In Dominik Grafs Psychothriller "Am Ende aller Tage" (2017), den der BR wiederholt, soll Friedrich Mücke als abgebrochener Kunststudent Philipp Keyser im Auftrag einer gut betuchten, aber greisen Gruppe Frankfurter Geschäftsleute ein verschollenes Bild aufspüren. Angeblich befindet sich "Die Berufung der Salomé", ein frühes Werk des expressionistischen Malers Ludwig Glaeden, im Besitz des Münchener Sammlers Magnus Dutt (Ernst Jacobi). Weil Dutt jedoch wie ein Phantom lebt, versucht der junge Antiheld, über dessen Großnichte an den Kunstschatz heranzukommen.

Wenn Regisseur Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens") seinen Kunstszenen-Thriller als Reise eines jungen, von sich selbst überzeugten Mannes in das Zentrum menschlicher Ränkespiele und der Herzensverwirrung erzählt, dann hat das fast etwas Klassisch-Literarisches im Sinne des Entwicklungsromans. Drehbuchautor Markus Busch, den mit Graf eine lange Geschichte verbindet ("Die Freunde der Freunde", "Der Felsen", "Dreileben") bediente sich für diesen ARD-Film tatsächlich bei einer alten Novelle des anglo-amerikanischen Schriftsteller-Granden Henry James. In "The Aspern Papers" von 1888 spürt der Erzähler verschollenen Briefen seines verstorbenen Dichter-Idols in Venedig nach.

Der Held, ambivalent bis unter die Haarspitzen, versucht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, einer alten Liebe des Dichters und deren Nichte nahezukommen, um seine Ziele zu erreichen. In der modernen Version umgarnt der Kunstjäger nun die junge, erfolglose Extrem-Malerin Alma – stark gespielt von der 32-jährigen Victoria Sordo. Anfangs scheint Philipp Keysers Plan aufzugehen. Er erhält einen Job als Gartenverschönerer in Magnus Dutts Villa, darf der dort werkelnden Künstlerin bei der Arbeit zusehen. Als die erotische Spannung zwischen den beiden ausbricht, verschieben sich die Koordinaten in diesem Spiel um Kunst und menschliches Sein. Philipp Keyser, der sonst nichts hat, will jedoch immer noch seinen extrem gut dotierten Auftrag ausführen. Gibt es einen Weg aus dem Dilemma?

Anfangs genießt man die Spannung dieses 90-Minüters aus der Perspektive des Jägers, der seinem Ziel wie einer jener alten Privatdetektive aus existenzialistischen Film Noir-Krimis immer ein bisschen näher kommt. Im Lauf der Handlung schieben sich andere Genres und Reize in den Vordergrund: "Am Abend aller Tage" wird zum kunstsinnigen Erotik-Drama, zur doppelbödigen Entwicklungsgeschichte und vor allem zum verwirrenden Spiel zwischen Schein und Sein, das an labyrinthische Thriller wie Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" erinnert. Weil der Plot immer im Fokus bleibt und Henry James Vorlage so stark ist, verliert Dominik Grafs expressionistischer Regie-Stil diesmal nicht den Überblick, der Film bleibt nahe an seinen Charakteren dran.


Quelle: teleschau – der Mediendienst