Jean Becker

Lesermeinung
Geboren
10.05.1938 in Paris, Frankreich
Alter
84 Jahre
Sternzeichen
Biografie
Jean Becker, der Sohn des berühmten Filmregisseurs Jacques Becker, beginnt als Regieassistent bei seinem Vater ("Wenn es Nacht wird in Paris", "Ali Baba et les quarante voleurs" - beide 1954 - und "Die Verliebten von Montparnasse" - 1958), sowie bei Henri Verneuil ("Ferien für den Musterknaben" - 1959). 1960 beendet er den Film seines Vaters "Das Loch", nachdem dieser überraschend im Februar 1960 stirbt. Ein Jahr später dreht Jean seinen ersten eigenen Film: "Sie nannten ihn Rocca" mit Jean-Paul Belmondo und Christine Kaufmann. Der wird ein Erfolg beim Publikum, aber die Kritik ist nicht zufrieden; zu wenig Eigenwilliges, zu wenig persönlicher Stil - wie bei den ersten Versuchen von Max Ophüls' Sohn Marcel, der später als Dokumentarist einen sehr persönlichen, eigenen Weg geht.

Immerhin ist die von José Giovanni geschriebene Story schon so stark, dass der Film gut unterhält. Belmondo jedoch fühlt sich offensichtlich zu den Söhnen der großen französischen Regisseure hingezogen. 1963 spielt er bei Marcel Ophüls in "Heißes Pflaster", ein Jahr später im nächsten Film von Jean Becker, diesmal an der Seite von Jean Seberg, in "Der Boss hat sich was ausgedacht". Es gibt eine Reihe hübscher Einfälle, die Story hat Esprit; doch die Inszenierung und auch die Schauspielführung blieben weit hinter dem vergnüglichen Kriminalstoff zurück. Es geht um 300 Kilo Gold, die möglichst unauffällig per PKW in den Orient geschafft werden sollen. Der Misserfolg des dritten Jean-Becker-Films "Geliebter Schuft" (1966) - wieder mit Belmondo - war nicht zu übersehen, so dass der junge Mann keine weiteren Arbeitsmöglichkeiten fürs Kino hatte. Doch fürs Fernsehen inszenierte Jean Becker bis 1970 30 Folgen der überaus erfolgreichen Serie "Eine französische Ehe" und kam schließlich auch im Werbefernsehen unter.

Erst 1983 kehrt Becker mit einem Film auf die Leinwand zurück - und diesmal hat er Glück: "Ein mörderischer Sommer" wird ein durchschlagender Erfolg. Isabelle Adjanis Spiel und das ausgezeichnete Drehbuch von Sebastian Japrisot lassen die Regie-Mängel vergessen, zumal Becker diesmal wirklich so etwas wie einen eigenen Stil erahnen lässt. Aus der Geschichte der Kindfrau auf Männerjagd wird ein Psychokrimi um ein tödliches Wesen zwischen Unschuld und Verführerin von faszinierender Spannkraft. 1995 schließlich gelingt ihm mit "Elisa", vor allem auch dank der hervorragenden Kamera seines Bruders Etienne (der auch "Ein mörderischer Sommer" fotografierte), ein altmodischer, melodramatischer Film. Marie, Solange und Ahmed gehören zu dem Heer wilder Kinder, die die Straßen von Paris bevölkern. Sie leben in den Tag, sind heiter, verspielt, in gewisser Weise unschuldig. Sie unternehmen kleine Diebstähle und Betrügereien, die beiden 17-jährigen Mädchen suchen sich auch schon einmal einen Freier und der 14-jährige Marokkaner Ahmed beschützt seine beiden Freundinnen. Doch so unbeschwert wie sie sich geben, sind die drei heranwachsenden Kinder nicht, vor allem Marie leidet unter einem Trauma. Sie macht sich auf die Suche nach dem verhassten Vater (Gérard Depardieu). Wunderbare Kamera, brillante Schauspieler, vor allem die aufregende Kindfrau Vanessa Paradis (Marie), jene bekannte Pop-Göre, die für die erste Filmrolle in "Weiße Hochzeit" von Jean-Claude Brisseau 1990 mit dem César als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde.

Becker hat in fast 50 Jahren nur 14 Filme gedreht, allein 12 Jahre liegen zwischen "Mörderischer Sommer" und "Elisa". Bei aller großen Dramatik fängt er hier feinfühlig Stimmungen ein und selbst gewagte Szenen verlieren unter seiner sicheren Hand an Peinlichkeit. Und auch die kleinen Anleihen bei berühmten Filmszenen von Peter Bogdanovich oder Don Siegel verzeiht man ihm gerne. Und wenngleich Gérard Depardieu in der Rolle des Bohemiens und Vaters eigentlich eine seiner vielen Klischeerollen spielt - den Bär mit Herz - so ist er hier durchaus distanziert und lässt Vanessa an seiner Seite Raum. Vor allem mit seinen letzten Filmen lief Becker zu großer Form auf: 1999 folgte mit "Ein Sommer auf dem Lande" ein weiterer faszinierender Bilderreigen, ebenso gelungen ist Beckers Drama "Dialog mit meinem Gärtner" (2007) und "Tage oder Stunden" (2008). 2010 überraschte er mit "Das Labyrinth der Wörter".

Weitere Filme von Jean Becker: "Pas de caviar pour tante Olga" (1965), "Amnesty International - Schreiben gegen das Vergessen" (eine Episode, 1991), "Ne m'appelez pas ma petite" (TV, 1994), "Un crime au paradis" (2001) und "Effroyables jardins" (2003). Becker schrieb die Drehbücher zu all seinen Filmen selbst. Außerdem übernahm er Gastrollen in "Dites-le avec des fleurs" (1974), "Emmenez-moi au Ritz" (TV, 1977), "La fabrique, un conte de Noël" (TV), "Confidences pour confidences" (beide 1979), "La femme du cosmonaute" (1998) und "Mes stars et moi" (2008).

Foto: Arsenal (Central)

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