Mit 23 Jahren gehört Lotte noch zum Nachwuchs, doch die ersten großen Auftritte hat sie hinter sich, das Debüt "Querfeldein" landete auf Platz 30 der Charts. Wir haben mit ihr über Heimat, Geld und Castingshows gesprochen.

Jede Stadt gibt einem Menschen etwas mit und prägt einen. Du kommst aus Ravensburg. Wie prägt einen diese Stadt?

In meiner Erinnerung ist Ravensburg eine recht bodenständige und fleißige Stadt. Gefühlt stehen die Leute früh auf, ziehen ihr Ding durch und haben einen geregelten Alltag. Ich habe 19 Jahre da gewohnt und bin in der Zeit auch nie umgezogen. Deshalb ist die Stadt für mich Geborgenheit und Sicherheit. Und gerade jetzt, wo ich sehr viel reise, merke ich sehr deutlich, dass ich da meine Wurzeln habe.

So etwas ist selten geworden, Menschen ziehen gefühlt ständig um. Du aber hattest ganz lange noch ein Nest. Prägt das auch deine Musik?

Ich war nichts anders gewohnt. Seit zweieinhalb Jahren aber hat sich das gedreht, ich war zuerst in den USA, bin dann nach Innsbruck gegangen, dann nach Berlin und durch Deutschland getourt. Dann nach Hamburg und, kaum dass ich da gewohnt habe, wieder nach Berlin, um dort mein Album aufzunehmen. Ich bin die ganze Zeit gependelt, das hat mich schon herausgefordert. Als Mensch, der immer am gleichen Ort gewohnt hat, plötzlich keine Heimat mehr zu haben, war erst mal komisch. Darüber habe ich ja auch geschrieben. "Stadt der Türme" heißt eins der Lieder auf meinem Album, so wird Ravensburg genannt. Und in dem Lied geht es genau darum: diese Heimatlosigkeit irgendwie zu fassen oder zu verstehen – und vielleicht auch zu bekämpfen.

Musik ist ja oft ein Zufluchtsort. Suchst du auch selber in deiner Musik etwas, das du nicht mehr hast?

Zuflucht meinst du?

Zum Beispiel.

Für mich ist Musik auf jeden Fall ein Ventil – und eine Art beste Freundin. Aber ich glaube, das ist schon so gewesen, bevor ich angefangen habe, auf Tour zu gehen. In der Musik habe ich mich sicher gefühlt, habe alles aufgeschrieben, was mich bewegt, ob man sich verliebt oder umzieht, ob man glücklich ist oder einsam. In solchen Momenten habe ich halt nicht immer meine Freunde angerufen oder meine Mama, sondern meine Gitarre genommen und einen Song geschrieben.

Deine Karriere hat eigentlich erst im letzten Jahr richtig Fahrt aufgenommen, aber du machst schon wahnsinnig lange Musik. Auch für dich scheinen dieser Ravensburger Fleiß und Ehrgeiz also wichtig zu sein, um konsequent auf ein Ziel hinzuarbeiten?

Für mich war es nie so, dass ich ein festes Ziel hatte, ein Album rausbringen oder reisen oder meine Musik überall vorspielen. Ich habe die Musik mehr für mich gebraucht, sie hat immer dazugehört. Ich habe von Kindesbeinen an Instrumente gelernt – Geige, Gitarre, Klavier – und habe gesungen. Aber trotzdem dachte ich lange, dass ich mal etwas anderes machen würde.

Du hast ja auch mal Philosophie studiert ...

Ja, denn alle haben mir gesagt: Du kannst nicht einfach so vom Fleck weg Musik machen, das braucht Jahre. Aber am Ende hat es dann doch funktioniert.

Und wie haben deine Eltern deine Karrierepläne begleitet?

