Bertrand Tavernier

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Schuld und Sühne im "Saustall": Bertrand Tavernier
Fotoquelle: cinemafestival/shutterstock.com
Bertrand Tavernier
Geboren: 25.04.1941 in Lyon, Frankreich

Ein kleiner, gedemütigter Kolonialbeamter in Westafrika überwindet eines Tages sein Phlegma und wird zum Amokläufer. Ein bedauernswertes Scheusal betreit eine verkommene Welt vom Unrat und geht selbst wie ein Unbescholtener durch die Szene. Mit "Der Saustall" (1981) nach Jim Thompson hat sich Bertrand Tavernier nach wenigen Filmen zum wichtigsten französischen Regisseur nach der Nouvelle Vague aufgeschwungen.

Er studiert zwei Jahre lang Jura, dann interessiert er sich fürs Kino. Ein Interview mit Jean-Pierre Melville bei den Dreharbeiten von "Eva und der Priester" (1961) bringt ihn zum Film. Er macht ein Praktikum bei Melville, dann wird er Pressebeauftragter von Produzent Georges de Beauregard und arbeitet für eine Reihe von Zeitschriften wie 'Lettres Francaises', 'Cinema 60', 'Télérama', 'Positif' und 'Les Cahiers du Cinéma'. Zusammen mit Bernard Martinand und Yves Martin gründet er 'Cercle du Nickel-Odeon' zu dem Zweck, alte Filmkopien aufzuspüren, sie vor dem Untergang zu retten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen; darunter auch Fritz Langs "Engel der Gejagten".

1963 gibt Beauregarde fünf jungen Regieanwärtern die Chance, innerhalb von fünf Drehtagen unter dem Gemeinschaftstitel "Les baisers" ihre Begabung zu beweisen. Tavernier dreht "Der Judas-Kuss" mit Laetitia Roman und William Sabatier. Ein Jahr darauf steuert er zu dem Episodenfilm "Schräger Charme und tolle Chancen" den Beitrag "Une chant explosive" mit Bertrand Blier und Michel Auclair bei.

Bis 1972 arbeitet Tavernier als unabhängiger Pressebetreuer und wird mit zahlreichen Regisseuren und Schauspielern bekannt. Er betreut Filme von Raoul Walsh, Howard Hawks, John Ford, holt Don Siegel und Clint Eastwood nach Paris, um das Drama "Betrogen" (1971) vorzustellen. Es wird der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Gleichzeitig schreibt er an Drehbüchern zu Filmen wie "Coplan ouvre le feu à Mexico" (Regie: Riccardo Fredda) und "Capitaine Singrid" (Regie: Jean Luduc), bringt zusammen mit Jean-Pierre Coursodon das Buch "30 Jahre amerikanischer Film" heraus und ist an Büchern über den Western und Humphrey Bogart beteiligt.

"Der Uhrmacher von St. Paul" (1974) nach Georges Simenon mit Philippe Noiret und Jean Rochefort ist sein erster Film: Ein junges Paar hat einen Werkpolizisten erschossen, der in eine Gruppe streikender Arbeiter gefahren ist. Der Vater fühlt sich mitverantwortlich für die Tat seines Sohnes und findet in Kommissar Guiboud einen Gesprächspartner. Exjournalist Tavernier lässt sich unendlich viel Zeit, den Fall ganz aus der Peripherie heraus zu entwickeln. Für die präzise Regie erhält er den Prix Louis Delluc. 1975 folgt "Wenn das Fest beginnt ...", ein Film über Philippe von Orleans, 1715 bis 1726 französischer König, eine Randfigur der Geschichte, die durch ausschweifendes Leben das arme Volk verärgert. Die böse Satire ist auf den Schluss hin angelegt: Dort nämlich zünden die Bauern die leere Kutsche des Herrschers an und prophezeien: "Wir werden noch viel mehr verbrennen." 1789 regierten Blut und Flammen Frankreich.

