Natalia Wörner weiß, was sie will. Das sieht man ihr an: Die Körperhaltung gerade, der Mund energisch, die Gestik präzise. Die Haare - na gut, die machen so ziemlich, was sie wollen. Dunkelbraun, lockig, unbändig. Vielleicht ein Hinweis darauf, wie es manchmal in ihrem Kopf aussieht mit all der Energie. Sehr frei aufgewachsen in einem ganz und gar unbürgerlichen Frauenhaushalt, vier Generationen unter einem Dach, als einziges männliches Wesen ein kastrierter Kater, hat sie gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen und nicht darauf zu warten, dass irgend jemand ihr aus schwierigen Situationen hilft. In die sie sich allerdings ab und zu durchaus selbst hineinreitet: Nicht bereit, sich aus Bequemlichkeit anzupassen, geht sie lieber ihre eigenen Wege, auch wenn die manchmal holperig sein mögen.

Nach dem Abitur arbeitete sie als Model und ging nach Paris, Mailand und schließlich New York. Der Mode-Glamourkosmos reichte ihr allerdings schnell nicht mehr: "Ich war chronisch unterfordert. Wer nicht total gehirnamputiert ist, merkt schnell, wie stupide dieser Job ist", erklärt sie. "Der Vorteil war eine immense Freiheit: Ich habe für damalige Verhältnisse auf einmal sehr viel Geld verdient und mir die Welt angesehen. Wenn ich jetzt nach Paris oder New York komme, habe ich immer das Gefühl, dass das ein Stück Heimat ist. Ich habe da sehr wichtige Erlebnisse gehabt."

In New York, das war schon längst ihr Plan, wollte sie zum Lee Strassberg Actor's Studio, wo immerhin vor langer, langer Zeit auch Marlon Brando oder Marilyn Monroe ihr Handwerk lernten. New York war gut für Natalia Wörner: "Als ich das erste Mal dort war, dachte ich sofort: Hier gehöre ich hin. Hier riecht und stinkt es so, wie ich es haben will." Nach New York zog Natalia Wörner nach Hamburg, wo sie zunächst in "off"-Theatern auf der Bühne stand und für wenig Geld in miserablen Stücken spielte. Viel lernen für den Beruf konnte sie da nicht, aber fürs Leben: Selbständigkeit, die Sicherheit, überall zurechtzukommen. Ihren Mut zum Risiko belohnten Produzenten, Intendanten und Regisseure mit Rollen: Ihren ersten Kinofilm drehte 1993: "Frauen sind etwas Wunderbares" unter der Regie von Sherry Hormann, und gleich darauf "Die Sieger" von Dominik Graf. Doch der 15-Millionen-Mark-Film (1994) floppt an den Kassen und Graf beschließt, vorerst keinen Kinofilm mehr zu drehen.

Ein Jahr später stand sie mit Gérard Depardieu in dem französischen Kinothriller "Die Maschine" vor der Kamera. Regisseur ist François Dupeyron. Laut Drehbuch verliebt sich der Psychiater mit Eheproblemen in die leicht bekleidete Titania in Shakespeares "Sommernachtstraum" auf der Bühne. Natalia findet - wider Erwarten - den als Kotzbrocken verschrienen Star Depardieu "ungeheuer männlich und gleichzeitig so sensibel." Wörner, die zu dieser Zeit gerne deutsches Kino machen würde, spielt allerdings erst mal kleine Fernsehrollen. In "Partner" etwa von Daniel Helfer oder Detlef Bucks "Ein Elefant vergisst nie".

Gewichtiger ist schon die Meret in "Kinder der Nacht" von Nina Grosse - alles 1995. Mit dem ZDF-Mehrteiler "Um die Dreißig" wurde Natalia Wörner schließlich auch dem breiten Publikum ein Begriff. Noch 1995 folgt ein weiterer Kinofilm "Irren ist männlich", erneut unter der Regie von Sherry Hormann. Danach war sie in dem "Tatort - Perfect Mind" (1996) von Friedemann Fromm zu sehen. Aufmerksamkeit erweckte sie 1997 mit zwei Rollen: neben Katja Flint und Christoph Waltz in dem albtraumhaften Thriller "Vicky's Nightmare" von Peter Keglevic und neben Ben Becker und Heino Ferch in Friedemann Fromms starkem Fernsehfilm "Spiel um dein Leben". Danach spielte Natalia Wörner endlich einen komischen Part als schwäbelnde, liebestolle Tochter eines Fußball-Präsidenten in "Zum Sterben Schön" und man sah sie in dem TV-Dreiteiler "Der Laden" (1998), der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