Ich glaube, die waren schon dezent verwirrt, als ich gesagt habe, ich studiere Philosophie. Da haben sie gemerkt, dass ich noch nicht richtig wusste, was ich will. Aber ich wusste einfach nicht wohin, zwar dass ich Musik machen will, aber nicht, wie es geht. Deshalb das eine Jahr Suchen, deshalb Philosophie, da habe ich versucht, meinen Weg zu finden – was dann auch ziemlich schnell ging. Und meine Eltern stehen hinter mir, für die ist wichtig, dass ich glücklich bin.

Aber es kam nie dieser klassische Satz? Lern doch erst mal was Vernünftiges?

Doch, manchmal. Aber dann ziemlich schnell auch nicht mehr.

Du hattest deine ersten Auftritte im Vorprogramm von bekannten deutschen Musikern. Wenn man da oben steht: Überwiegt dann der Stolz, das machen zu dürfen oder der Wunsch, schnellstmöglich selbst Hauptact zu sein?

Am Anfang war ich vor allem aufgeregt. Und dann war es eben auch die Möglichkeit sich zu testen. Die Leute haben da ja keine Erwartungen. Entweder du überraschst sie und nimmst sie mit oder eben nicht. Aber du enttäuschst auch niemanden.

Außer vielleicht dich selbst...

Außer dich selbst, ja. Das ist aber nicht passiert. Aber du hast natürlich Recht. Irgendwann habe ich gemerkt, wie viel mehr man mit einer Band machen kann. Wenn da ein Johannes Oerding oder ein Max Giesinger nach dir kommt und die ganze Halle zum Springen bringt, dann denkt man schon: "Hey, das will ich auch!" Aber nur mit einer Gitarre läuft das eben nicht so leicht.

Wenn ich Musiker sehe, die alleine auf der Bühne sind, und das geht mir selbst bei Ed Sheeran noch so, dann frage ich mich immer, ob die nicht wahnsinnig einsam sind ...

Mir hat damals nichts gefehlt, weil ich es nicht anders kannte, aber jetzt, wo ich weiß, wie es ist, die Bühne mit vier Menschen zu teilen, würde es mir fehlen. Da entsteht viel mehr Energie, man hat viel mehr Spaß. Und ich bewundere Ed Sheeran, dass er das so durchzieht.

Gab es denn Kontakt zu Musikern wie Giesinger oder Oerding? Haben Sie dich wahrgenommen oder dir Tipps gegeben?

Ich hatte das große Glück, dass beide wirklich supercoole Menschen sind. Max und ich kennen uns schon ein bisschen aus Hamburg und wir haben das gleiche Management. Das ist eine Familie. Und Johannes Oerding trifft man immer auf der Schanze in. Beide sind sehr aufgeschlossen und ich konnte viel von ihnen lernen. Mit Max konnte ich am Ende sogar zusammen schreiben, wir haben zwei Songs für das Album gemacht. Und heute kann ich sie anrufen, wenn ich Tipps brauche oder einen guten Steuerberater. Dafür bin ich sehr dankbar.

Musiker wie die beiden, aber auch viele andere in den letzten Jahrzehnten haben ja auch Pionierarbeit geleistet, indem sie deutschsprachige Musik wieder populär gemacht haben. Kannst du mit dem Begriff Deutschpop-Quote noch was anfangen?

Man hat mir davon erzählt, ja. Aber ich glaube, was gut ist, setzt sich durch. Und ich bin auch dankbar, dass es Radiosender gibt, die eine bestimmte Anzahl Newcomer-Songs spielt und Leuten wie mir damit eine Chance geben.

Und machst du dir Gedanken darüber, was erfolgreich sein könnte?

Es gibt auf jeden Fall ein Plan, wo es hingehen soll, wobei es wichtig ist, dass man realistisch bleibt, beispielsweise beim Timing. Du kannst nicht ein Album rausbringen und zwei Tage danach auf Tour gehen, sondern musst den Leuten Zeit geben, die Musik zu entdecken und lieben zu lernen. Sonst spielst du halt vor fünf Leuten. Aber im kreativen Bereich denke ich sehr ungern an Erfolg oder daran, was funktioniert. Wenn man das tut, wird es platt. Mir war es wichtig, Musik zu machen, die mir selbst gefällt. Ich habe einen hohen Anspruch an Musik und Konzerte. Und wenn ich Musik höre, will ich beides, dieses Träumerische und Verlorene, aber ich will auch Bruno Mars und Abtanzen und Michael Jackson – alles auf einmal halt.

