Das unbekannte Mädchen
Spielfilm, Drama • 15.09.2021 • 20:15 - 21:55
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Die Ärztin Jenny (Adèle Haenel) wird von Schuldgefühlen geplagt.
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Am Fluss wurde das tote Mädchen gefunden, das in der Praxis von Jenny (Adèle Haenel) Zuflucht suchte, aber nicht fand.
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Jenny (Adèle Haenel) bittet den Ex-Praktikanten der Praxis um Hilfe.
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Bryan (Louka Minnella) scheint etwas über das tote Mädchen zu wissen. Doch er weigert sich, Jenny (Adèle Haenel) Auskunft zu geben.
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Dass Jenny (Adèle Haenel) auf eigene Faust nach der wahren Identität des Mädchens sucht, gefällt einem Zuhälter (Marc Zinga) gar nicht.
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Originaltitel
La fille inconnue
Produktionsland
B, F
Produktionsdatum
2016
Altersfreigabe
6+
Kinostart
Do., 15. Dezember 2016
Spielfilm, Drama

Krimi à la Dardenne

Von Diemuth Schmidt

Die Dardenne-Brüder widmen sich in ihrem zehnten Spielfilm dem Thema Medizin und bringen eine junge Ärztin in eine schwierige Situation.

Hartnäckigkeit gehört zu den wichtigsten Eigenschaften der Heldinnen in den Filmen der belgischen Dardenne-Brüder. Die Protagonistinnen kämpften bisher mit viel Energie um Dinge wie ihre Arbeit oder das Wohlergehen anderer. Auch Jenny aus "Das unbekannte Mädchen" passt in diese Reihe. Ein Fehler bringt sie dazu, für ihren Seelenfrieden schon fast kriminalistische Nachforschungen anzustellen. Die sonst bei den Regisseuren so meisterhaft entwickelte dramatisch-emotionale Zwickmühle fehlt allerdings – das gereicht dem Drama zum Nachteil. ARTE zeigt den Film aus dem Jahr 2016 nun erstmals im Free-TV.

Wieder einmal führt ein Film der Dardennes nach Seraing, den Industrievorort in der belgischen Provinz Lüttich, in dem Jean-Pierre und Luc selbst aufwuchsen. Ein trister Ort, an dem die sozial schwachen, von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen leben. Die junge Ärztin Jenny (Adèle Haenel) führt hier übergangsweise für einen in Rente gegangenen Kollegen dessen Hausarztpraxis. Wenn sie das Fenster öffnet, dringt das penetrante Rauschen der Fahrzeuge von der Schnellstraße herein. Jenny stört das nicht, sie ist sorgfältig und professionell bei der Sache, auch wenn die Tage lang sind und sie meistens allein arbeitet.

Innere Konflikte werden verschwiegen

An jenem besonderen Abend, an dem der Film einsetzt, ist außer ihr noch der Praktikant und Student Julien (Olivier Bonnaud) anwesend. Die Stimmung ist angespannt, Jenny hat ihm heute eindringlich erläutert, wie wichtig es für einen Arzt sei, sich nicht auf seine Gefühle und den Instinkt bei einer Untersuchung zu verlassen. Zu später Stunde – nach Ende der Sprechstunde – klingelt es unten, doch Jenny öffnet nicht. Wäre es ein Notfall, dann hätte derjenige noch einmal geklingelt, erklärt sie Julien. Am nächsten Tag kommt die Polizei zu ihr; sie erfährt, dass eine schwarze junge Frau tot aufgefunden wurde. Ihre Identität konnte nicht ermittelt werden.

Die Videobänder der Praxis zeigen, dass es die später Verstorbene war, die geklingelt hatte. Der professionellen Ärztin unterlief ein Fehler, aber trägt sie auch Schuld? Jenny beginnt, Nachforschungen anzustellen, um herauszufinden, wer die Frau war. Auf ihrer Spurensuche klappert sie Zeugen ab und beweist Hartnäckigkeit. Die Dardenne-Brüder verraten dabei wenig über Jenny und ihre inneren Konflikte; die Hauptfigur lebt allein und macht alles mit sich selbst aus. Ihre Handlungen jedoch offenbaren, was in ihr vorgeht. Die Medizinerin stellt ihre eigene Laufbahn in Frage – vor allem den gut bezahlten und prestigeträchtigen Posten in der Stadt, den sie eigentlich antreten wollte.

Ein Plädoyer für das Gesundheitssystem

Man sieht zu, fühlt aber nicht mit. Zu privat und speziell scheint die Frage um Schuld oder Nicht-Schuld, die Frage, ob sich Dinge wieder gutmachen lassen. Und doch lohnt es zuzuschauen – insbesondere wegen der Szenen, in denen Jenny sich mit ihren Patienten beschäftigt. Die herausragende Schauspielerin Adèle Haenel zeigt brillant, wie man als Ärztin selbstsicher und uneitel überzeugend arbeitet, auf die Menschen eingeht, ohne sie mit unprofessionellen Gefühlen zu belasten. Das wird besonders bei den Hausbesuchen deutlich, in denen sie mit schweren Fällen konfrontiert wird. Bei ihr fühlen sich alle in guten Händen, das spürt auch das Fernsehpublikum.

Schwach dagegen wirkt die Auflösung der Frage nach der Identität des Mädchens. Es schleicht sich das Gefühl ein, dass allzu theoretisch ein dramaturgisches Konstrukt angelegt wurde. Man merkt: Als Garanten für Meisterwerke haben es die regieführenden Dardenne-Brüder wirklich schwer. Das Publikum erwartet Filme von ihnen, die moralisch herausfordern und bei der Suche nach einer Lösung emotional mitnehmen. Das alles ist bei "Das unbekannte Mädchen" nicht der Fall. Dank der überzeugenden Hauptdarstellerin begegnet das Drama dem medizinischen Kontext aber dennoch mit Gespür und liefert ein Plädoyer für ein Gesundheitssystem, das den ganzen Menschen und seine Situation in der Gesellschaft sieht.

Das unbekannte Mädchen – Mi. 15.09. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Der Trailer zu "Das unbekannte Mädchen"

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