"Ich glaube, mein Beruf ist der Beste, den ich mir hätte wünschen können", sagt Natalia Wörner. "Er verschafft mir tiefe Einsichten in meine Bedürfnisse, Nöte und auch Schwächen. Ich glaube nicht, dass ein anderer Beruf mich selbst in diese Bereiche gebracht hätte." Im Jahr 2000 drehte sie "Verbotene Küsse" (Regie: Johannes Fabrick} und erhielt den Deutschen Fernsehpreis für ihre Rolle in der Episode "Blinde Liebe" der Serie "Bella Block" und für "Frauen lügen besser". Und sie stand endlich wieder auf der Bühne: In den Hamburger Kammerspielen in "Blue Room", einer modernen Adaption von Schnitzlers "Reigen". 2001 brachte sie das Stück "Proof" des Pulitzer-Preisträgers David Auburn vom Broadway nach Hamburg, wieder an die Kammerspiele.

2002 drehte sie den "Der Seerosenteich" fürs ZDF, 2003 spielte sie in dem Fernsehfilm "Liebe und Verlangen" ( Regie : Judith Kennel) die Rolle einer lesbischen Lehrerin, die sich in die Frau des Schuldirektors (gespielt von Katja Flint) verliebt. Im November 2002 eröffnete Natalia Wörner mit sechs anderen Kollegen in Ulrich Wallers Liederabend "Ein Stück vom Himmel" die jüdischen Kulturtage am Deutschen Theater in Berlin mit großem Erfolg.

2001 zog Natalia Wörner nach Berlin. Sie, die Langeweile nicht kennt, lebt gerne dort: "Diese Stadt viel anstrengender als Hamburg, sie lässt einen nicht in Ruhe, ist viel präsenter, spürbarer." Es geht ihr gut in Berlin, sie ist angekommen. Längst gehört sie zu den renommiertesten deutschen Schauspielerinnen, die sich in aller Ruhe ihre Rollen aussuchen kann und auch hier immer wieder solche, an die sich viele Kolleginnen nicht herantrauen würden, aber Natalia Wörner hat es sich nie leicht gemacht. So schrieb auch Der Spiegel über sie: "Sie sieht klasse aus und ist auch noch super-intelligent".

Seit 2006 ist Natalia Wörner zudem als Schleswiger Kommissarin in der losen Kriminalfilm-Reihe "Unter anderen Umständen" zu sehen. Die weiteren Filme: "Unter anderen Umständen" (2007), "Unter anderen Umständen" (2008), "Unter anderen Umständen" (2009), "Unter anderen Umständen" (2010), "Unter anderen Umständen", "Unter anderen Umständen" (beide 2011).

Weitere Filme mit Natalia Wörner: "Thea und Nat" (1991), "Leni", "Um die dreißig" (Serie in sechs Teilen von Ralf Huettner), "Blut an der Wiege" (alle 1994), "Unter Druck" (1995), "Der Rosenmörder", "Mammamia", "Zur Zeit zu zweit", "Zum Sterben schön", "Spiel um dein Leben" (alle 1997), "Der Handymörder", "Das Tal der Schatten" (alle 1998), "Der Feuerteufel - Flammen des Todes", "Tatort - Martinsfeuer" (alle 1999), "Klassentreffen - Mordfall unter Freunden", die Kinokomödie "Suck My Dick", "Liebe unter Verdacht", "Schleudertrauma" (beide 2002), "Experiment Bootcamp" (2003), "Durch Liebe erlöst", "Miss Texas" (beide 2005), "Die Sturmflut", "Der beste Lehrer der Welt" (beide 2006), "Durch Himmel und Hölle" (2007), "Die Lüge" (2008), "Mein Mann, seine Geliebte und ich" (2009), "Die Säulen der Erde" (2010), "Das Kindermädchen" (2011), "Die Kirche bleibt im Dorf", "Tatort" (beide 2012).