und Michel Piccoli erzählt die zuweilen plastischen Tagträume eines Musikers mit grauen Schläfen, der nach einer flüchtigen Begegnung mit einer schönen Unbekannten nicht mehr ruht, sie zu finden, mit einer Besessenheit, die ihn Beruf und Freundin vergessen läßt, die ihm den Appetit verschlägt und den Schlaf raubt. Kneipen und Kinos, Straßen und Parks von Paris werden zum Jagdrevier, Freundinnen und Freunde zu Helfern bei dem vergeblichen Kesseltreiben. Die Pointe liegt in der Rollenbesetzung: Die Frau, mit der er zusammenlebt, wird von derselben Schauspielerin dargestellt wie die Unbekannte... Devilles Rezept geht auf, weil die beiden Hauptdarsteller von außergewöhnlicher Feinfühligkeit und Wandlungsfähigkeit sind, beide zwischen Empfindsamkeit und Zynismus, zwischen Liebe und Verachtung schwankend.

Trotz brillanter Besetzung mit Romy Schneider, Jean-Pierre Cassel und Jean-Louis Trintignant, ist "Das wilde Schaf" (1973) - die Geschichte vom kleinen Bankangestellten, der mit seinem Schriftsteller-Freund plant, einflussreiche Frauen zu verführen - weniger lustig, dafür aber in der Dramatik unübertroffen. Vielleicht liegt es daran, dass nicht Nina Companeez, sondern Christopher Frank das Drehbuch geschrieben hat.

Originell wird dann wieder der späte Deville, sowohl vom Buch, der Regie und dem Spiel bei "Gefahr im Verzug" (1984). Ein Verwirrspiel im Dschungel der Gefühle: Ein Orpheus mit Gitarre gerät in ein gefährliches Netz von Mord und Spionage. Die Mutter empfängt den jungen Musiklehrer ihrer Tochter mit bebendem Busen, der Ehemann schaut geheimnisvoll tiefgründig drein. Da gibt es noch das Töchterlein, das sagt: "Hat Ihnen meine Mutter übrigens gesagt, dass ich mit jedem Mann schlafe?" Die Mutter hat leichtes Spiel mit dem schönen Jungen, der Ehemann zeigt, dass er es bemerkt und eine geile Nachbarin ergötzt sich mit dem Teleobjektiv. Doch dann erscheint beim jungen Mann der Berufskiller - und auch da wird es noch nicht ganz ernst...

Wie reife Spätwerke von Deville muten das wundervolle Kinogedicht "Die Vorleserin" (1988) und der sensibel aber kühle Hochglanzkrimi "Sweetheart" (1992) an. "Die Vorleserin" versetzt sich in die Protagonistin des Romans, den sie liest, sie hat einen seltsamen Kundenkreis, bei dem immer Erotik mit im Spiel ist. Zur Lust am Sehen und am Zuhören kommt die Lust am Anfassen. Den Kriminalroman von Andrew Coburn haben Deville und seine Frau Rosalinde beim Drehbuchschreiben völlig auf die Beziehungen der Menschen untereinander reduziert.

Weitere Filme von Michel Deville: "Der Dieb der Mona Lisa" (1966), General Fiaskone" (1966), "Bye, bye, Barbara" (1968), "Raphael, der Wüstling" (1971), "Auch Betrügen will gelernt sein" (1977), "Ohne Datenschutz/Dossier 51" (1978); "Reise in die Zärtlichkeit" (1979), "Stille Wasser" (1981), "Die kleine Bande" (1983), "Le Paltoquet" (1986), "Eine Sommernacht in der Stadt" (1990), "Contre l'oubli" (1991), "Die kleinen Freunden des Lebens" (1993), "Ein Gott kommt selten allein" (1997) und "La maladie de Sachs" (1999).

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