Aber über Geld denkst du nach ...

Irgendwas muss ich ja haben zum Essen. (lacht)

Und darüber hinaus?

Geld ist für mich keine Motivation, das ist der falsche Ansatz. Ich habe lange überlegt, ob Musik ein egoistischer Lebensentwurf ist, weil man sich so viel um sich selbst dreht, die eigene Musik und die eigenen Gefühle und Gedanken. Aber dann habe ich gesehen, wie viel man den Leuten geben kann. Ich schreibe autobiografisch über das, was mich bewegt, und mache mich damit auf der Bühne gewissermaßen nackt. Wenn die Menschen dann das Gestern und Morgen für einen Moment vergessen und nur im Jetzt sind, habe ich erreicht, was ich will, dann bin ich glücklich.

Gibt es bei diesem Nacktmachen eine Grenze, über die du nicht hinaus willst?

Irgendwo bin ich ja Lotte, ich habe da kein Fantasiegeschöpf erschaffen wie Lady Gaga. Und deshalb bin ich auch sehr ehrlich und erzähle gerne von mir. Auch durch Social Media wie Instagram oder Snapchat, wo man morgens im Schlafzimmer schon ein Foto von sich und seinem Kaffee hochladen kann, fällt die Privatsphärengrenze natürlich. Aber es gibt Sachen, die niemanden was angehen. Was meine Geschwister gerade machen zum Beispiel. Und ich bin auch kein Blogger, der sein Essen fotografiert.

Dieser Egoismus, der ein Stück weit in einer Musikerkarriere drinsteckt, betrifft ja auch den Freundeskreis. Auch durch das viele Umziehen: Wie viele Leute hast du schon zurücklassen müssen?

Wie viele ich verloren habe? (lacht)

Vielleicht nicht verloren, aber die Kontakte werden sicher nicht gerade leichter.

Das stimmt und das ist schwierig. Aber die fünf Freunde, die man seit langem hat und die einen kennen, verstehen das. Obwohl man viel erklären muss. Es ist nicht immer verständlich, warum ich zwar ein Foto von mir und meiner Band hochladen kann, wie wir gerade nach der Show zusammen ein Bier trinken, aber keine "Zeit" habe, meine beste Freundin anzurufen. Da muss man sensibel sein und den Leuten erklären, wie verrückt das gerade ist und wie viel man unterwegs ist und wie wenig Zeit man hat. Aber die Meisten verstehen das.

Jetzt hast du deine Karriere ja komplett ohne YouTube oder Castingshows geschafft. Gab es nie die Idee, mal zu The Voice oder DSDS zu gehen?

Davor wurde ich sehr früh gewarnt. Ich glaube schon, dass das eine Chance sein kann, aber mir war das immer ein bisschen zu riskant und aufgesetzt. Leider ist das eine Branche, in der einem viel aufgedrängt wird und wo man schnell anders dargestellt werden kann, als man ist. Außerdem gab es auch schon genug Künstler, die bei The Voice waren oder bei DSDS und dann erst mal ein paar Jahre gebraucht haben, um sich aus diesem Image rauszuschälen.

Denkst du über dein Image nach?

Sehr viel sogar. Es geht in der Medienbranche ganz schnell, dass man in falsche Schubladen gesteckt wird, deshalb denke ich schon darüber nach, wo ich mich und mein Gesicht so blicken lasse – in welchen Fernsehshows zum Beispiel.

Und was die Tour angeht und das Bühnenbild? Da reichen die Möglichkeiten ja von Auftritten wie Ed Sheeran, nur mit Gitarre und Scheinwerfer, bis hin zur großen Show mit Feuerwerk. Wie würde deine perfekte Bühnenshow ausehen, wenn Budget keine Rolle spielt?