1976 dann "Der Richter und der Mörder", ein eindrucksvolles Krimi-Psychodrama mit Noiret und Isabelle Huppert, 1977 "Verwöhnte Kinder" mit Michel Piccoli und Christine Pascal. "Der gekaufte Tod" (1979) mit Romy Schneider und Harvey Keitel ist ein beunruhigend realistischer Sciencefiction-Film um eine gefeierte Schriftstellerin, die nicht mehr lange leben wird und sich von TV-Leuten bewegen lässt, ihr Leben und Sterben zum Medienereignis zu machen. Live am Bildschirm soll der Zuschauer bei ihr sein. Bald bekommt die Frau Panik und flieht. Doch längst zeichnet die Kamera - implantiert im Auge eines vermeintlichen Helfers - ihr Leben auf. Die skurrile Zukunftsvision hält die Verbindung zu unserer Welt: Die Macht der Medien nimmt dem Menschen jede Intimität. Doch Tavernier geht es in diesem Film noch nicht um die Entlarvung dieser Wahrheit, sondern er sucht nach einem idyllischen Ausweg.

"Ferien für eine Woche" (1980) zeigt Nathalie Baye als Lehrerin zwischen lernunwilligen und faulen Schülern. "Der Saustall" von 1981 ist nicht nur einer seiner bösesten und besten Filme, sondern auch eine der wenigen gelungenen Adaptionen der sehr schwarzen Kriminalromane von Jim Thompson. Hinter dem offensichtlichen Zynismus zeigt sich eine hochmoralische, dabei erschreckend komischen Reflexion über Schuld und Sühne - ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit verstörender Lust am Schock.

Ein sehr poesievoller Film ist dagegen "Ein Sonntag auf dem Lande" (1984), der in kleinen Details das Wesentliche einzelner Menschen enthüllt und den Charakter der Zeit - es ist 1912 - offenlegt. Pierre Bosts Roman, auf dem das Drehbuch beruht, heißt "Moniseur Ladmiral wird bald sterben". Diese Totenstimmung kennzeichnet auch den Film. Die Nähe zum Ersten Weltkrieg zeichnet sich ebenso deutlich ab, wie das Auf-der-Stelle-Verharren der Gesellschaft jener Zeit, die zu einem Aufschwung aus der Lethargie nicht fähig ist. Inszeniert ist das in erlesen schönen Bildern, deren Farbgebung immer wieder an die Leuchtkraft impressionistischer Gemälde erinnert.

Seine Liebe zum Jazz offenbart Tavernier in dem meisterhaften Jazzfilm "Um Mitternacht" von 1986. Der schwarze Jazz-Saxophonist Dale Turner kommt 1959 nach Paris. Der durch seinen Alkoholkonsum heruntergekommene Virtuose will ein Comeback versuchen. Ein guter Freund und Förderer nimmt sich seiner an und verhilft ihm zu neuem Erfolg. Zurück in New York verlottert der Musiker wieder. Ein Film über eine Zeit, über Menschen, die mit der Musik verwurzelt sind, über Rhythmus und Musikalität. Die Musik stammt von Herbie Hancock, der Protagonist wurde vom Leben der Jazzlegende Lester Young inspiriert.

Das im Mittelalter spielende Kostümdrama "La Passion Beatrice" von 1987 ist ein beeindruckender Film über Glaube und Verzweiflung, Liebe und Hass, Gut und Böse. Als den "Beginn einer Liebesgeschichte in einem Land, das wieder lernt, in Frieden zu leben" bezeichnet Tavernier seinen Film "Das Leben und nichts anderes" (1988), der sich so konsequent wie nie zuvor mit der Degeneration des Menschen durch den Krieg befasst. Wenn die Geschichte beginnt, sind die Schlachten längst geschlagen, die Wunden ausgeblutet. Man schreibt das Jahr 1920, der Krieg ist vorbei, doch auf dem Feld detoniert eine Granate, im Eisenbahntunnel explodiert ein Zug. Der Krieg ist stets gegenwärtig, nicht sichtbar, aber fühlbar. Heroismus wird bitterstem Spott ausgesetzt. "Ihr seid ein Verein der siegreichen Helden und auf der anderen Seite gibt es dann den Verein der besiegten Helden. Es sind Männervereine, Frauen fürchtet ihr", sagt eine Frau. Die Schlacht ist geschlagen, doch der Krieg ist nicht vorbei. Ein bedeutender, aufregender, irritierender Film.