Bei der Bühne sehen ja von weitem viele Sachen sehr gut aus, auch wenn sie grob gemacht sind. Ich war vor kurzem bei zwei Konzerten von Philipp Poisell und habe mich auf der Bühne wahnsinnig wohl gefühlt, weil alles bis ins kleinste Detail durchdacht ist. Das hat mich sehr beeindruckt und da würde ich auch gerne hin, dass vor allem wir fünf uns auf der Bühne wirklich wohlfühlen.

In der deutschsprachigen Musik hat es in den letzten Jahren viele Kollaborationen gegeben von Musikern, die eigentlich gar nicht zusammenpassen. James Last und Fettes Brot zum Beispiel. Wär das was für dich?

Das finde ich schon spannend. Aber die Künstler, die ich bewundere, sind meistens nah an dem, was ich mache. Ich würde zum Beispiel super gerne was mit Casper machen. Gerade die neue Platte mag ich, die ist ein bisschen düster, etwas härter, aber auch verkopft. Aber auch Clueso, Bosse oder Bilderbuch finde ich cool. Ich würde gerne viel ausprobieren und bin für alles offen.

Unabhängig von deinen Texten muss man sagen: Musikalisch erfindest du das Rad nicht neu. Fragst du dich manchmal selbst, wie du innovativer sein könntest?

Für mich war es wichtig, ein Album zu machen, das ich selbst gerne hören würde. Und das habe ich geschafft. Für die Zukunft wünsche ich mir, noch stärker meinen eigenen Stil rauszuarbeiten. Aber für den Anfang war es richtig, genau das zu tun, was sich gut anfühlt.

Obwohl du eine Band hast, steht ja auch dein Name drauf.

Eben, und es ist auch mein Tagebuch, das sind meine Geschichten, meine Texte.

Trotzdem arbeitest du natürlich nicht alleine daran. Wie viele Leute beteiligen sich an solch einem Projekt? Wie groß ist der Einfluss der Band?

Die sind super kreativ. Und im Studio zum Beispiel waren die vier Jungs und ich, mein Management war dabei und mein Produzent Mick Schröder, der intensiv an allen kreativen Entscheidung beteiligt war. Die Band hatte tolle Vorschläge und Ideen.

Musikmachen ist also immer ein Spagat zwischen entscheiden und entscheiden lassen?

Ja, und das ist auch wichtig. Natürlich gab es auch Diskussionen im Studio. Und es gab auch Songs, bei denen wir abgebrochen haben, weil ich nicht mochte, in welche Richtung sie sich entwickelt haben. Und dann haben wir sie eine Woche liegenlassen und dann noch mal drübergeschaut. Das ist immer ein Kompromiss – und oft ein Auf und Ab. Am Ende aber hatten wir alle dieselbe Vision.

Casper hast du ja schon angesprochen – der hat sein letztes Album an einem bestimmten Punkt noch mal komplett verschoben, um ein ganzes Jahr, und sagte kürzlich, er sei sehr dankbar, dass seine Fans ihm das nicht krumm genommen hätten. Wie groß ist der Druck, abliefern zu müssen?

Ich glaube, dass man beim zweiten oder dritten Album viel stärker unter Druck steht als beim ersten. Auf das wartet ja keiner. Deshalb haben wir uns auch viel Zeit genommen – ein halbes Jahr für die Produktion und noch mal ein halbes Jahr, bis das Album rauskam. Aber was Casper gemacht hat, finde ich unglaublich mutig.

Um dich zu schützen, wirst du uns also eher nicht verraten, wann das nächste Album kommt?

Ich kann das auch nicht gar nicht einschätzen. Das erste ist ja gerade erst auf den Markt gekommen.

Aber es gibt ja schon so etwas wie einen Turnus, die Musikindustrie erwartet eine Menge.

Auf jeden Fall. Da wird erwartet, dass man ein Album rausbringt, dann auf Tour geht, dann kommt vielleicht ein Festivalsommer und dann solltest du aber auch wieder im Studio sitzen. Ich lasse mich erstmal nicht unter Druck setzen. Ich schreibe einfach immer weiter.