In "Daddy Nostalgie" (1990) kehrt die Drehbuchautorin Caroline für einige Wochen nach Südfrankreich ins Haus ihres Vaters zurück. Er ist schwerkrank und wird bald sterben. Tavernier und sein Kameramann Denis Lenoir finden Bilder der Ruhe und der inneren Einkehr. Die Gespräche zwischen Vater und Tochter sind ein Beleg, dass in unserer hektischen Welt noch die Fähigkeit zu kommunizieren existiert. "Krieg ohne Namen" (1991) dagegen ist ein vierstündiger Dokumentarfilm über den Algerienkrieg. In und um Grenoble befragt Tavernier Zeitzeugen und schneidet aus über 50 Stunden Dokumentarmaterial ein Werk der Trauer.

Der geradezu naturalistische Polizeifilm "Auf offener Straße" (1992) zeigt die Kehrseite der Lichterstadt Paris. In schmuddligen Gassen zwischen Müll und Staub, Dealern und Fahndern blitzen für Sekunden die Wahrzeichen der Stadt auf, der Eifelturm, die Champs, der Arc. Tavernier sticht in eine Wunde und zeigt die Hilflosigkeit des Polizeiapparats gegen das Drogengeschäft mit der Jugend als Opfer; die Polizisten schlagen sich mit einer hochgradig demotivierenden Sisyphusarbeit herum. Mit der angenehm betulichen, launigen Dumas-Weiterdichtung "D'Artagnans Tochter" (1994) beschritt Tavernier ganz andere Wege. Die vier Musketiere (u.a. Philippe Noiret) sind in die Jahre gekommen und etwas müde, als sie noch einmal zum Degen greifen müssen. Auslöser ist eine simple Wäscheliste, die für eine verschlüsselte Botschaft über eine Verschwörung gehalten wird. Und als ein unbegabter Poet über D'Artagnans hübsche Tochter (Sophie Marceau) schlechte Gedichte verzapft, werden auch diese Ergüsse für codierte Nachrichten gehalten, was reichlich Verwirrung auslöst. Eine hübsche Gelegenheitsarbeit ohne großartigen Kunstanspruch.

"Der Lockvogel" (1994) ist Taverniers umstrittendster Film: Nathalie, Eric und Bruno haben den Plan, Nathalies Verehrer auszurauben, um zu Geld für eine Geschäftskette zu kommen. Doch das Trio stellt sich so blödsinnig an, dass es in einer Tragödie endet: Zwei Männer werden totgeschlagen, die Beute ist gering, es hat sich nicht gelohnt. Das Erschreckende an Taverniers Film: Diese bestialischen Jugendlichen wirken sympathisch, freundlich, absolut normal. Bei aller Brillanz ein zwiespältiger Film, der dennoch bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Im eigenen Land handelte er sich für sein Werk heftige Vorwürfe ein: Es sei reaktionär, Amerika feindlich, aufdringlich moralisch und so weiter.

1996 inszenierte Tavernier den nachdenklich stimmenden Kriegsfilm "Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges" und 1998 das unstimmige Sozialdrama "Es beginnt heute". Tavernier gilt als der große Humanist des französischen Kinos. Wie kaum ein anderer Regisseur verbindet er historische und soziale Neugier mit differenzierten Charakterstudien. Er stellt seine Figuren in ambivalente Situationen und überlässt es den Zuschauern, moralische Schlüsse zu ziehen. So auch in dem Drama "Holy Lola" (2004), in dem sich eine Kindessuche als Mischung aus packendem Abenteuer, zarter Liebesgeschichte und sensiblen Melodram entpuppt. Und das in Kambodscha, in dem Franzosen als ehemalige Kolonialisten nicht gerade gern gesehen sind. Tavernier schafft es hier erneut, aus den Schauspielern wahre Glanzleistungen heraus zu kitzeln.


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